11.10.2017 13:35 |

Buchmessen-Thriller, Teil 2: Krögers Geheimnisse - Doppelleben erfordert Lügen

Vergessen Sie Dan Brown & Co.: Die FNP-Redaktion hat einen Krimi geschrieben. Unser verwirrter Protagonist erlebt ein haarsträubendes Abenteuer im Buchmessen-Frankfurt - original mit knallharten Unterwelt-Gestalten, einer geheimnisvollen Schönen und, natürlich, jeder Menge absurder Wendungen.

Kapitel 6


„… als ich in deinen Laptop schaute…“ Kröger hätte aufspringen, Hannah schütteln, von ihr seinen Rechner zurückfordern müssen. Aber ihre Worte erreichten ihn nicht. Er sah in diesem Moment nur ihr Gesicht, war bezaubert von ihrem überwältigenden  Lächeln, berauscht von der Verheißung, mit ihr auf sein Zimmer zu gehen. Er trank hastig einen Schluck. Bäh, er hasste auch Gin-Tonic. „Sag mal, was hältst Du davon, wenn wir noch mal auf dem Tisch tanzen?“, fragte er. „Hier an der Bar?“ „Nein, oben, auf meinem Zimmer.“ Hannah musterte ihn: „Ich glaube, Du hast etwas falsch verstanden.“ „Habe ich?“, entgegnete er. „Ich habe nicht getanzt, nur Du“, sagte sie. „Ach so.“

Nachdem er das Zimmer aufgeschlossen hatte, fielen sie küssend und heftig atmend in den Vorraum. Schmerz fuhr stechend in seine linke Seite. Die Waffe in seinem Sakko... Aber Hannahs Küsse duldeten keine Unterbrechung. Sie ließen die Pein so schnell abklingen, wie sie gekommen war. Trotzdem, die Waffe musste er loswerden. „Warte“, sagte er zu ihr. „Bin gleich wieder da.“ Umständlich stand er auf, stolperte ins Bad und schloss die Tür. Er tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn. Wohin mit dem Schießeisen? Es fehlte ein Schrank. Er zog sein Sakko aus und legte es samt Waffe vorsichtig unter das Waschbecken. Hemd und Hose streifte er ebenfalls ab und warf sie auf das Sakko, ebenso Unterhemd und Strümpfe. Das musste als Versteck reichen. Er musste zu ihr.

Er rannte zur Tür und  öffnete sie. Hannah erwartete ihn. „Ich muss auch noch mal kurz ins Bad“, hauchte sie und lächelte. „Bin gleich bei dir.“

Kröger sprang auf das Bett und rollte sich auf den Rücken. Die Buchmesse hatte er jetzt vergessen, auch seinen Termin – und den Laptop. Aus dem Bad hörte er ein Geräusch. „Hannah?“ – In diesem Moment klopfte es an der Zimmertür.

Sven Weidlich

Kapitel 7


Erst klopfte es einmal zart, dann energischer. Kröger war plötzlich hellwach. Sein Oberkörper schnellte hoch. Er saß aufrecht im Boxspring-Bett, King-Size XXL. Bettdecke und Kopfkissen waren zerwühlt und lagen im Zimmer verstreut. Er fühlte sich elend. Kopfschmerzen, die Schlagader pulsierte. Sein nackter Körper war schweißgebadet. „Verdammt“, dachte Kröger. „Was wird hier gespielt?“ Er hatte die Kontrolle über seine Gedanken verloren. Hannah? War alles nur ein Traum nach dem vierten – vielleicht auch fünften – Gin Tonic an der Bar?

Es klopfte zum wiederholten Mal an der Tür. „Zimmerservice – die Austern!“, rief eine Stimme in gebrochenem Deutsch. „Stellen Sie sie vor die Tür“, entgegnete Kröger genervt, stieg aus dem Bett und zog den schweren Vorhang zurück. Sein Blick aus der dritten Etage fiel auf die Rotunde der Festhalle. Die Helligkeit traf ihn wie ein Blitz. Er spürte einen fürchterlichen Schmerz hinter der Schädeldecke und wurde zurück aufs Bett katapultiert. Kröger vergrub sein Gesicht in beiden Händen, war fassungslos über seinen desolaten Zustand. Ihm war nach Heulen zumute.

