13.10.2017 10:42 | Alexander Gottschalk

Studium in Frankfurt: Reportage: So ist es, zum Semesterstart in einem Notfallcamp wohnen zu müssen

Ein denkbar schlechter Start ins Studium? Rund 80 Studenten haben ihre erste Woche in Frankfurt in einem Indoor-Camp auf dem Campus Bockenheim verbracht. Eine Übergangslösung samt Feldbetten und Ferienlagerromantik – bis endlich eine Wohnung gefunden ist.

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Eigentlich ist Florine Mahmuds aktuelle Wohnsituation perfekt. Bockenheim, Campus um die Ecke, Studentenleben vor der Tür, Mitbewohner freundlich. Eigentlich. In Wirklichkeit ist es für Florine schon Notlösung Nummer Zwei.

Die Studentin schläft auf einer Isomatte auf dem Boden, eingepackt in ihren Schlafsack. Ihr Zimmer hat weder Vorhänge noch Rollläden, dafür aber hohe Fenster. Nachts kommen manchmal Betrunkene herein und machen Lärm. Und wenn sie duschen will, muss sie dafür drei Stationen mit der Straßenbahn nach Ginnheim fahren. Mit alldem kann sie sich arrangieren. Vorübergehend. Ihre Alternative ist schließlich ein einsamer Wohnwagen, den sie auf einem Campingplatz in Mörfelden abgestellt hat. Dorthin wird sie voraussichtlich morgen schon wieder umziehen, sobald das Indoor-Camp im Frankfurter Studierendenhaus schließt – und sie immer noch keine Wohnung  gefunden hat.



Wohnen in Frankfurt ist teuer, der Druck auf dem Wohnungsmarkt hoch – das spüren besonders Studenten mit knappem Budget. Für diejenigen, die im Konkurrenzkampf um den bezahlbaren Wohnraum auf der Strecke bleiben, hat der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Goethe-Universität unter dem Motto „mieten? ja wat denn?!“ ein Notfallcamp eingerichtet. Dort können die Studenten provisorisches Lager aufschlagen.

Rund fünfzig Studenten verbringen im Studierendenhaus mitten auf dem Campus Bockenheim ihre erste Woche in der neuen Stadt. Die Feldbetten in K1, K2 und K4, die der AStA extra für solche Krisen angeschafft hat, sind gut belegt. Nur Raum K3 blieb bislang leer: Der Raum extra für Frühaufsteher. Mit der ersten offiziellen Veranstaltung des neuen Semesters werden über 80 Menschen vorübergehend in dem 50er-Jahre-Bau wohnen – wo sonst debattiert, gearbeitet oder gefeiert wird. Damit gäbe es so viele Notfallcamper wie noch nie zuvor, erklärt die Studierendenvertretung. Bislang fiel jedes Jahr ein neuer Rekord.



Florine, 20, hat sich im Schneidersitz auf ihre blaue Isomatte im Raum K2 niedergelassen. Auf die Wand hinter ihr ist in kräftigem Blau eine friedlich schlafende Frau gemalt. K2 ist der Frauenschlafsaal, eigentlich ein Arbeitsraum. Harter Linoleumboden, kahle Wände, „Say not racism“-Aufkleber an der Tür. Auf den grünen Feldbetten haben ihre Mitbewohnerinnen ihre Habseligkeiten verteilt, Schlafsäcke, Taschen, Klamotten. Eine halbvolle Mate-Flasche steht auf dem Boden. Ein Badehandtuch wurde zum Kissen umfunktioniert. Viel haben die meisten Studentinnen nicht dabei. Lange wollen und können sie auch nicht bleiben.

Seit Ende August sucht Florine nach einem Zimmer in Frankfurt. In wenigen Tagen beginnt ihr erstes Semester Politikwissenschaften. Aus einer kleinen Stadt bei Stuttgart zog es sie in die Mainmetropole – einerseits eine Bauchentscheidung, andererseits habe sie sich bewusst gegen die Kleinstadt und für das große Frankfurt entschieden, erzählt sie. Dass das auch Probleme mit sich bringen könnte, war ihr von Anfang an klar.



