Stadtteil-Serie (Teil 32)

Heddernheim: Das närrische Dorf

Von Michael Faust
Am Fastnachtsdienstag regieren die Narren in Heddernheim.
Michael Faust/FNP

Ungefähr zur Zeit des römischen Kaisers Domitian und seinem Sieg über die germanischen Chatten im Jahre 85 n. Chr. begann die Besiedlung des Gebiets, auf dem Heddernheim heute liegt. Unter dem Imperator entstand der militärische Stützpunkt „Nida“ und später der angegliederte Ort.

Knapp 2000 Jahre liegen diese Ereignisse bereits zurück. 1985 feierten nicht nur die Heddernheimer den runden Geburtstag und doch war es kein offizielles Stadtteiljubiläum. Archäologische Funde, die sich zuhauf in der Gegend finden lassen und von späteren Generation als Baumaterial dienten, ersetzen nicht die urkundliche Ersterwähnung, die auf das Jahr 801 datiert. Es handelt sich um eine Schenkung an das Kloster Lorsch, in der von „Phetterenheim“ die Rede ist.

In der Folgezeit wechselten die Besitzverhältnisse ständig – auch die Mainzer spielten in der Geschichte des Dorfes im 12. Jahrhundert eine große Rolle. Vielleicht ist Heddernheim, das sich in der fünften Jahreszeit „Klaa Paris“ nennt auch deswegen so stark von der Fastnacht geprägt. Das närrische Treiben lässt sich immerhin bis in das Jahr 1839 zurückverfolgen. Vor dem Hintergrund der Entstehung gibt es keinen Karnevalsprinzen, sondern einen in römische Gewänder gekleideten Statthalter mit seinem Prokurator.

Ansonsten ist vor allem die Industriegeschichte bemerkenswert, die den Ort bis heute prägt. Die Ansiedlung vieler Betriebe samt Wohnungen im Bereich Heddernheim Nord sind eine Folge der frühen Industrialisierung.

Eine Zäsur war für den 1910 eingemeindeten Stadtteil die Schließung des Vereinigte Deutsche Metallwerke Betriebs (VDM) in den frühen 1980ern. Nach dem Abriss der Werksanlagen erwies sich das gesamte Gelände als erheblich mit Giftstoffen verunreinigt. Zehn Metern tief musste das Erdreich abgetragen und durch unbelastete Erde ersetzt werden. Seither entstanden dort große Neubausiedlungen. FNP-Reporter Michael Faust hat sich in dem Stadtteil umgesehen.

Kleines Schlösschen in exzellenter Lage

Im alten Ortskern in der Straße Alt-Heddernheim befindet sich sogar ein kleines Schlösschen. Der auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegene Park führt zu den Nidda-Wiesen und unterstreicht die exzellente Lage des ehemaligen Anwesens. Seit 1908 ist es im Besitz der Stadt Frankfurt. In den Nebenräumen gibt es einen Kindergarten.

179 Jahre Tradition

Am Fastnachtsdienstag regieren die Narren in Heddernheim: Zehntausende Besucher – viele auch von außerhalb – besuchen den großen Festzug mit vielen selbst gestalteten Motivwagen, Musik- und Gardegruppen. Anders als der Umzug durch die Innenstadt ist der in „Klaa Paris“ familiärer und ungezwungener – und das mit einer 179-jährigen Tradition.

Dorfcharakter lebt

Die Bebauung im Bereich der Heddernheimer Landstraße vermittelt sehr gut den eher dörflichen Charakter des Ortskerns. Trotz des nicht weit entfernten Nordwestzentrums besteht nach wie vor eine ausgebaute Infrastruktur mit intakter Nahversorgung. Supermärkte, kleine Einzelhandelsgeschäfte, Handwerksbetriebe sowie Gastronomie prägen das belebte Straßenbild.

Außergewöhnliche Kita

Hinter dem Namen „Kinderzentrum Kupferhammer“ verbirgt sich vielleicht Deutschlands außergewöhnlichste Kindertagesstätte: 1995 in Anwesenheit des österreichischen Künstlers Hundertwasser eröffnet, fällt dem Betrachter sofort der Kontrast zu den übrigen Häusern auf. Verspielt und wie eine Collage aus diversen kulturellen Stilrichtungen besteht das Gebäude aus zwei versetzten aus dem Gelände aufsteigenden Erdhügeln.

