09.11.2017 03:30 | Matthias Gerhart

ICE blockiert: Prozess gegen Umweltaktivisten von Protesten begleitet

Frankfurt Umweltaktivisten sorgten im November 2015 mit der Blockade eines ICE-Zuges in Frankfurt für Aufsehen. Der sollte eine deutsche Delegation zum UN-Klimagipfel bringen. Nun hat der Prozess gegen die drei Aktivisten begonnen – auch mit einem Streit vor dem Gericht.

Erst mit dreistündiger Verspätung konnte der ICE in Richtung Paris zum Umweltgipfel starten.
Erst mit dreistündiger Verspätung konnte der ICE in Richtung Paris zum Umweltgipfel starten. Bild: Frank Rumpenhorst (dpa)

Gleis 1 um die Mittagszeit am 28. November 2015. Knapp eine Stunde sollte der aus Berlin eingetroffene ICE mit seinen prominenten Insassen in Frankfurt Aufenthalt haben, ehe es weiter nach Paris gehen sollte, wo Umweltministerin Barbara Hendricks am UN-Klimagipfel teilzunehmen gedachte. Doch aus der geplanten Stunde wurden mehr als drei.

Plötzlich schwebten junge Leute an Seilen durch die Luft, die sich von einer Wartungsbrücke unter dem Bahnhofsdach auf das Dach des Zuges abseilten und dies als Ort umweltpolitischer Erörterungen benutzten. Über Megafon wurde verkündet, dass Hendricks und ihre Delegationsteilnehmer nicht etwa die Klimaretter seien, sondern vielmehr Verursacher des ganzen Klima-Desasters. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Zug wieder fahrbereit war, denn auch auf den Schienen hatten sich Umweltschützer aneinandergekettet. Nachdem sie zunächst erfolglos selbst Kontakt zu den Aktivisten gesucht hatte, stieg die Ministerin wieder in ihr Abteil ein und gelangte irgendwann dann doch noch in die französische Hauptstadt.

Drei Aktivisten flüchteten

Drei der insgesamt sechs Aktivisten konnte die Polizei dingfest machen, drei weitere blieben bis heute unbekannt. Weil zumindest eine der beiden Frauen zum Tatzeitpunkt noch keine 21 Jahre alt war, wurde eine Jugendabteilung des Amtsgerichts mit dem Fall betraut. Die Geduld der Richterin wurde gestern auf eine harte Probe gestellt. Weder die heute 21-Jährige, noch ihre 23 und 27 Jahre alten Gesinnungsgenossen wollten sich zur Sache und ihrem Lebenslauf einlassen. Stattdessen übernahmen die Verteidiger schnell das Ruder und deckten das Gericht mit allerlei Anträgen ein. Unfreiwillige Hilfe dazu leistete in der Mittagspause auch noch ein Einsatzkommando der Polizei, das vor dem Justizgebäude erschien und die Personalien der zahlreich erschienenen Unterstützer aus der links-alternativen Szene feststellen wollte. Zur akustischen Untermalung dieses Vorhabens bellte ein Polizeischäferhund dazu nach Leibeskräften.

Gefährlicher Eingriff

Mit dieser Aktion war es um die gute Stimmung im Gerichtssaal dann endgültig geschehen. Seine Mandantin zittere am ganzen Körper und könne einer Verhandlung nicht mehr folgen, sagte einer der Rechtsanwälte und verlange Aussetzung des Verfahrens.

Im November 2015 aber muss es um das Nervenkostüm der Frau noch etwas besser bestellt gewesen sein. In aller Seelenruhe schwebte sie nur wenige Meter an der Hochspannungsleitung vorbei – „ich rechnete mit einem Stromüberschlag“, sagte ein Polizeibeamter, der die Szenerie beobachtet hatte. Die Folgen eines solchen Leitungsrisses wären unabsehbar gewesen. Auf dem Bahnsteig befanden sich zahlreiche Menschen. Die Staatsanwaltschaft geht deshalb auch von einem „gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr“ aus. Das Amtsgericht sprach noch gestern die 23-Jährige frei. Gegen die beiden Hauptangeklagten wird der Prozess, für den ursprünglich nur ein Verhandlungstag angesetzt war, am 17. November fortgesetzt.

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