Stadtteil-Serie (Teil 15)

Altstadt: Das Herzstück Frankfurts

Von Michael Faust
Mitte des 13. Jahrhunderts gründeten Mitglieder des Kölner Karmeliterordens eine Niederlassung in Frankfurt, die sie bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts unterhielten.
Michael Faust/FNP
Die Altstadt Frankfurts ist wie kein anderer Stadtteil von wiederkehrender Zerstörung, stetem Neuaufbau und Veränderung geprägt. Die wechselhafte Geschichte des mit ungefähr 3400 Einwohnern und weniger als einem halben Quadratkilometer Fläche kleinsten Stadtteils hat stets Spuren hinterlassen.

Archäologischen Erkenntnissen zufolge ist das Gebiet zwischen Samstagsberg und Domhügel seit der Jungsteinzeit regelmäßig besiedelt gewesen. Der älteste erhalten gebliebene Rest einer Bebauung auf dem Domhügel ist römischen Ursprungs. Der Archäologische Garten wird vom künftigen Kernstück des Dom-Römer-Quartiers, dem „Stadthaus am Markt“, nicht nur schützend überbaut, sondern in einem frei zugänglichen Bereich auch museal präsentiert.



Im Mittelalter entwickelte sich die einstige Königspfalz ab dem 9. Jahrhundert zu einem der politischen Zentren des östlichen Frankenreiches. Städtebaulich hatte die Altstadt eine klare Struktur mit drei Nord-Süd-Achsen: Im Westen verlief der Kornmarkt, in der Mitte verband die Neue Kräme die beiden größten Plätze (Liebfrauen- und Römerberg), östlich des Doms verlief die Fahrgasse von der Bornheimer Pforte nahe der heutigen Konstablerwache zur Mainbrücke.

Die Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg durch alliierte Luftangriffe fast vollständig zerstört, nur wenige Gebäude mit historischer Bausubstanz blieben erhalten. Ein Großteil der einstigen Altstadt wurde im sachlichen Stil der 50er Jahre mit Wohnhäusern oder Zweckbauten wie dem Gebäude des Bundesrechnungshofes oder der Kleinmarkthalle bebaut, viele Bauruinen zugunsten einer autogerechten Straße abgerissen.



Nur vereinzelt kam es zur Rekonstruktion nach alten Plänen.
Derzeit befindet sich der Stadtteil erneut in einer Umbruchphase, die das Ambiente komplett verändern wird. Wieder einmal. Die Neue Altstadt erweist sich kurz vor der Fertigstellung bereits als Magnet. Reporter Michael Faust hat die Altstadt mit der Kamera erkundet.

Das Karmeliterkloster

Mitte des 13. Jahrhunderts gründete der Kölner Karmeliter-Orden einen Ableger in Frankfurt, der bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestand. Anschließend als Warenlager und Kaserne genutzt, verfiel der Komplex. Die Schäden aufgrund  des Zweiten Weltkrieges wurden in den 1950er Jahren notdürftig beseitigt. Dreißig Jahre später wurde die Klosterkirche vereinfacht wiederaufgebaut und in den Neubau des Museums für Vor- und Frühgeschichte integriert. Das Gebäude beherbergt heute auch das Archäologische Museum und das Kabarett „Die Schmiere“.

Die Zeichen stehen auf Romantik


Joachim Seng, Leiter der Bibliothek im Goethe-Museum, an seinem Lieblingsort, der weltweit einzigartige Sammlung zur Literatur der deutschen Romantik. Zu Ehren von Frankfurts berühmtestem Sohn, Johann Wolfgang von Goethe, wurde das Geburtshaus ab Mitte des 19. Jahrhunderts rekonstruiert. Heute ist das Goethe-Museum nicht nur bei Touristen ein überaus beliebtes Ausflugsziel. Und direkt nebenan entsteht das Deutsche Romantik-Museum.

Die Neue Altstadt gerät zum Märchen


Das Dom-Römer-Projekt, besser bekannt als Neue Altstadt, ist eines der größten städtebaulichen Projekte der vergangenen Jahrzehnte. 2004 entstand die Idee, das 1974 errichtete Technische Rathaus umzubauen. Auf Betreiben von Bürgerinitiativen beschloss die Stadtverordnetenversammlung 2007, das durch den Krönungsweg der römisch-deutschen Könige und Kaiser geschichtlich bedeutsame Gebiet neu zu gestalten. Neben der historisierenden, kleinteiligen Bebauung wurde viel Wert auf eine möglichst genaue historische Wiederherstellung des Straßennetzes gelegt. Ende 2017 sollen alle Häuser fertig sein; die Kosten bei rund 200 Millionen Euro liegen. 2018 ist das Eröffnungsfest geplant.

Das Wahrzeichen


Der Römer mit seiner markanten Treppengiebelfassade und der Römerberg sind Frankfurts bekannteste Wahrzeichen. Seit dem 15. Jahrhundert ist der Römer das Rathaus. Woher der Name rührt, steht nicht zweifelsfrei fest – noch immer gibt es verschiedene Deutungsansätze. Der Römerberg ist der zentrale Platz Frankfurts, Brautpaare treffen auf Gaukler, Musiker auf Künstler und fliegende Händler. Außerdem finden hier viele Großveranstaltungen wie etwa der „Ironman“ und der Weihnachtsmarkt statt.

Ein Hauch von Venedig


In der Mitte des Römer-Verwaltungsbaus befinden sich die Rathaustürme „Langer Franz“, einst 70 Meter hoch, und der niedrigere „Kleine Cohn“ sowie die „Seufzerbrücke“. Den Namen gaben Steuerpflichtige dem Bau in Anlehnung ans venezianische Original wegen der im Nordbau zu zahlenden Abgaben. Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet, wurden die Türme im Zweiten Weltkrieg zerstört und nur unvollständig wieder hergestellt. Mehrere Initiativen zum originalgetreuen Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Türme scheiterten bereits, aber ein Verein unter der Führung des Architekten Christoph Mäckler hat sich nun erneut die originalgetreue Rekonstruktion zum Ziel gesetzt.

Demokratie-Symbol


Die Paulskirche gilt neben dem Hambacher Schloss als das Symbol der deutschen Demokratie. In dem klassizistischen Rundbau tagten von 1848 bis 1849 die Delegierten der Frankfurter Nationalversammlung und damit der ersten frei gewählten deutschen Volksvertretung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche als erstes historisches Gebäude Frankfurts mit stark vereinfachtem Innenraum wiederaufgebaut und am 18. Mai 1948 als „Haus aller Deutschen“ wiedereröffnet. Als nationales Denkmal wird sie für Ausstellungen und öffentliche Veranstaltungen sehr rege genutzt.

Hoch hinaus


Im Laufe der Jahrhunderte zogen immer mehr Menschen nach Frankfurt, wodurch sich die Bevölkerungsdichte in der Altstadt merklich erhöhte. Die Gebäude wuchsen in die Höhe und hatten bis zu fünf Vollgeschosse. Jedes Obergeschoss ragte etwas über das untere hinaus, so dass sich die Bewohner ganz oben teils über die Gasse hinweg die Hand reichen konnten. Diese Entwicklung lässt sich gut am „Haus Großer Engel“ auf dem Römerberg (rechts) erkennen. Es wurde 1983/84 im Zuge der Rekonstruktion der Ostseite des Römerbergs weitestgehend originalgetreu wiederaufgebaut.

 
Michael Faust