12.10.2017 14:17 | Ute Vetter

Goetheturm abgebrannt: "Mein Turm ist tot" - Ein Nachruf auf den Goetheturm

Frankfurt Die Frankfurter hat das Ende des Goetheturms tief bewegt. Viele haben mit ihm Kindheit, Freizeit und auch ganz persönliche Momente verbunden. FNP-Redakteurin Ute Vetter hat versucht, den Verlust in Worte zu fassen.

Für seine spektakuläre Aussicht, etwa auf die Skyline der Stadt, liebten... Bilder >
Für seine spektakuläre Aussicht, etwa auf die Skyline der Stadt, liebten... Bild: Arne Dedert (dpa)

„Er“ ist nicht mehr: „Mein“ Goetheturm aus Kindheitstagen. Ein mieser Brandstifter soll ihn gemeuchelt haben. Ich kann es kaum fassen. Und bin traurig. Hätte ich am Donnerstag morgen die Fotos vom Feuer nicht gesehen, ich würde es nicht glauben. In meiner Erinnerung steht er noch immer im Stadtwald, am Rande des Sachsenhäuser Bergs, so mächtig und bescheiden zugleich, aus starkem, dunklem Holz inmitten gewaltiger Buchen, deren Kronen seine Dachkanzel immer zu umflüstern, zu umflirren schienen.

Liebevoller Patriotismus

Ich wusste als kleines Mädchen nicht, was Goethe so alles drauf hatte. Doch der Name hatte ein wundersamen Klang und wenn mein Vater ihn erwähnte, rezitierte er stets aus dem Stand einige Verse und rollte das R ein wenig stärker als sonst und sagte, Goethe sei ein Dichterfürst. Und ein Frankfurter. Ich mochte die Vorstellung eines dichtenden Fürsten. Und Frankfurt auch, das war ja meine Stadt. Möglicherweise entsteht so liebevoller Patriotismus.

Wenn die Eltern nun sagten, es gehe zum Goetheturm, dann war das eine Verheißung. Der Ausflug versprach mir kleinen Oberräderin und meinen Geschwistern Abenteuer im Wald.

Eine phantastische Welt von oben

Der Weg erschien uns weit, allein hätten wir nicht hingefunden. Doch hatten wir erst den Sportplatz der Spvgg Oberrad (diese Abkürzung geht mir heute noch, fast 50 Jahre später, wie selbstverständlich über die Lippen) und den Waldspielpark Scheerwald passiert, standen wir alsbald am Fuß des Turms, legten den Kopf in den Nacken, begafften ihn.

Mitarbeiter Portraits der Frankfurter Neuen Presse, aufgenommen am Mittwoch in Frankfurt am Main. Foto: Salome Roessler Foto: Salome Roessler
Mitarbeiter Portraits der Frankfurter Neuen Presse, aufgenommen am Mittwoch in Frankfurt am Main. Foto: Salome Roessler

Ich konnte es kaum erwarten, die hölzernen Stufen hinaufzusteigen, sie führten schier endlos in den Himmel und machten das Ganze zur Mission, immer wieder blickten wir leicht schaudernd nach unten, auf Fußspitzen stehend oder uns hochheben lassend, die Brüstung fest umklammernd, auf dass man ja nicht falle. Wie fantastisch die Welt von oben aussieht, das begriff ich damals.

Früher ohne Netz im inneren Aufgang

Den Henninger Turm mit seinem Fässchen konnte ich sehen und wusste, dass sich das Restaurant dreht, den Mühlberg überblickte ich und immer wieder sagte der Vater: „Da hinten, am Horizont, da ist der Taunus. Siehst Du den Feldbergturm, die Antenne?“. Die Netze im Inneren des Aufgangs gab es damals nicht. Ein Förster erzählte mir viele Jahre später, es sprängen jedes Jahr Menschen vom Goetheturm in den Tod. Doch meine Erinnerungen an ihn sind einfach schön. Über das Turmblasen des Sachsenhäuser Jagdklubs dort am Neujahrstag schrieb ich freiwillig gern, denn wohltuend traditioneller kann ein Feiertag kaum beginnen.

Adieu, hölzerne Ode an unseren Goethe

Das Goetheturmfest ist ein kleines, aber feines; stets kommen freundliche Menschen mit Kindern und Hunden dorthin. Und der winzige Weihnachtsmarkt hatte sich derart etabliert, das Oberräder und Sachsenhäuser schon über den Ansturm der „annern Leut“ meckerten. Denn es war ja immer irgendwie „ihr“ Turm. Er gehört wiederaufgebaut. Als hölzerne Ode an „unsern Goethe“. Und uns Frankfurter. Die ihre alten Wahrzeichen zu schätzen wissen, die keine konformistischen, materiellen Zwecke erfüllen. Sondern einfach nur da sind, auf dass wir innehalten und uns unseres Lebens erfreuen.

Kommentare

  • "Mein Turm ist tot" - Ein Nachruf
    geschrieben von sieglinde_lackner (100 Beiträge) am

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    auch ich bin fassungslos! Unser schönes Frankfurter Wahrzeichen ist dahin! Wie konnte das nur passieren?! Henningerturm wurde schon enorm verändert! Jetzt auch noch der Goetheturm dahin! Hoffentlich kann dieser wieder konstruiert werden! Denn: was ist Frankfurt ohne die traditionellen Wahrzeichen?! Ein herber Verlust! Ich fühle mit allen Einwohnern der Stadt!
    Sieglinde Lackner Bad Soden Taunus
    12.10.17



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