20.03.2017 03:00 | Gernot Gottwals

Buchbinder des Gallus verlässt die Stadt: Handwerk auf dem Rückzug

Gallus Der letzte Buchbinder hat das Gallus verlassen. Der Beruf wird immer seltener.

Siegfried Kraus hat seine Buchbinderei jüngst nach Homberg/Ohm verlegt.
Siegfried Kraus hat seine Buchbinderei jüngst nach Homberg/Ohm verlegt.

Der Blick der Passanten geht ins Leere, da sämtliche Kisten und Möbel bereits verpackt sind. Nur das Ladenschild in der Form eines traditionellen Zunftwappens kündigt noch von dem seltenen Handwerk, das hier bis vor kurzem noch vertreten war: Die Buchbinderei von Siegfried Kraus, genannt „Der Buchbinder“, ist nach Homberg (Ohm) in Nordhessen gezogen, wo sie in diesen Tagen neu eröffnet hat.

„Meine Stammkundschaft in Frankfurt ist über diesen Schritt schon sehr traurig“, räumt Kraus ein. Doch im digitalen Zeitalter mit Billigangeboten aus dem Internet für angehende Buchautoren biete der Immobilienmarkt der Großstadt kaum noch wirtschaftliche Spielräume für das Handwerk. Vor mehr als drei Jahren wollte Kraus seine Buchbinderei zunächst an der Berger Straße eröffnen und entschloss sich dann wegen der günstigeren Mieten für ein Ladengeschäft in der Speyerer Straße. Damals, als die Buchbinder-Innung mit nur noch zehn Mitgliedern bereits aufgelöst wurde, hoffte er im Gallus eine dauerhafte Nische finden zu könne.

Neben standardisierten Aufträgen – gedruckte Arbeiten oder Fachzeitschriften zu binden – setzte Kraus auf Nischenprodukte, wozu etwa individuell gestaltete Taschenkalender gehörten. Er beteiligte sich auch am Koblenzer Straßenfest und verkaufte dort antiquarische Bücher. Zu den besonderen Markenzeichen seines Geschäfts gehörte seine Ladentheke, die umgebaute Kühlerhaube eines Straßenkreuzers.

Doch all dies ist nun Vergangenheit. Nun gibt es in Frankfurt nur noch eine Handvoll Buchbinder, die dieses traditionelle Handwerk hochhalten. „Eine typische Zeiterscheinung. Wir können mit den Billigangeboten kaum noch mithalten, welcher Kunde will da schon 50 bis 60 Euro für eine Buchreparatur ausgeben?“, fragt Martin Schilling von der Buchbinderei Schilling und Kroll. Das ländliche Nordhessen biete zwar günstigere Mieten, aber auch weitere Wege zu den Kunden. Das Handwerk werde wohl nur langfristig als akademische Ausbildung für die wissenschaftliche Buchrestaurierung überleben.

(got)

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