10.11.2017 03:00 |

Förderschüler beim Job-Speed-Dating

Frankfurt Jugendliche mit Behinderung stoßen bei der Jobsuche auf viele Vorurteile. Die Arbeitgeber, die Schwerbehinderte einstellen wollen, haben es auch schwer, geeignete Bewerber zu finden. Beim Job-Speed-Dating sollen sich die Suchenden finden.

Die Achtklässler Leon-Luca (rechts) und Anton warten auf ihr „Date“ mit der nächsten Firma.
Die Achtklässler Leon-Luca (rechts) und Anton warten auf ihr „Date“ mit der nächsten Firma. Bild: Rainer Rüffer

Ihre Lebensläufe halten Anton und Leon-Luca schon in der Hand. Das Wichtigste ist auf einen Blick zu sehen. Die beiden Achtklässler strecken den Rücken durch, heben den Kopf und los geht’s. Sie gehen voran. Ihre Mitschüler von der Förderschule Freiherr-von-Schütz in Bad Camberg, wo vor allem hörgeschädigte Kinder unterrichtet werden, stehen noch in Grüppchen und werfen schüchterne bis eingeschüchterte Blicke zu den Tischen der potenziellen Arbeitgeber. Doch das änderst sich schnell.

Beim ersten „Job-Speed-Dating für Jugendliche mit Behinderung“ in Frankfurt sprechen bald an allen Tischen Arbeitgeber über Ausbildungen und Praktika und Schüler darüber, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Das Gedränge ist groß. Rund 80 Jugendliche mit Behinderung aus sieben Förderschulen des Landeswohlfahrtsverband (LWV) sind ins Berufsinformationszentrum an der Fischerfeldstraße gekommen. Sieben Unternehmen stellen sich ihnen vor. Darunter etwa Kaufhof oder die Deutsche Post.

In zwei Jahren machen Anton und Leon-Luca ihren Abschluss. Leon-Luca möchte Einzelhandelskaufmann werden. Anton sagt, er brauche einen Job, bei dem er sich viel bewegt. In den Schulferien hat der 14-Jährige schon einmal auf einem Bauernhof gearbeitet. Das hat ihm gefallen. Er möchte in die Landwirtschaft.

Nicht einfach

Die Arbeitssuche wird jedoch vermutlich nicht leicht. Laut Jahresbericht des LWV fanden 2016 nur knapp acht Prozent der beeinträchtigten Förderschüler nach ihrem Abschluss einen Job in der freien Wirtschaft. Etwa 19 Prozent begannen in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten. Das ist Christa Gerdsen zu viel. Die Fachbereichsleiterin für überregionale Schulen beim LWV sagt, dass deutlich mehr Abgänger in Unternehmen arbeiten könnten. „Nur haben viele Arbeitgeber Vorurteile: Beeinträchtigte leisteten weniger oder störten die Arbeitsabläufe.“ Die Erfahrung zeige jedoch das Gegenteil, sagt Gerdsen. „Öffnet sich erstmal ein Unternehmen für Schwerbehinderte, sieht man, wie motiviert und pflichtbewusst die meisten bei der Sache sind.“

Wie schwer die Jobsuche für einen Jugendliche mit Behinderung ist, kann Bernhard Müller erzählen, der eigentlich anders heißt. Bevor er bei der GIZ eine bürokaufmännische Ausbildung begann, hatte er in einem Jahr über 50 Bewerbungen geschrieben. Nur von der GIZ kam eine Zusage. Heute sitzt er auf der anderen Seite und beantwortet am Stand der Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) die Fragen der Schüler.

Gesetzlich verpflichtet

Dabei hätten besonders große Arbeitgeber in ihren Unternehmensstrategien längst verankert, Behinderte anzustellen, sagte Helmut Gerosa von der Bundesagentur für Arbeit. Firmen mit mehr als 20 Mitarbeitern sind dazu auch gesetzlich verpflichtet, fünf Prozent der Stellen an Schwerbehinderte zu vergeben. Wer sich daran nicht hält, muss einen Ausgleich zahlen. Zwischen 105 Euro und 260 Euro sind das pro Monat. „Geeignete Bewerber zu finden“, sagte Gerosa, „ist aber nicht leicht.“ So entstand die Idee für das „Job-Speed-Dating“.

Aus dem Gespräch mit Bernhard Müller am Tisch der GIZ nehmen Anton und Leon-Luca eine E-Mail-Adresse mit. Dort können sie sich um ein Schülerpraktikum bewerben. Leon-Luca will es versuchen. Anton weiß noch nicht so recht, ob die GIZ etwas für ihn ist. Ein Büro-Job klingt nicht nach viel Bewegung. Aber es warten ja noch sechs andere potenzielle Arbeitgeber. Da findet sich schon was.

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