Stadtteil-Serie (Teil 5)

Niederrad, ein Ort der Gegensätze

Wer von der Niederräder Landstraße Richtung Niederrad kommt, kennt diesen Anblick: Das denkmalgeschützte Frauenhoftor und die dahinter liegende Mainfeld-Siedlung. Beide sind Niederräder Wahrzeichen, auch wenn letztere wohl nie unter Denkmalschutz gestellt wird. Fotos: Michael Faust
Michael Faust/FNP
Erstmals urkundlich erwähnt wurde Niederrad im Jahre 1151 und machte sich vor allem als Wäscherdorf einen Namen. Das weiche Wasser begünstigte nämlich die Wäschereibetriebe und damit zugleich den Aufstieg des kleinen Dorfs vor den Sachsenhäuser Toren. Beliebt war der Stadtteil ganz besonders als Ausflugsziel für die Frankfurter: Zahlreiche Gasthäuser und das Oberforsthaus, das den Mittelpunkt des Wäldchestages bildete, lockten die Städter hinaus ins Grüne. Seit der Eingemeindung im Jahr 1900 gehört Niederrad zu Frankfurt.

Als Teil der großen Stadt wuchs Niederrad stetig: In den 1920er Jahren errichtete Ernst May „Zickzack-Hausen“ als Teil des Großprojekts Neues Frankfurt. Der winkligen Fassadenanordnung verdankt die Siedlung den Spitznamen, unter dem sie auch überregionale Berühmtheit erlangte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Entwicklung rasant weiter: Die Adolf-Miersch-Siedlung ist heute noch prägend für Niederrad. Während diese von der Nassauischen Heimstätte Anfang des Jahres sogar nachverdichtet wurde, ist das am Main gelegene Mainfeld nach wie vor ein Sorgenkind. Der drohenden Ghettoisierung versucht die ABG-Holding seit Jahren mit einer Durchmischung entgegenzuwirken. Die Pläne finden bei den Bewohnern aber nicht nur Unterstützer, da sie Angst vor Entmietung haben.
Im Süden, in Sichtweite des Stadtwaldes, liegt nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt ein ausgedehntes Villenviertel. Dazwischen stehen die Wohnanlagen aus den zwanziger und fünfziger Jahren. FNP-Reporter Michael Faust hat den Stadtteil mit seiner Kamera erkundet.

Ein bunter Treffpunkt



Treffen der Generationen: Die Melibocusstraße ist nicht nur ein beliebter Treffpunkt aller Alters- und Gesellschaftsschichten. Hier lässt sich auch sehr gut die städtebauliche Entwicklung Niederrads nachvollziehen. Die Siedlung Bruchfeldstraße entstand in der Zeit von 1926 bis 1928 unter der Ägide des damaligen Siedlungsdezernenten Ernst May (rötlicher Absatz) und die Siedlung Mainfeld (Hochhaus im Hintergrund) in den 60er Jahren. Die Gebäude im Vordergrund sind aus den 80er-Jahren. Sie beherbergen vornehmlich Schnellrestaurants.

In „Alt-Niederrad“ ist die Welt noch in Ordnung



Auch wenn im Krieg viele historische Gebäude zerstört wurden und der Neuaufbau das Erscheinungsbild des Stadtteils veränderte, hat sich Niederrad trotzdem seinen dörflichen Charakter bewahrt. Das wird in „Alt-Niederrad“, dem historischen Kern im Bereich der Schwanheimer und der Kelsterbacher Straße deutlich.

Familienfreundlicher Stadtteil



Niederrad hat für junge Familien eine Menge zu bieten. Neben dem Main und dem nahen Stadtwald ist der Elli-Lucht-Park mit einem Fitnessparcours für Senioren und einem gepflegten Spielplatz eine beliebte Anlaufstelle für Alt und Jung. Ortsunkundige wundern sich, dass es einen so schönen und wegen der weit entfernten Straßen auch sicheren Spielplatz im Quartier gibt. Nur die Sandkästen müssten besser vor Tierkot geschützt sein, lautet die Kritik.

Schlosserei schließt



Größere Infrastrukturprogramme sind für Niederrad nicht in Sicht. Allerdings erfordert eine zusätzliche Eisenbahntrasse im Westen Niederrads umfangreiche Baumaßnahmen und neue Brücken. Neben dem bereits geräumten und zunehmend verfallenden alten Niederräder Bahnhof fällt auch die von der Bau- und Kunstschlosserei Minard GmbH genutzte Güterabfertigungshalle den Plänen zum Opfer. Inhaber Karl Fischer (77) geht nach zwei Dekaden auf dem Bahndamm Ende des Jahres in Ruhestand. „Der Ort war ideal. Hier haben wir kaum jemanden mit Lärm gestört. Erschließen musste ich das Gebäude alleine. Dafür bekam ich einen langfristigen Mietvertrag, der in einem knappen Jahr ausläuft. Derzeit verhandele ich mit einem potenziellen Nachfolger, der die Firma an einem anderen Ort weiterführen kann.“

Beten in der Fabrik



Das Frauenhoftor ist der Rest einer Kattunfabrik aus dem 18. Jahrhundert. Dahinter wird vorwiegend gewohnt, daneben seit 2009 gebetet. In einem Anbau sitzt der Mevlana Kulturverein Moschee e.V. mit 240 Mitgliedern. „Der Verein wurde gegründet, weil es im Frankfurter Süden keine unabhängige Moschee gab“, sagt der zweite Vorsitzende Ayhan Yildiz.

Ein idyllisches Viertel mit Lärmproblem



Idyllisch ist der Süden Niederrads: In der Nähe des Stadtwaldes liegt das Villenviertel, das nicht nur geographisch dem Mainfeld gegenübersteht. Bei Veranstaltungen im nahe gelegenen Stadion verhindern Schlagbäume das Zuparken des Quartiers. Der Fluglärm, der vor allem den südlichen Teil des Stadtteils beeinträchtigt, lässt sich hingegen nicht so leicht aus der Welt schaffen und ist bei den auf Ruhe bedachten Anwohnern ein großes Ärgernis.

Hier gibt’s alles für das tägliche Leben



Die Bruchfeldstraße ist die Lebensader Niederrads. Hier haben sich viele kleinere und größere Geschäfte angesiedelt, so dass die Nachbarn alles für den täglichen Bedarf bekommen. In den vergangenen Jahren verlagerten einige große Supermarktketten ihre Geschäfte an den äußersten westlichen Rand von Niederrad, die frei gewordenen Gewerbeflächen haben findige Geschäftsleute, aber auch Ketten übernommen. Dem Stadtteil hat’s geholfen.