Stadtteil-Serie (Teil 4)

Nied, ein Stadtteil zwischen Wassern

Blick auf die Nidda-Stromschnellen bei Nied. Das Wildwasser ist durch Renaturierungsmaßnahmen in einem Altarm der Nidda entstanden. Das alte Niddawehr musste dafür verschwinden. Fischen bieten die Stromschnelle die Möglichkeit, den Fluss auf und ab zu schwimmen.
Ben Kilb/FNP

Das Privileg, direkt zwischen zwei Flüssen zu liegen, fällt als einzigem Frankfurter Stadtteil Nied zu. Im Norden grenzt der Ort an die Nidda, im Süden an den Main. Nied bildet das Mündungsdreieck der beiden Gewässer und ist über Frankfurt hinaus bekannt für die romantischen Flussaltarme entlang der Niddaauen.
Doch der Stadtteil hat es schwer, mit seiner Wasserlage für sich zu werben. Nied gilt vielen als einer der heruntergekommensten Stadtteile. Die Arbeitslosigkeit und Kriminalität sind im Vergleich zu den meisten anderen Orten in der Mainmetropole hoch, Einwohner klagen über integrationsunwillige Mitbürger, zunehmende Anonymität, Ladenleerstand und ein fehlendes Gemeinschaftsgefühl. Alteingesessene Nieder haben sich daher entfremdet von ihrem Stadtteil. Feste werden dort, wenn überhaupt, nicht mehr so groß gefeiert wie früher. Mancher Bürger traut sich nach Einbruch der Dunkelheit aus Angst vor Überfällen nicht mehr auf die Straße.

Aus Sicht der Nieder unternimmt die Stadt zudem wenig bis gar nichts, um dem gebeutelten Stadtteil zu helfen. „Es kommt einem halt so vor, als ob alles Schlechte von Frankfurt hier abgeladen wird und die Stadt nur dort Hand anlegt, wo die Reichen wohnen“, sagt Kioskbesitzer Roger Probst, der in Nied groß geworden ist, aber nur noch wenig Verbundenheit mit seiner Heimat verspürt. Es wirkt, als spülten die beiden Flüsse, an denen der Stadtteil liegt, das Negative nach Nied.
Fakt ist, dass der Ort seinen aus dem Keltischen stammenden Namen dem Fluss Nidda verdankt. Eingemeindet zu Frankfurt wurde das einstige Bauern- und Fischerdorf Nied im April 1928. Heute zählt der Stadtteil rund 20 000 Einwohner, die trotz all der Schwarzmalerei von ihrem Stadtteil das Vereinsleben einigermaßen intakt gehalten haben. Rund 50 Vereine finden sich im 3,72 Quadratkilometer großen Nied. FNP-Reporter Ben Kilb hat den Ort mit seiner Kamera erkundet.

Beliebtes Flussufer

 


Ein Blick auf die Nidda-Stromschnellen bei Nied: Das Wildwasser ist durch die Renaturierung eines Altarms der Nidda entstanden. Das alte Niddawehr musste dafür verschwinden. Fische können daher nun problemlos den Fluss auf- und abschwimmen.

 

„Man muss keine Angst haben“

 


Mounir (18) und Tunsi (18) sind in Nied aufgewachsen, fühlen sich hier wohl und haben auch nicht vor, den Stadtteil zu verlassen. „Nied hat oft einen miesen Ruf, was aus unserer Sicht aber nicht gerechtfertigt ist. Angst muss man auf den Straßen nicht haben“, sagt Tunsi, der außerdem findet, dass „die Menschen hier zusammenhalten, egal ob mit deutschen oder fremden Wurzeln“.

 

Das Trennende zwischen Nord und Süd

 


Ein Blick in Richtung Westen auf die Mainzer Landstraße, die Nied von Osten nach Westen durchzieht – oder doch eher trennt? So empfinden die Hauptstraße samt der parallel verlaufenden Straßenbahnschienen viele Nieder. Deshalb fordern sie seit Jahren Verbesserungen und eine Umgestaltung. Doch die behördlichen Mühlen mahlen langsam, auch wenn am Nieder Tor etwas passieren soll.

 

Kompromiss Kerbeplatz

 

Der Kerbeplatz an der Nidda in Nied. Die Stadt hat hier in den vergangenen Jahren weit mehr als 100 000 Euro in Verschönerungsmaßnahmen investiert. Der Platz wurde begrünt, Bänke wurden aufgestellt. Die neue Gestaltung ist allerdings ein Kompromiss zwischen Stadtgrün, Spiel- und Sportfläche sowie der Nutzung als Kerbe- oder Zirkusplatz. Aus Sicht vieler Nieder war dies daher nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, auch wenn die Kerb weiterhin am Niddaufer gefeiert werden kann.

Von der Kritik zur Integration

Der Hausmeister der Flüchtlingsunterkunft in Nied steht an deren Eingang in der Dürkheimer Straße. Der Bau der Unterkunft, die seit dem Frühjahr bezogen ist, hat in Nied für Verängstigung und Kritik gesorgt. Die insgesamt fünf zweigeschossigen Häuser bestehen aus Holzmodulen und bieten 34 Wohneinheiten. Insgesamt können hier rund 140 Menschen untergebracht werden. Und mittlerweile heißt es in Nied, dass sich die Flüchtlinge bereits besser integriert hätten als andere Mitbürger mit ausländischen Wurzeln.

Brennpunkt Hochhäuser

 


Blick auf sozialen Wohnungsbau an der Dürkheimer Straße in Nied. Das Hochhausviertel rund um die Dürkheimer Straße hat noch immer den Ruf eines sozialen Brennpunktes, auch wenn es solche Orte laut offizieller Sprechart in Frankfurt nicht mehr gibt. Viele Nieder aber sehen das durchaus anders.

 

Unsichere Kioskbesitzer

 


Erika und Volker Adler (links) führten jahrelang den „Kiosk am Treppchen“ an der Mainzer Landstraße in Nied. Vor etwa zwei Monaten hat nun Robert Probst die Geschäfte übernommen. Sie alle beschweren sich über den Sittenverfall, der seit Jahren in Nied anhalte. „Viele trauen sich hier abends nicht mehr auf die Straße. Der Umgangston ist rauer geworden“, sagt Erika Adler. Die früheren und der aktuelle Kioskbesitzer klagen vor allem über Osteuropäer und Nordafrikaner, die den Stadtteil „unsicher machen“.

 

Mitten in der Tristesse

 


Das Eis-Café Riviera im Ortsmittelpunkt mit der Katholischen Markuskirche im Hintergrund. Im tristen Nied ist dies noch einer der schönsten Orte. Allerdings stehen auch hier die Stühle auf Parkplätzen.