17.07.2017 03:30 |

Dezernent verteidigt Vorschlag für einen neuen Stadtteil: Interview mit Mike Josef: „Wir bauen eine Brücke in die Region“

Mit dem Vorschlag, an der Stadtgrenze zu Steinbach einen neuen Stadtteil mit rund 10 000 Wohnungen zu planen, hat Planungsdezernent Mike Josef (SPD) kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Im Gespräch mit FNP-Redakteur Günter Murr reagiert er auf die Kritik und erläutert, wie das neue Quartier gelingen soll.

Mike Josef will erreichen, dass der neue Stadtteil keine reine Schlafstadt wird, sondern ein lebendiges Quartier von hoher städtebaulicher Qualität.
Mike Josef will erreichen, dass der neue Stadtteil keine reine Schlafstadt wird, sondern ein lebendiges Quartier von hoher städtebaulicher Qualität. Bild: Michael Faust

Herr Josef, Ihr Vorschlag für einen neuen Stadtteil hat heftige Reaktionen hervorgerufen. Hatten Sie damit gerechnet?

MIKE JOSEF: Es ist keine neue Erkenntnis, dass bei neuen Baugebieten um die ökologische Verträglichkeit, um den Verkehr oder um den Lärmschutz diskutiert wird. All diese Fragen werden wir jetzt untersuchen und etwa nachweisen, dass die Frischluftzufuhr weiterhin funktioniert und die Mobilität gesichert wird. Aber es gibt auch viele positive Rückmeldungen. Wir müssen uns beim Wohnbauland für die nächsten 15 Jahre aufstellen. Wenn wir das jetzt verschlafen, sind die Auswirkungen, insbesondere die sozialen, negativ für die Stadt und die Region. Am Beispiel eines konkreten Gebiets können wir zeigen, dass die regionale Zusammenarbeit funktioniert.

Wie soll das gelingen? Aus den Nachbargemeinden kommt derzeit doch vor allem Kritik.

JOSEF: Wir haben schon mit den Umlandgemeinden geredet. Stadt und Region haben eine gemeinsame Aufgabe. Wir müssen die Menschen mit Wohnraum versorgen und die Verkehrsinfrastruktur ausweiten. Durch ein neues Baugebiet kann man zum Beispiel neue Angebote im öffentlichen Personennahverkehr oder für den Radverkehr schaffen. Auch die vorgesehene Südumgehung von Weißkirchen bis Eschborn – über Details wird zu reden sein – führt zu einer Entlastung. Die zusätzliche Infrastruktur, die geschaffen wird, kommt auch den Nachbargemeinden zugute.

Trotz dieser Argumente ist der Widerstand groß.

JOSEF: Selbstverständlich ist es das Recht der Umlandgemeinden zu sagen, dass sie ihre Eigenständigkeit erhalten wollen und dass erkennbar bleiben soll, wo Frankfurt endet und Steinbach oder Oberursel beginnt. Das werden wir im Städtebau berücksichtigen und sie dabei auch einbinden. Wir werden auch großzügig mit Frei- und Grünflächen arbeiten, gerade an den Grenzen zu den Umlandgemeinden. Das Untersuchungsgebiet hat eine Fläche von insgesamt 550 Hektar, davon sehen wir in unserem Strukturkonzept 192 Hektar Nettobauland vor. Vor allem das Gebiet im Norden in Richtung Oberursel, das im Landschaftsschutzgebiet II liegt, versuchen wir von Bebauung freizuhalten. Dafür muss man an der einen oder anderen Stelle vielleicht mal ein Stockwerk höher bauen.

Wird die Bebauung die Frischluftzufuhr blockieren?

JOSEF: Wesentlich für das Stadtklima sind die Winde aus dem Südwesten und aus der Wetterau, die über die gesamte Stadt ziehen. Beim neuen Stadtteil reden wir über eine lokal wirksame Frischluftschneise. Um sie zu erhalten, werden wir den Steinbach und den Urselbach von Bebauung freihalten. In der Mitte des Baugebiets werden wir mit Korridoren arbeiten, durch welche die Frischluft strömen kann. Wir werden jetzt Klimagutachten in Auftrag geben. Ich sehe durchaus auch Chancen: Derzeit strömt die Luft ja über die Autobahn, nimmt die Schadstoffe mit und sinkt dann ins Niddatal. Wenn man mit Landschaftsbrücken oder einer kleineren Einhausung arbeitet, kommt die Luft sauberer in Frankfurt an.

