20.11.2017 17:22 | Christophe Braun

Waldmenschen in Frankfurt: Der Waldmann hat 40 Jahre lang im Stadtwald gelebt

Frankfurt Er wähnte sich im Krieg, warnte vor Massenmorden und flüchtete, wenn er auf Menschen traf: der "Waldmann" von Frankfurt. Die Sozialarbeiter, die ihn bis zu seinem Tod betreuten, sagen: Auch heute leben Menschen in den Frankfurter Wäldern.

Foto: Frankfurter Verein
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1. Das Lager im Frankfurter Stadtwald

Als ein Pilzsammler sein Lager entdeckte, muss der Waldmensch schon seit Jahren im Stadtwald bei der Isenburger Schneise gelebt haben. Der Pilzsammler stieß  damals, im Herbst 2004, zufällig auf das Lager: ein paar grobe, aus Baumstümpfen und Reisig gebaute Verschläge, umgeben von einem Palisadenzaun. Einer der Verschläge – eine niedrige, schlauchförmige Konstruktion – war mit Decken und Kissen ausgelegt. Ein anderer war nach vorne hin offen. Im ganzen Lager fanden sich Plastiktüten und Flaschen, außerdem zahlreiche Bürsten. Der Pilzsammler verständigte den Förster. Der wiederum meldete sich bei der Stadt – und die informierte den Frankfurter Verein für Soziale Heimstätten.

„Als wir das Lager zum ersten Mal besucht haben, war gleich klar: Der lebt da schon länger“, sagt Sozialarbeiterin Elfi Ilgmann-Weiß, die mit ihrem Kollegen Johannes Heuser fortan für den Waldmann zuständig war. „Es war richtig befestigt“, ergänzt ihr Kollege. „Und es war gut versteckt.“

Der Waldmensch selbst sei scheu gewesen, ängstlich, wortkarg. Nichts Außergewöhnliches bei Obdachlosen. „Aber in diesem Fall war es mehr“, sagt Elfi Ilgmann-Weiß. „Dieser Mann stand vor Dir, aber trotzdem hast Du gemerkt: Der ist nicht im Hier und Jetzt.“

Foto: Frankfurter Verein

 

2. Die Wälder in Frankfurt

Frankfurt ist eine der waldreichsten Städte Deutschlands. Im ganzen Stadtgebiet gibt es zusammenhängende Wald- und Parkflächen: den Enkheimer Wald, den Fechenheimer Wald, den Riederwald und andere. Aber die größte Waldfläche befindet sich im Süden.

Der Frankfurter Stadtwald ist 5.785 Hektar groß. Fast zwei Drittel davon befinden sich innerhalb der Stadtgrenzen. Für die Frankfurter ist der Stadtwald mit seinem Eichen-, Buchen- und Ahornbestand ein beliebtes Naherholungsgebiet. Mehrere hundert Kilometer an Fuß- und Radwegen ziehen sich durch den Forst. Am nördlichen Ende des Waldes ragte bis vor Kurzem eines der Wahrzeichen Frankfurts aus den Baumwipfeln hervor – der Goetheturm, Anfang Oktober 2017 von einem Brandstifter zerstört.

Sich hier zu verirren, ist praktisch nicht möglich. Dafür ist die Fläche des Stadtwaldes zu klein, der Baumbestand nicht dicht genug und das Wegenetz zu feingliedrig. Sich hier zu verstecken, ist machbar. Es braucht dazu nicht mal viel: Wer die ausgetretenen Wege verlässt, gerät schnell außer Sicht- und Hörweite.

Und kann unentdeckt bleiben.

Jahrelang.

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3. "Er wollte einfach nicht"

1969 könnte das letzte Jahr gewesen sein, in dem der Waldmann unter Menschen gelebt hat. Ein Reporter der Offenbach-Post ist auf dieses Datum gestoßen: Demnach meldete sich der künftige Waldmann damals beim Bürgeramt ab. Wahrscheinlich war er fortan obdach- und wohnungslos. Ab wann er in seinem Lager lebte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Als die Sozialarbeiter des Frankfurter Vereins den Mann im Herbst 2004 aufsuchen, gibt er sich wortkarg, macht seltsame Andeutungen, bricht Gespräche ab. „Er wollte einfach keine Kommunikation“, sagt Johannes Heuser. „Als ein Psychiater sich mit ihm unterhalten wollte, ist er weggerannt.“

Der Mann lebt offenbar permanent im Wald – jahrein, jahraus, auch in den Frostnächten im Januar und Februar. Ihm scheint dennoch nichts zu fehlen. Aber er ist alt – seinem Aussehen nach zu Urteilen weit über 70.