Hatte er sich selbst so zugerichtet? War ihm die Kontrolle über den Alkohol entglitten? Er haderte mit sich, fand aber keine Erklärung. Offenbar hatte er einen Filmriss. Es dauerte ein paar Minuten, dann begannen seine Gehirnzellen wieder zu arbeiten. Plötzlich schoss ihm der Gedanke an seine Waffe in den Kopf. Die Pistole hatte er in der Innentasche seines karierten Sakkos getragen. Kröger  begann nach seinen Kleidungsstücken zu suchen. Die dunkelblauen Socken und die Calvin-Klein-Boxershorts lagen rund ums Bett verstreut. Wo war der Rest?

Die Tür zum Bad war geschlossen. Er drehte den Knauf behutsam nach links, öffnete die Tür ganz langsam. Das Sakko lag dort. Er stürzte hin, fasste in die Innentasche und erschrak: Sie war leer. Die Pistole war weg. Im Waschbecken lag eine leere Ampulle. Er wusste Bescheid.

Michael Balk

Kapitel 8

Kröger wurde abwechselnd heiß und kalt. Mit zitternden Händen tastete er in der Hose nach dem Stick. Auch weg. Für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Schwer atmend stützte er seine Arme auf das Waschbecken und schaute in den Spiegel. Das beständige Klopfen des Zimmerservice kam nun von ganz weit weg. Er blickte in das Gesicht eines Mannes, der dabei war, sein Leben zu verlieren. Ein fahles Gesicht mit tiefen Tränensäcken unter den blassblauen Augen schaute zurück. Die spärlichen Haare standen wirr vom Kopf. Er sah gut und gerne zehn Jahre älter aus, als er eigentlich war. Wie hatte er annehmen können, dass  eine so attraktive Frau noch ein ernsthaftes Interesse an ihm haben könnte? 

Doch für Selbstmitleid war jetzt keine Zeit. Er brauchte den Stick und den Laptop. Der Blick auf die Armbanduhr, ein weiterer Schock. Noch vier Stunden bis zur Eröffnungsrede von Macron. Er spritzte sich schnell etwas Wasser ins Gesicht und zog sich hastig seine Sachen an. Dabei fiel ihm auf, dass das Klopfen an der Zimmertür aufgehört hatte. Stattdessen war nun etwas anderes zu hören. Ein leises, vorsichtiges Kratzen. Ein Geräusch von jemandem der versucht, kein Geräusch zu machen. Jemand machte sich an der Tür zu schaffen. Jemand wollte ins Zimmer. Und dieser jemand wollte sicher nicht mit Kröger Austern essen. Hastig schaute er sich im Zimmer um und fand nichts, mit dem er sich im Notfall verteidigen könnte.

Aber seine Augen blieben an etwas anderem hängen. Eine braungelockte Perücke lag auf dem grauen Teppich neben dem Bett. Daneben ein ausgedrückter Zigarettenstummel. Er hatte ein Loch in den Boden gebrannt. Von der Tür kam nun ein lautes Schaben. „Da hilft nur die Flucht nach vorne!“, dachte er, spannte alle Muskeln seines Körpers an, atmete tief durch und riss die Tür auf.

Rebecca Röhrich

Kapitel 9

Vor ihm stand ein junger Mann, der ungefähr so aussah wie Kröger selber in jenem Alter, in dem er Gitarrist gewesen war, nur viel dürrer. Er trug eine Laptop-Tasche über der Schulter und schaute Kröger ebenso erschrocken an wie dieser ihn. „Sie sind aber nicht Herr Lukwitz, oder?“, fragte der Fremde etwas zu frech für sein Alter. „Nicht, dass ich wüsste“, erwiderte Kröger missgelaunt. „Wer soll das sein?“

Der junge Mann seufzte, als habe er es mit einem störrischen Kind zu tun: „Benno Lukwitz. Schriftsteller. Hat verschiedene Frankfurt-Krimis geschrieben und stellt den neuesten auf der Buchmesse vor. Soll ein Interview mit ihm machen.“ Kröger hatte keine Lust auf lange Wortwechsel. „Die Rezeption kann Ihnen sicherlich weiterhelfen“, blaffte er, schloss die Tür und legte sich zurück aufs Bett. Er dachte an Walter White. Die Hauptfigur aus der Netflix-Fernsehserie „Breaking Bad“. Der Chemielehrer war zum Drogenhändler geworden, um Geld für seine Krebsbehandlung aufzubringen.