Stadtrat Mike Josef (SPD, links) erläutert FNP-Redakteur Günter Murr seine Pläne für den neuen Frankfurter Stadtteil. Foto: Michael Faust
Stadtrat Mike Josef (SPD, links) erläutert FNP-Redakteur Günter Murr seine Pläne für den neuen Frankfurter Stadtteil.

Das klingt nach aufwendiger Infrastruktur. Hinzu kommen Straßen sowie die Verlängerung der U-Bahn, Schulen, Freizeitangebote. Macht das den neuen Stadtteil nicht teuer?

JOSEF: Ein neuer Stadtteil ist immer eine Investition in die Zukunft. Wir haben uns für eine städtebauliche Entwicklungsmaßnahme wie auf dem Riedberg entschieden, weil wir mit der Differenz des Preises für Ackerland und Wohnbauflächen in die Infrastruktur investieren können. Bei der Frage des Lärmschutzes an der Autobahn haben wir die Situation, dass der Ausbau der A 5 Priorität im Bundesverkehrswegeplan hat. Durch Gespräche mit dem Bund können wir versuchen, eine finanzielle Entlastung zu erreichen. Unser Ziel ist es, die Verkehrsinfrastruktur hinzukriegen, bevor die erste Wohnung steht.

Am Riedberg sind die Grundstückspreise trotz der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme relativ hoch. Wie wollen Sie sicherstellen, dass im neuen Stadtteil die Wohnungen bezahlbar bleiben?

JOSEF: Rund 40 Prozent der Flächen gehören der Stadt oder stadtnahen Stiftungen. Mit diesem Grund und Boden können wir ganz anders umgehen als mit privaten Flächen. Deshalb glaube ich, dass tatsächlich bezahlbarer Wohnraum entsteht. Damit meine ich nicht nur Sozialwohnungen, sondern auch Angebote für mittlere Einkommen.

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Kommentare

  • Das "lahme" Umland bremst die "emsige" SPD aus
    geschrieben von Seckberry (480 Beiträge) am 17.07.2017 11:54

    Der Regionalverbands-Berittführer Stüve (SPD) sieht den Schwarzen Peter beim Umland, das seines Erachtens gefordert ist, Frankfurt gefälligst "dringend zu entlasten".

    Weil der SPD-Mann Stüve sehr gut rechnen kann, kommt er drauf, dass der 2010 aufgestellte Flächennutzungsplan 2300 Hektar kostbarster Wohnbaufläche projektierte, aber lediglich lächerliche 11 Prozent davon mit "bezahlbaren" Wohnungen bepflastert wurden.

    "Das geht ja gar nicht", so die vernetzten SPD-Planungs-Größen sinngemäß und wohl nicht ganz zu Unrecht, dass in vielen Kommunen nur sehr unstetig Wohnungsbau betrieben, sich bei einmal erschlossen und bebauten Wohngebieten auf die faule Haut gelegt wird und sich dürre Bauzeiten, statt kontinuierliche Umtriebigkeit ausbreiten.

    Folgerichtig appellier die hyperaktiv erscheinenden SPD-Wohnungsplaner und -bauer an die CDU-GRÜNEN-Landesregierung, noch mehr für den Wohnungsbau zu tun, schließlich will die SPD bei den Landtagswahlen 2018 gut für den Politwechsel abschneiden.

  • Frankfurt soll relativ grüngürtelig bleiben
    geschrieben von Seckberry (480 Beiträge) am 17.07.2017 11:47

    Dafür soll das Umland mehr Grünland zubauen, denn die Anzahl der Neubauwohnungen reicht bei weitem nicht aus, um den vorhandenen, akut steigenden Bedarf zu decken.

    Jedenfalls sieht das der Chef des Regionalverbandes FrankfurtRheinMain, Stüve (SPD) so, formuliert es freilich etwas weniger pointiert.

