21.04.2017 14:41 | Christophe Braun

Interview mit Katastrophen-Experte: "Nach drei Tagen bricht die öffentliche Ordnung zusammen"

Unfälle oder Angriffe mit biochemischen Giftstoffen können verheerende Auswirkungen haben - gerade in Ballungszentren wie dem Rhein-Main-Gebiet. Der Survival-Experte Detlev Hoppenrath hat ein Buch über solche Szenarien geschrieben. Im Interview erklärt er, wie man sich im Ernstfall verhalten sollte.

Foto: Eine Katastrophenübung in Yogyakarta, Indonesien. Bild: imago Bilder >
Foto: Eine Katastrophenübung in Yogyakarta, Indonesien. Bild: imago Bild: imago stock&people

Herr Hoppenrath, wie realistisch ist eine biochemische Katastrophe in Deutschland?
Hoppenrath: Eine Großgefahrenlage kann leicht entstehen. Überlegen Sie mal, wie viele Tonnen Giftstoffe täglich auf unseren Schienen transportiert werden. Oder denken Sie an die chemischen Fabriken. Allein BASF musste im vergangenen Jahr 14-mal Werkgelände in Deutschland räumen, weil giftige Substanzen ausgetreten waren. So etwas kann leicht schiefgehen. Hinzu kommt die Gefahr terroristischer Anschläge.

Sind Großstädte und Ballungsgebiete besonders gefährdet?
Hoppenrath: Definitiv. Hier treffen sich Verkehrswege, hier befinden sich wirtschaftliche, politische und logistische Zentren. Ein Angriff oder ein Unfall kann weite Teile der staatlichen Infrastruktur lahmlegen.

Sind wir auf solche Gefahrenlagen vorbereitet?
Hoppenrath: Der Staat: ja. Die Bürger: nein.  

Wie meinen Sie das?
Hoppenrath: Für den größten Teil der Zivilbevölkerung spielt der Katastrophenschutz heute keine Rolle mehr. Früher war das anders. Während des Kalten Krieges haben die Leute die Katastrophenprävention sehr ernst genommen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat das abgenommen. Mittlerweile haben die meisten Leute nicht einmal genug Vorräte zuhause, um über zwei, drei Tage zu kommen.

Warum ist das so?
Hoppenrath: Weil die Nachkriegs-Generationen keine Katastrophen mehr erlebt haben. Früher hat praktisch jede Generation mindestens eine einschneidende Katastrophe erlebt. Allein im 20. Jahrhundert hat es in Europa zwei Weltkriege und Bürgerkriege gegeben. Hinzu kommen Pandemien …

… wie die spanische Grippe, die Anfang des Jahrhunderts weltweit fast 50 Millionen Menschen getötet hat.
Hoppenrath: Genau. Inzwischen lebt praktisch niemand mehr, der sich daran erinnern könnte. Aber die Staaten haben diesen Schock nicht vergessen. Das ist nämlich die andere, die positive Seite: Die staatlichen Institutionen sind besser denn je auf Katastrophen vorbereitet.

Die Bundesregierung hat den Katastrophenschutz aktuell sogar verstärkt.
Hoppenrath: Ja, Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat die Präventionsmaßnahmen seit 2016 deutlich intensiviert. Die Bundesrepublik bunkert massenhaft Lebensmittel. Es gibt ein Netz an Notbrunnen, eine strategische Ölversorgung. Vor allem aber: Wir haben in Deutschland zahlreiche gut ausgebildete Profis  – beim Technischen Hilfswerk, beim Roten Kreuz, bei der Feuerwehr, in den Robert-Koch-Instituten und so weiter -, die genau wissen, wie sie im Gefahrenfall zu reagieren haben.

Was bedeutet es, dass die Bundesregierung diese Maßnahmen verstärkt?
Hoppenrath: Dass die Regierung der Auffassung ist, dass sich die Bedrohungslage wieder intensiviert hat, etwa durch Attentate auf die Infrastruktur, was ja auch gerade diskutiert wird. Oder durch terroristische Angriffe, auch das erleben wir zurzeit in verstärktem Maße.

Nächste Seite: Was Sie im Katastrophenfall tun können

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