10.11.2017 03:30 | Inga Janovic

Wahlgeschenke: Das Versprechen von der Gratis-Kita

Frankfurt Oberbürgermeister Peter Feldmann und Bildungsdezernentin Sylvia Weber (beide SPD) wollen die Kita-Gebühren abschaffen. Ist das wirklich nötig?

In der Krabbelstube werden Kinder meist liebevoll betreut. Die Stadt zahlt dafür  weit mehr als die Eltern.
In der Krabbelstube werden Kinder meist liebevoll betreut. Die Stadt zahlt dafür weit mehr als die Eltern. Bild: Jens Büttner (dpa-Zentralbild)

Kostenlose Kita-Plätze – das war und ist ein beliebtes Versprechen an das Volk. In diesem Jahr hat es wieder Hochkonjunktur: Martin Schulz, damals noch Kanzlerkandidat der SPD, hatte es den Wählern auf dem Römerberg in die Hand versprochen. Sein Parteifreund Oberbürgermeister Peter Feldmann überbot die Landesregierung aus CDU und Grünen: Wenn diese ankündige, demnächst einen Anteil des Elternbeitrags für Krippe, Kindergarten oder Hort zu übernehmen, dann werde die Stadt auch noch den Rest bezahlen. Kinderbetreuung, so tönt man gern, dürfe die Eltern nichts kosten.

 

Dabei zahlen die Mütter und Väter ohnehin nicht das, was die Betreuung ihrer Kinder tatsächlich kostet. Ganz im Gegenteil, ihr Beitrag deckt nicht einmal die Hälfte. Die Stadt mag beim Ausbau der Betreuungskapazitäten streckenweise zu langsam sein, bei den Preisen ist sie eher großzügig. So liegen die Gesamtkosten für einen Knirps im Kindergarten bei 803 Euro im Monat. Die Eltern zahlen davon lediglich 148 Euro – und das auch nur, wenn sie in die höchste Gehaltsstufe des einkommensabhängigen Tarifsystems fallen.

Wer wenig verdient, zahlt 48 Euro im Monat, beziehen Eltern Hartz IV oder andere Sozialleistungen, werden die Kosten ganz übernommen. Für Geschwisterkinder gibt es gestaffelte Beträge und das letzte Kindergartenjahr ist für alle kostenlos. Im Gegenzug gibt es eine mit einiger Verantwortung verbundene Leistung, an fünf Tagen in der Woche, von morgens um 7.30 Uhr bis nachmittags um 17 Uhr.

Wobei noch das Essensgeld, meist um die 50 Euro im Monat, zusätzlich zu zahlen ist. Berufstätige können ihre Kosten für die Kinderbetreuung bei der Steuererklärung geltend machen.

Krabbelstube kostet mehr

Am höchsten fallen die Kosten für die Allerkleinsten aus: Knapp 1600 Euro monatlich kostet der Ganztagsplatz in der Krabbelstube oder bei einer Tagesmutter tatsächlich, maximal 198 Euro bezahlen die Eltern dafür. Hortkinder werden kürzer und etwas preiswerter betreut: 118 Euro im Monat ist der Höchstsatz für die Eltern, 483 Euro schießt die Stadt dazu.

Trotzdem feilt man im Bildungsdezernat an der Idee, den Eltern die Kosten für die Kinderbetreuung ganz abzunehmen. „Es ist und bleibt der Wunsch von Stadträtin Weber und auch des Oberbürgermeisters, die Kinderbetreuung künftig kostenfrei zu gestalten“, bestätigt Sabrina Mannebach, Referentin von Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD). Wie teuer das für die Stadt würde, rechne das zuständige Amt gerade aus.

Ein kostenloses Angebot zur Kinderbetreuung sei ein guter Hebel, um Frauen die Rückkehr an den Arbeitsplatz zu ermöglichen, sagt Mannebach. Zudem könne man so mehr Eltern dazu bewegen, ihre Kinder in die Kitas zu geben – und den Kleinen damit Zugang zu frühen Bildungsangeboten, vor allem Sprachförderung, zu sichern.

In diesem Zusammenhang sprechen Politiker auch gern von Bildungsgerechtigkeit. Schule und Uni seien auch kostenfrei. Allerdings: In die Schule müssen die Kinder gehen, Krabbelstube und Kindergarten hingegen sind freiwillige Angebote.

Fast alle machen mit

Möglichst alle Kinder zu erreichen gelingt in Frankfurt derzeit auch mit Kita-Gebühren: 98 Prozent aller Drei- bis Sechsjährigen besuchen einen Kindergarten, 78 Prozent von ihnen haben einen Vollzeitplatz, können also von acht bis fünf in der Betreuung sein.

Aus der CDU-geführten Stadtkämmerei kommen zum Thema Gratis-Betreuung vorsichtige Signale, schließlich arbeitet Uwe Becker gerade an einem Plan zur Haushaltskonsolidierung. „Man kann jeden Euro nur einmal ausgeben. Es ist eine politische Entscheidung, wofür“, sagt sein Referent Markus Codina-Lozano.

Alix Puhl, Vorsitzende des Stadtelternbeirates, macht auch nicht sofort Freudensprünge: „Das ist nicht das Drängendste, was wir brauchen.“ Da solle die Stadt lieber mehr Betreuungsplätze schaffen, Schulen und Kitas freie Budgets zuweisen und vor allem für Personal sorgen, statt arme wie reiche Eltern gleichermaßen zu beschenken. Eltern wünschen sich nicht billigere, sondern bessere Betreuungsplätze. So besagt eine bundesweite Studie, dass knapp die Hälfte bereit wäre, mehr Geld für Krippe oder Kindergarten zu bezahlen, wenn die personelle Ausstattung und das Betreuungsangebot besser wären.

Damit kann die Stadt nur schwerlich dienen. In Frankfurt ist der Mangel an Erziehern besonders groß. Die Stadt ist teuer, das Erziehergehalt eher klein. Zudem ist die Sozialstruktur der Großstadt keine einfache, schon der Sprachenvielfalt wegen ist die Arbeit in den Kitas teilweise anspruchsvoller als in ländlichen Regionen.

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