14.11.2017 03:00 |

Marke Reußenzehn: Bei ihm werden Kopfhörer zu Opernhäusern

FRANKFURT Reußenzehn ist unter Musikkennern international eine bekannte Marke. Die Röhrenverstärker entstehen in keiner Präzisionsfabrik, sondern auf der Werkbank in einem Frankfurter Keller.

Über den Masterclass-Kopfhörerverstärker wurden Lobeshymnen in Hifi-Zeitschriften geschrieben.
Über den Masterclass-Kopfhörerverstärker wurden Lobeshymnen in Hifi-Zeitschriften geschrieben. Bild: Holger Menzel

Wer noch glaubt, bei Thomas Reußenzehn ein gewöhnliches Elektrowarenfachgeschäft zu besuchen, bemerkt schon an der Klingel den Irrtum. Aus der kleinen Metallbox schallt es blechern: „Lieber Postbote, Pakete bitte in der Offenbacher Landstraße abgeben.“

Selbst den alltäglichen Umgang mit dem Postboten vereinfacht Reußenzehn mit einer technischen Bastelei. „Ach, ich hab’ vergessen, die Klingel umzuschalten. Hatte gerade Kundschaft aus den USA“, ruft Reußenzehn über den Hof seines Wohnhauses an der Rebenstraße in Frankfurt-Oberrad. Dort ist auch seine kleine Manufaktur für Röhrenverstärker.

 

Thomas Reußenzehn ist der Typ jung gebliebener Rockmusiker – und spielt noch selbst gern in seiner Werkstatt. Foto: Holger Menzel
Thomas Reußenzehn ist der Typ jung gebliebener Rockmusiker – und spielt noch selbst gern in seiner Werkstatt.

Reußenzehn ist 62 Jahre alt. Schwarzes T-Shirt, Jeans, kurzes graues Haar. Er ist der Typ jung gebliebener Rockmusiker. Seine kleine Werkstatt im Keller ist vollgestellt mit Musikinstrumenten. Gitarren hängen an den Wänden, zwei Hammond-Orgeln stehen in den Ecken.

Wer hier herkommt, weiß meist, was er sucht. Wie der Name schon verrät, verstärken Verstärker einen Ton, etwa den Akkord, den man auf einer Gitarre anspielt. Er macht ihn lauter. Röhrenverstärker, wie sie Reußenzehn herstellt, wurden durch Transistorenverstärker weitestgehend verdrängt. Glaubt man Wikipedia, hat Reußenzehn aber zu einem kleinen Revival von hochwertigen Röhrenverstärkern beigetragen.

Jedes Teil ein Unikat

Die baut und entwickelt er vor allem für Musiker und Musik-Liebhaber; für Leute, die sich ein feines Gehör antrainiert haben. Die Qualität hat ihren Preis. Keiner seiner Verstärker kostet unter 1000 Euro.

Seine Kundschaft ist international und in ihren Szenen teils auch berühmt. Etwa Billy Gibbons, der Gitarrist der Band ZZ Top oder der Jazz-Musiker Jack Bruce haben sich bei Reußenzehn ausgestattet. „Musiker kommen häufig mit Sonderwünschen“, sagt Reußenzehn. Sie hätten genaue Vorstellungen davon, welche Musik sie schaffen wollten. Dafür brauchten sie das entsprechende Equipment.

Reußenzehn kann das bieten. Jedes seiner Produkte stellt er von Hand her. Gerade baut er an einem Birdie. Das ist ein Lautsprecher, der sich wie ein Propeller dreht. So verzerrt der Dopplereffekt das Klangbild. Das Phänomen kennt man etwa von einer Sirene, da verändert sich der Klang, wenn der Krankenwagen vorbeirast.

Mit seiner Arbeit hat Reußenzehn früh begonnen. „Meinen ersten Verstärker habe ich 1968 gebaut“, sagt er. Da war er 13 Jahre alt. Von seinem Vater hat der Frankfurter Bub’ gelernt, wie man Holz und Metal verarbeitet. Nach der Schule folgte eine Ausbildung als Fernmeldetechniker. Danach studierte er an der Frankfurter Hochschule.

Er finanzierte sich, in dem er mit seiner Band auftrat und nebenher Verstärker reparierte. „Das waren wichtige Lehrjahre“, sagt Reußenzehn. „Durch die Bastelei an den Verstärkern lernte ich all die Schwächen, die die einzelnen Modelle hatten. Und auch wie man sie vermeidet.“ Im Jahr 1978, direkt nach dem Studium, eröffnete er schon sein erstes Geschäft.

Was er heute verkauft, lässt sich in drei Kategorien gliedern. Erstens: Konzerttechnik, etwa der Birdie. Zweitens: Studiotechnik, die den kleinsten Teil einnimmt. Drittens: Röhrenverstärker, mit denen man zu Hause Musik hört. Die stellt er in einem kleinen Raum neben der heimischen Küche aus. Einer der Verstärker etwa ist extra für Kopfhörer gedacht. Setzt man sie auf und schließt die Augen, scheint sich der Klangraum in ein gigantisches Opernhaus zu verwandeln.

Die Kopfhörer seien handelsüblich, sagt Reußenzehn. Das Klangerlebnis erzeuge nur der kleine Röhrenverstärker. Der ist zwei Handflächen groß und erinnert an ein Abbild einer futuristischen Stadt im Miniformat. Er kostet rund 1200 Euro.

„Teuer heißt nicht gut“

„Mit den Kosten ist das so eine Sache“, sagt Reußenzehn. Das Geschäft mit hochqualitativer Technik erfordere intensive Beratung. In den großen Märkten könnten sich die Verkäufer keine anderthalb Stunden für einen Kunden Zeit nehmen. „Mancher hat über 20 000 Euro für seine Musikanlage ausgegeben“, sagt Reußenzehn, „und ist dennoch unglücklich, weil er falsch beraten wurde.“

Kunden, die bereit sind, viel Geld auszugeben, müsse er bremsen. „Teurer heißt nicht besser.“ Es komme darauf an, wie groß der Raum sei und welche Musik man höre. Klassik sei anspruchsvoller für die Anlage als Punk. Reußenzehn spricht von „Dynamikunterschieden“. „Eine leise Piccoloflöte muss auch leise sein, wenn zugleich ein lautes Orchester spielt.“

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Welche Farbe entsteht, wenn man Rot und Gelb mischt?: 

Weitere Artikel aus Frankfurt

Ein defektes Teil soll verantwortlich sein für das Brummen des „Spargels“ (Fernmeldeturms). Die vom Lärm betroffene Bürgerin Doris Soric, Techniker Dominik Oeltzer und Ortsvorsteher Kaufmann (von links) beraten an einem Modell des Turms, was gegen das Geräusch unternommen werden kann.
Bockenheim
|
Schallpegelmessung

Warum der Ginnheimer Spargel brummt

Dass Pepper als Dozent auftritt, ist eine Ausnahme. Er ist einer von acht Robotern, an denen die UAS forscht. Immer geht es um die Frage, ob diese Maschinen sinnvoll in der Pflege eingesetzt werden könnten.
Frankfurt
|
University of Applied Sciences

Roboter hält zum ersten Mal Vorlesung in Frankfurt

Weitere Artikel aus Frankfurt

Rubrikenübersicht