Schornstein kennt jeder

Vorbei sind die Zeiten, in denen die Schwerindustrie Heddernheim und die Umgebung mit Schadstoffen erheblich kontaminiert hat. Heute beheimatet der Stadtteil eine der modernsten Müllverbrennungsanlagen, die jeden Tag mit bis zu 300 Müllwagenladungen beliefert wird. Gut sichtbar ist der rauchende Schornstein, der mit einem riesigen Drachenmotiv („Fessi“) bemalt ist und aus dem nur noch gereinigte Abgase entweichen.

Musterhaus bei den Besuchern beliebt

Gewisse Parallelen zu den 1920er Jahren sind bei der aktuell angespannten Wohnsituation der Mainmetropole durchaus zu erkennen. Der Stadtplaner Ernst May entwickelte vor knapp einhundert Jahren neue Wohnkonzepte und Siedlungen wie etwa die Römerstadt. Dort befindet sich das auch zu einem Museum umgewandelte Musterhaus der ernst-may-gesellschaft e.v., das im Rahmen der Öffnungszeiten jederzeit und ohne Anmeldung besichtigt werden kann. Über die steigenden Besucherzahlen freut sich Christina Treutlein, die Führungen im Musterhaus leitet: „Das Interesse an May ist die letzten Jahre stark gestiegen“, sagt sie.

Unscheinbare Pumpe

Klein, unscheinbar und oft von parkenden Motorrädern zugestellt steht die „Gemaabumb“am Straßenrand, doch ihre Bedeutung ist groß: 1839 schenkte der Gemeinderat dem Dorf eine Pumpe. Das Grundwasser kam auf Pumpdruck und nicht etwa wie bis dahin üblich aus einem Ziehbrunnen. Für die damaligen Bewohner war dies eine erhebliche Erleichterung. Zwei vom Mainzer Karneval begeisterte Handwerksgesellen bauten die „Gemaabumb“ nach und zogen mit ihr prozessionsartig durch die Straßen Heddernheims. Das war der Auftakt zu einem sich jährlich wiederholenden Umzug. Noch immer befindet sich die etwa drei Meter hohe Brunnensäule an derselben Stelle in der Straße Alt-Heddernheim 47.

Murat Ertutans Kiosk in ganz Frankfurt bekannt

Wie heißt es so schön: Namen sind nicht immer Schall und Rauch. Manchmal haben sie einen Ursprung und der ist im Falle von Murat Ertutans Kiosk „Am Windigen Eck“ durchaus wörtlich zu nehmen. Eisig und beständig pfeift der Wind am unteren Ende der Heddernheimer Landstraße. Ertutan betreibt das Wasserhäuschen mit seiner mehr als 60-jährigen Geschichte seit drei Jahren. Hier bekommt man alles, was das Herz begehrt, es hat sogar ein Séparée zum Dartspielen. „Ich habe hier ein bunt gemischtes Publikum aus allen Gesellschaftsschichten und nicht das, was viele bei einer Trinkhalle vermuten. Die zentrale Lage ist trotz des Windes super.“

Geplantes Wohngebiet umstritten

Ein etwa sieben Hektar großes Gebiet an der Sandelmühle weckte nach dem Ende der gewerblichen Nutzung Begehrlichkeiten. Auf etwa 4,5 Hektar soll nach einem Bebauungsplan Wohnraum entstehen. Der Plan stößt trotz Wohnungsknappheit allerdings nicht auf ungeteilte Begeisterung. Gerade die Anwohner in der Umgebung befürchten eine starke Zunahme des Individualverkehrs. Von der Olof-Palme-Straße soll die Verbindungsstraße über die Bahnsteige der Stadtbahn genutzt werden, die zur Sandelmühle führt.

Reichlich Geschichte in der heutigen Römerstadt

Als die Römer sich im dritten Jahrhundert nach Christus aus der Gegend im Bereich der heutigen Römerstadt zurückzogen, hinterließen sie der Region ein kulturelles Erbe. Im Jahr 2016 fanden Bauarbeiter beim Aushub für den geplanten Neubau der Römerstadtschule eine Tempelanlage. Noch in den 1960er Jahren agierten die Behörden weniger sensibel: Der bis dahin unversehrte Teil der einstigen Siedlung Nida musste Hochhäusern und Tiefgaragen weichen.

Michael Faust