10.11.2017 03:00 | Andreas Haupt

Blinder Autor trägt erstmals aus seinen Erzählungen vor: Albrecht Verron: Er schreibt, was er hört und fühlt

Seckbach Die Freude am Spiel mit der Sprache brachte Albrecht Verron dazu, Erzählungen und Gedichte zu schreiben. Heute trägt er seine Werke im alten Seckbacher Rathaus erstmals öffentlich vor.

Das Buch in der Hand braucht Albrecht Verron eigentlich nicht, wenn er seine Erzählung über Wanderungen mit seiner Frau durchs Mühlenviertel vorträgt: Er ist blind und hat die Texte alle im Kopf. Auch den Huthpark, in dem er hier steht, kennt er gut. Sein Weg zur Arbeit führte hier entlang.
Das Buch in der Hand braucht Albrecht Verron eigentlich nicht, wenn er seine Erzählung über Wanderungen mit seiner Frau durchs Mühlenviertel vorträgt: Er ist blind und hat die Texte alle im Kopf. Auch den Huthpark, in dem er hier steht, kennt er gut. Sein Weg zur Arbeit führte hier entlang. Bild: Holger Menzel

Wenn Albrecht Verron (76) von den Spaziergängen mit seiner Frau schwärmt, von den gemeinsamen Ausflügen ins Mühlenviertel, ins Hasenbachtal, an den Dörsbach, Sülzbach, Mühlbach, wenn er von den Treffen mit anderen Spaziergängern erzählt oder der früheren Müllerin, die heute Mineralwasser und Brezeln verkauft, dann ist es, als ob er diese Bilder nach 20 Jahren noch einmal wiedersehen könnte. Verron ist blind, nicht von Geburt an, doch es wurde immer schlimmer. Seit 17 Jahren erkennt er nur noch leichte Schatten. Und doch beschreibt er jene Spaziergänge in seiner Erzählung „Mit der schönen Müllerin“ sehr lebendig. Zusammen mit anderen seiner Texte trägt er sie nun erstmals öffentlich in Seckbach vor.

Kein Schriftsteller

Das Büchlein bräuchte Verron dazu nicht mitbringen – seine Geschichten kennt er auswendig. Flüssig trägt er vor, als ob ihm die Gedanken eben gekommen wären. Ein Schriftsteller sei er nicht, sagt Verron. „Als Schriftsteller gilt, wer bereits ein eigenes Buch herausgebracht hat. Das habe ich nicht.“ Auch wenn einige seiner Erzählungen bereits in Anthologien, in Sammlungen mit Texten mehrerer Autoren, erschienen sind. Auch Auszeichnung bekam er schon – 2017 etwa einen dritten Preis beim Literaturwettbewerb in Stockstadt am Ried. Natürlich widmet aber auch er einen Großteil seiner Zeit dem Schreiben und dem Feilen an seinen Texten.

Dieses Feilen ist es, das Verron besonders reizt. „Einen Roman zu schreiben, hat für mich keinen Reiz. Mein Anreiz ist, eine eigene Sprache zu entwickeln, die meinen hohen Anforderungen entspricht.“ Empfindungen beim Leser wachzurufen, sei sein Ziel. Dies will er durch die Wortwahl, durch die Musik und die Melodie der Sprache erreichen. „Das ist für mich ganz bedeutend“, sagt er. Sein großes Vorbild ist Joseph von Eichendorff, dessen 1822 fertiggestellte Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ihn schon früher erfreut habe.

Um Empfindungen auszulösen beim Leser sei seine Blindheit vielleicht sogar von Vorteil, findet Verron. „Ich könnte provokativ behaupten: Durch das Sehen lässt man sich leicht vom Wesentlichen ablenken. Den Kern der Dinge kann man nur erspüren, wenn man in sich hinein schaut.“ Diese innere Sicht müsse man beim Schreiben stets mit einbringen.

Zumal Verron genau weiß, wie die Welt aussieht. In seiner Jugend – Verron wurde 1941 in Baden-Württemberg geboren – diagnostizierten Ärzte bereits eine degenerative Erkrankung der Hornhaut, die ihn langsam erblinden ließ. „Im Studium brauchte ich bereits eine Lupe zum Lesen“, erklärt er, später im Beruf bekam er einen Computer mit Sprachausgabe, wie er ihn auch heute noch zum Schreiben seiner Texte benutzt.

So fühlt sich Beton an

Dass er nicht sehen könne, thematisiere er nicht in seinen Texten, sagt Verron. Er wolle auch nicht, dass es eine Rolle spiele, weil die Texte und nicht sein Sehvermögen wichtig seien. Eine Erzählung gibt es dennoch, in der Verron genau das thematisiert: In „Gespräch in Beton“ ist der Protagonist ein blinder Mann, der abends am U-Bahn-Halt Seckbacher Landstraße auf die nächste Bahn wartet. Ein Ort, der auch Verron sehr vertraut ist, fährt der Seckbacher doch oft von hier aus in die Innenstadt.

Heute trägt Verron erstmals öffentlich aus seinen Werken vor. Neben „Mit der schönen Müllerin“ und „Gespräch in Beton“ ist dabei „Prinz sucht Prinzessin“ zu hören. Verron führt selbst in seine Texte ein. Begleitet wird er dabei von der Geigerin Cornelia Ilg, die nicht nur im Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks spielt, sondern auch in Kammerorchestern oder als Solokünstlerin auftritt.

Lesung mit Musik

heute um 19 Uhr im Clubraum 1 des Alten Rathauses, Hofhausstraße 2. Veranstalter sind die Paten des offenen Bücherschranks, das Quartiersmanagement und Kids Seckbach.

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Wie viele Monate hat ein Jahr?: 

Weitere Artikel aus Frankfurt

Weitere Artikel aus Frankfurt

Frankfurt
|
FNP, FR und FAZ gönnen sich

Die hässlichen Höhepunkte des Hate-Slams 2017

Rubrikenübersicht