20.04.2017 03:30 | Thomas J. Schmidt

Ortsbeirat Bergen-Enkheim fordert Offenlegung der Verträge: Dem Hessen-Center Zügel anlegen

Bergen-Enkheim 1971 eröffnet, ist das Hessen-Center an der Borsigallee ein Fremdkörper in Bergen-Enkheim geblieben. Jetzt soll es umgebaut und erweitert werden. Der Ortsbeirat will dabei aber nicht übergangen werden.

Der Ortsbeirat 16 möchte die geplante Erweiterung des Hessen-Center kritisch begleiten.
Der Ortsbeirat 16 möchte die geplante Erweiterung des Hessen-Center kritisch begleiten. Bild: Leonhard Hamerski

Mit Misstrauen begegnet der Ortsbeirat 16 (Bergen-Enkheim) den Erweiterungsplänen des in die Jahre gekommenen Hessen-Centers. Es ist eines der ersten Shopping-Center in Deutschland. Dass es dringend saniert werden muss, ist auch den Stadtteilpolitikern klar. Der Betreiber ECE teilte auf Nachfrage der FNP mit: „Wir befinden uns im laufenden Verfahren in enger Abstimmung mit der Stadt.“ Doch die Ortsbeiräte wollen mehr Mitspracherechte bei der Sanierung und Erweiterung.

Es war Rainer Lehmann, Vertreter der Linken im Ortsbeirat, der den umfangreichen und recht detailliert ausgearbeiteten Antrag gestellt hatte. Den Projektentwicklern von ECE sollen damit Zügel angelegt werden. Den Antrag auf die nächste Sitzung zu verschieben, wie die Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese (CDU) vorgeschlagen hatte, lehnte Lehmann ab. In der nächsten Sitzung des Ortsbeirats wird von den Regionalplanern das Einzelhandelskonzept des Stadtteils vorgestellt.

Schon zuvor war in der Bürgerfragestunde die Diskussion über das Center aufgekommen. Ein Bürger klagte: „Es gibt seit Jahren Leerstand im Hessen-Center. Die Ausbaumaßnahmen sind notwendig, damit das Center bestehen bleibt.

Renate Müller-Friese ergänzte: „Uns hat keiner gefragt, ob wir für den Ausbau des Einkaufszentrums in Hanau sind.“ Hintergrund: In Bad Vilbel und Hanau wird der geplante Ausbau des Hessen-Centers kritisch gesehen. Müller-Friese zufolge ist das Center-Management des Betreibers ECE in Gesprächen mit der Stadt. „Diese verlaufen gut.“ Als erstes solle das Parkdeck saniert werden.

Einzelhandel zerstört

Den Leerstand, erwiderte Günther Kraus (Wir Bergen-Enkheimer, WBE), „gibt es in Bergen-Enkheim“. Etliche Einzelhandelsgeschäfte hätten schließen müssen, nachdem das Hessen-Center 1971 eröffnet hat. „Die Sorgen über den Ausbau kommen nicht nur aus Bad Vilbel, sondern auch von Gewerbevereinen in benachbarten Stadtteilen.“ Allerdings, so Müller-Friese, gehe es im Center und bei seinem Ausbau nur um großflächigen Einzelhandel, keinen „nahversorgungsrelevanten“ Handel. „Und letztlich sind die Bergen-Enkheimer schuld, wenn es immer weniger Geschäfte gibt. Sie hätten halt dort einkaufen müssen, als es sie noch gab.“

Lehmann hat in seinem Antrag unter anderem gefordert, dass ECE sich verpflichtet, keinen weiteren nahversorgungsrelevanten Einzelhandel anzusiedeln. Zudem solle ECE eine Rückbauverpflichtung für das gesamte Areal übernehmen, alle städtebaulichen Verträge müssten offengelegt werden und das fällige Verträglichkeitsgutachten solle auf Kosten der ECE vom Deutschen Institut für Urbanistik auf seine Werthaltigkeit geprüft werden. Bislang seien die Verträglichkeitsgutachten seitens der Projektentwickler nämlich oft nur „Gefälligkeitsgutachten“.