Doch um sein Doppelleben führen zu können, musste er lügen. Gegenüber seiner Frau, seinen Kindern, seinen Nachbarn. Und je mehr Walter White log, desto mehr musste er weiterlügen. Er erfand die dollsten Geschichten. Nein, das kam für Kröger nicht in Frage. Er mochte die Wahrheit. Sie gefiel ihm. Und am liebsten mochte er sie nackt, kalt, schmerzlich. Manchmal machte er sich die Wahrheit in seiner Vorstellung sogar schlimmer, als sie war, nur um an ihr wachsen zu können. Er wollte größer und stärker sein als sie. Aber ging das?

Er erinnerte sich an einen Wirtschaftswissenschaftler, der auf einer Party gesagt hatte: „Geld existiert genau genommen gar nicht. Es ist ein beliebig veränderbarer  Nennwert. Was existiert, sind nur die Güter.“ Immerhin, dachte Kröger, existiert noch das Bett unter mir. Auch wenn mein Konto sich vielleicht schon aufgelöst hat.
 

Sabine Kinner
 

Kapitel 10

Kröger lag wieder auf dem Bett. Unzählige Gedanken hämmerten gegen sein Schädeldach: Schneider, Hannah, der verschwundene Laptop, der gestohlene Stick, seine Knarre. Die Buchmesse begann heute Abend, mit  Macron und Merkel, fiel ihm wieder ein. Nervös strich er seine wenigen Haare glatt. Jetzt war strategisches Handeln gefragt. „Bleib cool“, sagte er zu sich selbst. „Bleib ganz cool!“ Unmerklich schaukelte er auf der Bettkante sitzend mit seinem Oberkörper hin und her, versuchte sich zu beruhigen. 

Was hatte es mit diesem sonderbaren Journalisten auf sich, der angeblich nach diesem Benno Lukwitz gesucht hatte? Komische Sache. Was wollte der wirklich von ihm? Plötzlich hielt Kröger inne. „Ich Idiot.“ Welcher Journalist würde sich wegen eines lächerlichen Interviews an einer Zimmertür zu schaffen machen? Der Typ hatte ihn verschaukelt. Und schlagfertig war er auch gewesen. Und er? Er war eine Niete. „Was für eine Scheiße!“, stöhnte er.  Er wollte es sich gar nicht ausmalen, was Schneider und seine Jungs mit ihm anstellen würden, wenn er innerhalb der nächsten Stunden den Stick und  den Laptop nicht auftreiben konnte. Wo steckte bloß dieses verdammte Luder?

Kröger schlüpfte in seine Schuhe, bemerkte, wie seine rechte große Zehe gegen etwas Winziges stieß. Er bekam ein zusammengeknülltes  Stück Papier zu fassen. Nur kurz wunderte er sich darüber. Als er die Handynummer bemerkte, die mit krakeliger Schrift auf die Rückseite geschrieben worden war und die er nur allzu gut kannte, hielt er den Atem an: Es war Schneiders Nummer. Den Zettel musste Hannah verloren haben, anders konnte er es sich nicht erklären. Was wurde hier für ein Spiel gespielt? Kröger sprang auf, rannte  aus dem Zimmer. Fast wäre er übers Tablett mit den Austern gestolpert, das vor der Tür stand. Keine Zeit.         


Doris Preusche

Den nächsten Teil lesen Sie ab Freitag, 13. Oktober, auf fnp.de

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Wie viele Zentimeter sind ein Meter?: 

Weitere Artikel aus Frankfurt

Gastronom Jan Mai ließ sich im Februar auch von dieser Zeitung vor dem „First In“ fotografieren. Im Gespräch blieb er damals bei seiner Behauptung, es sei in der Silvesternacht zu sexuellen Übergriffen in der Bar gekommen.
Frankfurt
|
Strafverfahren

Anklage gegen Szene-Gastronom

Weitere Artikel aus Frankfurt

Symbolbild Schule
Frankfurt
|
Bildung

Neues Schuljahr, neue Schulen

<span></span>
Der Rote Faden

Der Rechtschaffende

Der Goetheturm soll originalgetreu wiederaufgebaut werden. Der Turm war Mitte Oktober komplett abgebrannt.
Frankfurt
|
Wiederaufbau

95 000 Euro für Goetheturm gespendet

Rubrikenübersicht