Die Sozialarbeiter wollen ihm einen Betreuer zur Seite stellen. „Wir mussten vermeiden, dass er sich durch seine Lebensweise selbst gefährdet“, erzählt Elfi Ilgmann-Weiß. Aber der Antrag wird abgelehnt. Das Argument: Der Mann kann offenbar für sich selbst sorgen, daher kann ein gesetzlicher Betreuer nicht hinreichend begründet werden. Der Waldmensch darf in seinem Lager bleiben.

„Als klar war, dass kein Betreuer kommen würde, haben wir gesagt, okay, dann besuchen wir ihn in bestimmten Abständen und schauen, wie es ihm geht“, sagt Johannes Heuser. „Dadurch haben wir nach und nach Einblick in seine Welt bekommen.“

Eine Welt, in der der Krieg herrschte.

Foto: Frankfurter Verein

4. Obdachlosigkeit in Frankfurt

In der Stadt Frankfurt sind zurzeit etwa 120 bis 200 Menschen obdachlos im engeren Sinn, leben also auf der Straße. Hinzu kommen gut 2.000 Menschen, die wohnungslos sind und in Wohnheimen oder Notunterkünften leben. (In der einfachen Obdachlosen- und Wohnungslosenzählung werden Geflüchtete nicht berücksichtigt.)

Unter den Obdachlosen, erzählen Ilgmann-Weiß und Heuser, gibt es zwei große Gruppen. Einerseits die „klassischen“ Obdachlosen, die zum Teil seit Jahren auf der Straße leben, andererseits Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind und mittelfristig von der Straße wegwollen. Die erste Gruppe bezeichnen die Sozialarbeiter als die „Stammklientel“ der Wohnungslosenhilfe.

„Diese Menschen sind meistens schwer zu erreichen“, sagt Elfi Ilgmann-Weiß. „Sie leben seit Jahren auf der Straße, haben psychische Probleme und Abhängigkeiten. Unsere Aufgabe ist es, nach ihnen zu schauen: Wie sind sie versorgt, wie ist ihr gesundheitlicher Zustand? Können wir helfen, und, wenn ja: wie? Die meisten Leute begleiten wir jahrelang.“

Viele dieser „klassischen“ Obdachlosen tun sich schwer, Hilfe anzunehmen. „Man muss sich immer fragen: Was will dieser Mensch eigentlich, in seiner Situation?“, erklärt Ilgmann-Weiß. „Viele sind psychisch nicht in der Lage, in Gemeinschaftsunterkünften zu schlafen. Dafür muss man sensibel sein. Deshalb sagen wir nicht: Dieser Mann will das und das nicht, sondern wir sagen, der kann das nicht, in seiner Situation. Und dann schauen wir eben, was machbar ist.“

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5. Wahn

Als die Sozialarbeiter Kontakt mit ihm suchten, war der Mann im Wald schon alt und schwerhörig. „Es war nicht so, dass er unser Kommen immer sofort bemerkt hätte“, erzählt Johannes Heuser. „Ein paar Mal haben wir sein Lager betreten, und er saß an einem Baum, hat seine Zettel beschrieben und unsere Anwesenheit überhaupt nicht bemerkt.“

Seine Zettel: Das sind ausgeschnittene und ausgerissene Kartonstückchen, auf die der Waldmensch kurze Botschaften schreibt. Im Laufe der Jahre muss er tausende solcher Zettel geschrieben haben. Anschließend hat er sie aufgehängt – im Wald, an Info-Tafeln an den Wanderwegen, manchmal auch in seinem Lager.

Die Inhalte sind wirr; der Mann warnt vor massenhaften Morden, die in unmittelbarer Umgebung geschähen. „Er hat sich im Krieg gewähnt“, sagt Elfi Ilgmann-Weiß. Nach seinem Tod werden verschiedene Zettel in Medienberichten zitiert, zum Beispiel: „In der Sachenhäuser Warte und im Anwesen am Jacobiweiher werden die Deutschen bestialisch ermordet.“

Bei näherer Betrachtung, sagt Johannes Heuser, sei das Lager des Waldmenschen wohl eine Festung gewesen. Ein Bollwerk gegen das, was er gegen sich wähnte.