    Wegen der Dringlichkeit der Wohnraumschaffung kritisiert Stüve die Kommunen, die das nötige Bauland partout nicht rausrücken, respektive es nicht entschlossen genug entwickeln wollen.

    Zwar wurden in SPD-Stüves Regionalverbands-Beritt bereits über 9000 Wohungen aus dem metropoligen Boden gestampft, die immerhin der Hälfte des gesamten Wohnungsbaus in Hessen entsprechen.

    Sie stellen aber keine exorbitante Steigerung gegenüber den Vorjahren dar, wie sich das die SPD sehnlichst wünscht.

    Nach den Wunschvorstellungen des Regionalverbandes müssten jährlich 14600 Wohnungen aus dem SPD-Zauberhut gezogen werden, sprich vier Fünftel aller jährlich in ganz Hessen gebauten Wohneinheiten!

  • Stadtentwicklungsplan
    geschrieben von I.H. (42 Beiträge) am 17.07.2017 11:14

    Im neuen Stadtteil Riedberg wurden Frischluftschneisen angelegt. Die funktionieren, leider können Anwohner nicht mehr auf dem Balkon sitzen, weil es so zieht. Eine Bekannte von mir zieht deswegen um. In Praunheim zieht die Taunusluft über die Autobahn und "zieht die Schadstoffe Richtung Nidda". Wer dort wohnt, muss damit Leben? Wohin kommen denn die Überland-Stromleitungen? Warum sind Einfamilien-Reihenhäuser nicht von Anfang an verboten, wo doch genau diese Bebauung im Stadtgebiet zu viel Land verbraucht? Ehemalige Industriegebiete verfallen, Bausünden werden nicht abgerissen und durch moderne Wohnbebauung ersetzt. Wobei manches einfach grauenhaft gebaut wurde. Plätze, die schlimmer als der Goetheplatz ohne jedes Grün zum schnellen weiter gehen da sind. Beispiel: kleines EKZ an der Ludwig-Landmann-Str. . Weil niemand gern dort ist, sind die Läden schwer vermietbar. Aus Fehlern lernen? Sieht nicht danach aus!

  • @Thomas
    geschrieben von PVPV (274 Beiträge) am 17.07.2017 08:13

    Sie sind sehr blauäugig.

    wissen Sie, ohne Einwände werden Innovationsquartiere gebaut.

    Natur weg und bezahlbarer Wohnraum gibt es trotzdem nicht.

    Kleiner bauen, aber bezahlbar ist nicht im Programm der SPD.

    40% Bonbons werden aus dem Wagen geworfen, am Ende sind nur die Zähne kaputt.

    Wer heute noch Einwände hat sind Naturschützer, alle anderen haben resigniert oder sind zu schwach, jedoch Weden die als Vorwand genutzt zu bauen.

    Ganz mieses Spiel.

  • Leute, hört sie reden und reden und reden...
    geschrieben von ThomasSchoeffel (88 Beiträge) am 17.07.2017 07:52

    Klimagutachten, "südliche Winde", Mikroklima... Wenn ich das alles höre, wird mir schon schlecht. Wie lange da wieder rungeplant und rungemacht wird. Kurzum, es wird ewig und drei Tage dauern, bis der erste Bagger auftaucht. Vielleicht gerade so lange, bis die Krise vorbei ist. Vielleicht so in fünf bis sieben Jahren. Vielleicht auch noch später ? Was in dieser Zeit mit den Leuten passiert, die sich keine Wohnungen leisten können ? Tja, offenbar ist das ja egal. Hauptsache, es kann munter weiter schwadroniert und räsoniert und geblubbert werden. Immer schön im wissenschaftlichen Duktus bleiben. Immer schön seriös die arme, arme Umwelt vorschieben. Immer schön irgendwas vorschieben. Wir sind ja soo besorgt. Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen könnte. Daß man nicht einfach drauflosbauen kann, versteht sich ja von selbst, aber man kann das mit den Einwänden auch übertreiben. Diese ganze Verhinderei vom absolut notwendigen Wohnungsbau ist viel zu sehr ausgeufert. Aber: Nichts.



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