17.06.2017 03:30 | Mark-Joachim Obert

Der Rote Faden, Folge 228: Ilkay Yücel - Das Schwesterherzy

Ilkay Yücel kämpft seit mehr als hundert Tagen für ihren in der Türkei inhaftierten Bruder, den Journalisten Deniz Yücel. Von ihrem normalen Leben, das sie mit aller Kraft weiterleben muss, ist wenig bekannt. Ilkay Yücel widmen wir die Folge 228 unserer Serie "Der Rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Ilka Yücel, die Schwester des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel, zeigt im Türkischen Volkshaus Bilder ihres Bruders.
Ilka Yücel, die Schwester des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel, zeigt im Türkischen Volkshaus Bilder ihres Bruders. Bild: Salome Roessler

Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass ausgerechnet Hausarbeit ihr guttut. Dass ihr die lästige Pflicht hilft, das Gefängnis, in dem sie seit mehr als 100 Tagen in Gedanken sitzt, für Augenblicke zu verlassen. Sie, die zurzeit so gut wie nie lacht, muss lachen, als sie davon erzählt. Sie putzt, sie kocht, sie wäscht, sie organisiert in ihrer Flörsheimer Wohnung irgendwie ihr Leben und das ihrer 19 und 13 Jahre alten Töchter. Und dann ist es tatsächlich so, als gäbe es noch so etwas wie ein normales Leben für Ilkay Yücel. Sie ist die Mahnerin. Sie ist die Kämpferin. Sie ist die Menschenrechtsaktivistin in eigener Sache. Sie ist die Besorgte, Ängstliche, Mitleidende. Sie ist das alles seit mehr als 100 Tagen so öffentlich und prominent, wie sie es nie sein wollte. Ilkay Yücel, geboren 1975 in Flörsheim, alleinerziehende Mutter, Politologin, ist die Schwester.

Ihr Bruder Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist, Türkei-Korrespondent der „Welt“, sitzt seit Ende Februar in Isolationshaft im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri nahe Istanbul. „Verrat“ und „Terrorpropaganda“ lauten die Vorwürfe, basierend vor allem auf einem Zeitungsinterview mit einem Führer der verbotenen kurdischen Partei PKK vom Herbst 2015. Nach türkischem Recht könnte allein die Untersuchungshaft fünf Jahre dauern, die Höchststrafe, falls es zur Anklage kommt und ein Gericht die Vorwürfe für erwiesen hält, wäre lebenslänglich. In ganz Deutschland demonstrieren Menschen für Yücels Freilassung, „Free Deniz“ heißt die Kampagne. „Die können keine Beweise finden“, sagt Ilkay Yücel, „weil es keine Beweise gibt.“ Oft sagt sie diesen Satz zu sich selbst. In einem kafkaesken Drama wie dem ihres Bruders dient er dem Wirklichkeitsbezug, so wie man sich auf die Wangen schlagen und selbst wecken möchte, wenn man bewusst alpträumt. Ihr Alptraum hat auch einen Satz, Recep Erdogan hat ihn gesprochen: „Solange ich Präsident bin, kommt dieser Mann nicht frei.“ Ilkay Yücel atmet schwer.

Sie muss funktionieren

Die Erschöpfung steht ihr ins Gesicht geschrieben, die Last auf ihren Schultern ist spürbar. Zusammengesunken sitzt sie im Türkischen Volkshaus in Bockenheim auf ihrem Stuhl, die Arme fest vor der Brust verschränkt, ab und zu lächelt sie so, als müsste sie es trainieren. Freunde raten ihr, auch an sich zu denken, nur so schöpfe sie Kraft für den Bruder. „Wie soll das gehen?“, fragt sie. Sie ist eine Kümmerin, eine, die Verantwortung übernimmt, die Neigung zur Selbstaufgabe ist stark. „Ich muss funktionieren“, sagt sie in ihrem Büro im Volkshaus, „ich bin ja auch Mutter. Mütter sind so.“ Seit 51 Jahren gibt es das Türkische Volkshaus, seine Gründerin könnte man als Pionierin der institutionalisierten Integration bezeichnen – lange, bevor es das Amt für multikulturelle Angelegenheiten gab. Einst war der Einwanderertreff am Baseler Platz beheimatet, seit 2005 hat er im zweiten Stock eines Hinterhauses in der Werrastraße seine Räume; hinter dem Fenster in Ilkay Yücels Büro erscheint der Westbahnhof so nahe, als könnte man hinübergreifen.

Es soll bei diesem Treffen auch um das Volkshaus gehen, um Ilkay Yücels Arbeit, um ihren Alltag, den sie auch jetzt, da sie in den Medien unentwegt Interviews gibt, da sie an Solidaritätsveranstaltungen wie jüngst an der Lesung im Schauspielhaus und einmal im Monat in ihrer Heimatstadt Flörsheim am Main an einer Mahnwache teilnimmt, meistern muss. Sie ist die einzige hauptamtliche Mitarbeiterin des Volkshauses, zuständig für alles: für die vom Bundesamt für Migration finanzierten Sprach- und Integrationskurse, für die Seniorentreffen, für die Büroarbeit des eingetragenen Vereins.

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