17.02.2017 03:30 | Gernot Gottwals

Menschheit als Ganzes sehen: Frankfurter Freimaurer-Loge feiert ihr 275-jähriges Bestehen

Frankfurt Sie sollen Verschwörungen planen und okkulte Bräuche pflegen. Über Freimaurer kursieren viele Vermutungen. Um den Vorurteilen zu begegnen, öffnen sich die Logen inzwischen mehr nach außen. Auch die Frankfurter Freimaurerloge „Zur Einigkeit“, die ihr 275. Jubiläum feiert.

Das Bild, das im Eingangsbereich der Loge hängt, wurde von Sir John Christie gemalt und zeigt den Menschen in drei Dimensionen: Leben, Tod, Transzendenz – die zentrale Idee ist der menschliche Körper. Bilder >
Das Bild, das im Eingangsbereich der Loge hängt, wurde von Sir John Christie gemalt und zeigt den Menschen in drei Dimensionen: Leben, Tod, Transzendenz – die zentrale Idee ist der menschliche Körper. Bild: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA

Zu den ersten schriftlichen Dokumenten der Freimaurerloge „Zur Einigkeit“ gehört 1742 ein Bescheid über ein Strafgeld als Spende für den Gabenbeutel. Was es genau damit auf sich hat, bleibe dahingestellt. „Doch schon kurze Zeit später wurden im März 1742 erste Statuten beschlossen und ein Logenschwert angeschafft“, erklärte der Meister vom Stuhl Friedhold Andreas zum Festakt. „Damals zählte Frankfurt gerade 40 000 Einwohner und wurde von einer kleinen Bürgerelite regiert“, erläuterte der Festredner Professor Andreas Fahrmeir vom Historischen Seminar der Goethe-Universität.

Menschen vereinen

Doch die Freimaurerei, die immer wieder auch der Geheimbündelei verdächtigt und anfangs vor allem von der katholischen Kirche angefeindet wurde, wollte in der nach außen weltoffenen Handels-, Messe- und Krönungsstadt Menschen jeglicher sozialer Herkunft öffnen. „In unserem Gründungsjahr wurde in Frankfurt Kaiser Karl VII. gewählt, bereits drei Jahre später folgte Franz I.“, erinnert Andreas. Eine Ausnahmesituation, in der längere Zeit Freimaurer als Delegierte der Kurfürsten in Frankfurt weilten und für eine Offenheit sorgten, in der soziale Grenzen überwunden werden konnten.

Zu den ersten Zusammenkünften trafen sich die Freimaurer im Gasthof „Zum Krachbein“ nahe der heutigen Berliner Straße, das wie das erste 1866 bezogene Logenhaus „Im roten Hof“ im Krieg zerstört wurde. Erst 1894 wurde das heutige Logenhaus in der Kaiserstraße 37 durch den Architekten Oskar Sommer erbaut, der selber Freimaurer war und auch das Städelsche Kunstinstitut und die Börse erbaute. Zum Jubiläum erstrahlt der Festsaal im Glanz des Neorokoko im Stil Ludwigs XV. „Wir mussten ihn im vergangenen Jahr aufwendig renovieren lassen“, erklärt der Archivar Hans Kroller. Bestuhlung, Haustechnik und Farbanstrich wurden erneuert.

Zum Festprogramm gehören unter anderem ein Festball für geladene Gäste, eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema „Freimaurerei und bürgerliches Engagement“ mit der Polytechnischen Gesellschaft am 22. Februar um 19 Uhr, eine öffentliche Lesung „Nicht von gestern: Freimaurer heute, Porträts zeitgenössischer Freimaurer“ am 24. Februar um 20 Uhr und ein öffentliches Symposium „1717–2017: Freimaurer im 21. Jahrhundert“ am 18. März um 20 Uhr.

An prominenten Mitgliedern fehlt es auch der Frankfurter Loge „Zur Einigkeit“ nicht: Neben Architekt Sommer gehören der Senator und Stifter Carl Brönner, der Komponist Franz Liszt sowie der Arzt und Struwwelpeter-Autor Heinrich Hoffmann zu dem illustren Kreis. Außerdem gehört die Loge zu den ältesten Frankfurter Vereinigungen überhaupt – nur die Frankfurter Fischerzunft, die ihre Ursprünge bis in das Jahr 945 zurückführt, dürfte noch älter sein.

Acht weitere Logen

„Selbst der Fürst Felix von Lichnowsky und der Politiker Robert Blum, die in der Paulskirchenversammlung auf ganz verschiedenen Seiten standen, konnten als Freimaurer miteinander reden“, beteuert Andreas und verweist auf den Verzicht auf jegliches politische oder religiöse Dogma innerhalb der Freimaurer. Heute gibt es neben der Loge „Zur Einigkeit“ in Frankfurt acht weitere Logen, die vorwiegend zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegründet wurden.

Und das, obwohl die Freimaurerei ursprünglich sogar vom Papst geächtet (siehe Info-Box) und auch in totalitären Systemen verboten wurde. Deshalb musste sich die Freimaurerloge „Zur Einigkeit“ 1935 unter dem Druck des Nationalsozialismus auflösen.

„Wir hatten im Krieg großes Glück, dass eine Bombe auf dem Dach unseres Festsaals nicht explodiert ist“, räumt Friedhold Andreas ein. Trotzdem war es bis zum Wiederaufbau des Logenhauses mit seiner früheren Kutschendurchfahrt ein mühsamer Weg. Die 1800 gegründete Wohltätigkeitsanstalt zur Einigkeit zur Erziehung und Bildung der Jugend (WA) vergibt jährlich 35 bis 40 Stipendien an Studenten, erklärt Andreas.

Er selbst kam erst vor wenigen Jahren über die Britisch-Deutsche Handelskammer zur Freimaurerei. „Wir haben annähernd 150 Mitglieder, allerdings auch eine Warteliste von 65 Interessenten“, sagt er. Deshalb werden viele Interessenten auch auf die acht weiteren Logen verwiesen. Zu den Grundsätzen der Freimaurer gehört es allerdings, mit den Werten, Zielen und dem Engagement der Freimaurer nicht hausieren zu gehen – etwa gemäß dem Motto „Tu Gutes und sprich nicht darüber“.

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