„Manchmal habe ich mich gefragt: Was ist, wenn er hier Fallen aufgebaut hat?“, erzählt Elfi Ilgmann-Weiß. „Was ist, wenn er aggressiv wird?“

„Es war bizarr“, sagt Johannes Heuser. „Ich musste immer an die Geschichte von Onoda Hiroo denken.“

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6. Die seltsame Geschichte des Soldaten Onoda Hiroo

Der japanische Soldat Onoda Hiroo war während des Zweiten Weltkrieges auf der philippinischen Insel Lubang stationiert – einem von Urwäldern bewachsenen und nur spärlich besiedelten Eiland im Südchinesischen Meer. Nachdem Hiroos Kameraden nach und nach starben oder sich ergaben, blieb der Soldat alleine auf seinem Posten zurück. Ohne Kontakt zur Außenwelt.

Im Glauben, es herrsche weiterhin Krieg, hielt Hiroo seinen Posten mehr als dreißig Jahre lang. Er versorgte sich selbst und kämpfte gegen die vermeintlichen Feinde, denen er begegnete – meist einfache Bauern. Flugblätter, die das Ende des Weltkrieges verkündeten, betrachtete er als feindliche Propaganda.

Onoda Hiroo beendete seinen Widerstand erst 1974, als sein ehemaliger Vorgesetzter nach Lubang flog und ihn dazu aufforderte. Als Hiroo die Insel verließ, war er 52 Jahre alt. Er hatte seinen Posten verteidigt, seit er 22 gewesen war.

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7. Tod

In den Abendstunden des 25. Februar 2009 wird der Frankfurter Waldmann auf einer Straße am Stadtwald nacheinander von zwei Autos erfasst. Die Notärzte können nichts mehr für ihn tun. Er stirbt an der Unfallstelle.

In den folgenden Tagen betreten Sozialarbeiter und Polizisten sein Lager. „Es war eine sehr organisierte Anlage“, erinnert sich Elfi Ilgmann-Weiß. „Es war sauber und ordentlich. Die Verschläge hatten verschiedene Zwecke, wir haben vom Wohn- und vom Schlafbereich gesprochen.“ Alle möglichen Besitztümer sind in Plastiktüten und Plastikflaschen verpackt, im Lager finden sich Werkzeuge und ein oder zwei Taschenbücher. Ein paar Meter vom Hauptlager entfernt entdeckt man ein Plumpsklo. „Wir kennen ganz andere Stätten“, erzählt Johannes Heuser. „Wo überall Müll rumliegt, auch Fäkalien. So war dieses Lager gar nicht – im Gegenteil.“

Woher der Waldmensch Verpflegung und Kleidung bezog, ist unklar. Auffällig sei gewesen, dass er gute Kleidung getragen habe, sagt Ilgmann-Weiß. „Das war meistens halbwegs sauber und auch nicht sehr verschlissen.“ Die Sozialarbeiter gehen davon aus, dass Anwohner im Laufe der Zeit Kontakt zu dem Waldmenschen aufgebaut, ihn unterstützt hätten. Mit Nahrungsmitteln, mit Kleidung.

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Hatte er Freunde? Menschen, mit denen er Kontakt pflegte – denen er sich öffnete? Denen er Einblick gewährte in seine Welt? Eine Welt, in der Krieg herrschte und ein selbstgebautes Versteck im Wald sicherer schien als eine Existenz in der Stadt?

"Wir wissen es nicht", sagt Johannes Heuser.

8. Waldmenschen in Frankfurt

Die meisten Obdachlosen bleiben in der Stadt, besuchen die Tafeln, schlafen in Unterkünften. Dass Menschen sich in selbsterrichtete Lager zurückziehen, sei sehr selten, sagen die Sozialarbeiter. Gegenwärtig dürften es nicht mehr als zehn sein, höchstwahrscheinlich nur Männer.

„Es gibt ein paar Wälder im Stadtgebiet – in Bonames, an der Nidda, teilweise im Osten –, in denen immer wieder Leute ihre Lager aufschlagen. Wenn man auf diese Lager stößt, dann meistens aus Zufall. Die zu suchen, bringt nicht viel“, sagt Johannes Heuser. „Viele der Bewohner laufen weg, wenn man sie anspricht.“ Die meisten Waldmenschen geben ihre Lager früher oder später auf und kehren zurück in die Stadt.

„Zurzeit wissen wir von den meisten Waldmenschen in Frankfurt“, sagt Johannes Heuser. Nur einer – ein „Waldnomade“, wie der Sozialarbeiter sagt – entzieht sich allen Kontaktversuchen.

„Wir finden immer wieder seine Spuren. Aber gesehen haben wir ihn noch nie.“

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