Lehmanns fünfte Forderung: ECE soll einen Architektenwettbewerb ausschreiben, um die derzeitige „Zitadellen-Struktur“ des Centers zu überwinden, es zum Stadtteil zu öffnen. Zudem sollten Sozialwohnungen auf dem nicht benötigten Center-Gelände an der Borsigallee entstehen. Um diesen letzten Punkt kämpfte Lehmann jedoch nicht; er stimmte anstandslos dem Vorschlag von Eberhard Schwarz (SPD) zu, den Punkt mit den Wohnungen zu streichen.

„Ich bin dagegen!“

„Wenn das beschlossen wird, ist das Center tot. Wir haben nur Forderungen, wollen Sozialwohnungen, eine Kita, die Öffnung zum Stadtteil“, empörte sich Reinhard Müller (WBE). „Ich werde jedenfalls dagegen stimmen!“

Rainer Lehmann sprang für die Städte Bad Vilbel und Hanau in die Bresche, die um ihren Einzelhandel fürchten, wenn das Hessen-Center attraktiver wird. „Wir können die Probleme nicht mehr als Städte lösen. Alle wissen, Frankfurt wird die benötigten Wohnungen nicht auf seiner Gemarkung bauen können. Wir brauchen das Umland und das Umland uns.“ Deswegen sei schon 2010 ein Regionalplan erstellt worden. Die Abstimmung selbst brachte das Ergebnis: 13 der 19 Ortsbeiräte stimmten für den geänderten Antrag des Linke-Politikers. Dagegen waren nur Müller und ein Teil der CDU-Fraktion.

Kommentare
  • Verdrehte Tatsachen
    geschrieben von HGZ (35 Beiträge) am 20.04.2017 23:25

    Dass die Anwohner von Bergen lieber zum Einkaufen ins Hessen-Center gehen, liegt daran, dass die Marktstraße, wie der gesamte Stadtteil, für Fußgänger mindestens extrem unattraktiv ist. Engste Gehwege, die auch noch massiv zugeparkt werden. Menschen mit Kinderwagen und Rollatoren sowie Behinderte in Rollstühlen haben hier gar keine Chance, für Kinder und Alte ist es schlicht total gefährlich.

    Der gesamte Stadtteil ist aufs Auto ausgelegt. Da ist es doch kein Wunder, dass man dahin geht, wo man ungefährdet zum Einkaufen flanieren kann.

    Jetzt die Schuld den Bürger zu geben oder gar der Tatsache, dass es bessere Angebote gibt, ist ein Hohn. Schuld am Aussterben ist die Gestaltung des öffentlichen Raums zu 90% für den fließenden und stehenden Verkehr.

  • Lehmann leistet beispielhaft konstruktive Ortsbeiratsarbeit
    geschrieben von Seckberry (491 Beiträge) am 20.04.2017 14:40

    Zu Recht wollen Ortsbeiräte mehr Mitspracherechte bei der Sanierung und Erweiterung eines Projektes wie dem ECE, die sich gravierend auf den Stadtteil, aber auch darüber hinaus konzeptionell auf weitere Stadtteile und selbst auf Gemeinden und Städte der Region auswirken.

    Die Ortsvorsteherin Müller-Friese (CDU) mag die Koordination und Kooperation mit Hanau bezüglich des dortigen Einkaufzentrums versäumt haben, jedoch folgt daraus keineswegs, dass eine Abstimmung mit Bad Vilbel und Hanau obsolet wird.

    Bergen-Enkheimer Bürger*innen die Schuld für Einzelhandelsgeschäfts-Leerstände zu geben, kommt reichlich befremdlich daher, ist doch eine von ihnen gewählte Mandatsträgerin in gehobener Position, wie Müller-Friese, Bürger-Interessen verpflichtet und nicht dem Abwiegeln deren berechtigter Ansprüche auf eine garantierte Nahversorgung.

    Das von Lehmann (Die Linke) geforderte, auf Werthaltigkeit geprüfte Verträglichkeitsgutachten kann hier eine objektiv klärende Entscheidungshilfe sein.



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