Auf ihrer Wohnungssuche ging die junge Frau den üblichen Weg: Sie suchte im Internet, bei Wohnungsbörsen, hängte Zettel am schwarzen Brett aus, bat Freunde und Bekannte um Hilfe – vergebens. Die wenigen persönlichen Kontakte zu potenziellen Mietern und Mitbewohnern scheiterten auf der menschlichen Ebene, zu unterschiedliche waren die Lebenseinstellungen, zu dubios manch Gegenüber. Und dann waren da ja auch noch die Mieten. Eigentlich dürfe man in Frankfurt keine großen Ansprüche haben, weiß Florine. Das gilt für sie aber lediglich für die Wohnung selbst. Mit jemanden zusammenwohnen, nur aus der Not heraus – das will sie nicht.

Florine rutscht auf ihrer Matte hin und her. Unbequem, sei die, sagt sie. Sie ist in Eile. Die neuen Bekanntschaften warten. Sie hat sie zum Bierholen vorgeschickt. Gemeinsam wollen sie noch durch Frankfurts Nachtleben ziehen. Im Camp hat Florine schnell Kontakte geknüpft: „Die Räumlichkeiten sind zwar eine Notlösung, das soziale Umfeld ist es absolut nicht.“



Abendbrotzeit im Studierendenhaus. Die Studierenden haben gemeinsam gekocht. Nudeln mit Pesto, Studentenessen, schnell, lecker, günstig. Wer nicht mitisst, hängt auf den roten, abgewetzten Sofas ab, die in den Flur vor die Küche geschoben wurden, oder spielt an der Tischtennisplatte nebenan mit dem Ball. Ferienlageratmosphäre, nennt Florine das. Oder: Wie früher im Jugendzentrum. Dank des Camps sei sie doch noch super in Frankfurt angekommen.

Der Austausch hilft den Gestrandeten, weiß auch Fatma Keser, 26,  vom AStA. Sie sagt, es sei gut, dass die Studierenden sehen, dass es nicht an ihnen liegt, dass sie noch keine Wohnung gefunden haben.

Da ist zum Beispiel Kevin, 18 Jahre alt und gerade das erste Mal von zu Hause ausgezogen – ohne eine Wohnung zu haben. Wie hätte er auch alle paar Tage von Freiburg aus zu Besichtigungen oder WG-Castings nach Frankfurt pendeln sollen?

Oder Jasper, 24, aus Göttingen, der ohne Camp aufgeschmissen wäre, weil er erst Ende Oktober in seine Wohnung ziehen kann, deren 350 Euro-Miete er sich eigentlich nicht leisten kann, ohne nebenbei zu arbeiten.



Oder der Junge mit der weißen Mütze, der für nur 280 Euro warm schon eine Unterkunft gefunden hat. Ihm ist es unangenehm, die glückliche Aussnahme zu sein, als er in der Sofarunde von seinem neuen Zimmer erzählt – obwohl man sich unter den Campern einig ist, dass dieser Glücksfall eher Mut machen sollte.

„Ich glaube, es hilft den Studierenden zu sehen, das viele andere das gleiche Problem haben wie sie“, sagt Fatma. „Sie sind nicht allein.“ Sie wartet im Keller des Studierendenhauses darauf, dass sich die Camper hinunter wagen –  vorbei am  Einkaufswagen, dem Sperrholz im Flur und den gemütlichen, alten Plüschsofas bis in den „Protestkeller“. Dort hat sie einen Beamer aufgebaut, Stühle stehen dicht an dicht. Gleich ist Filmabend, es läuft ein Streifen über die Unterdrückung der Kurden in der Türkei. Eine von mehreren Gemeinschaftsaktionen diese Woche.



Das Camp soll den Studierenden aber nicht nur helfen, in Frankfurt anzukommen, vor Ort Wohnungen zu finden und die ersten Veranstaltungen mitmachen zu können. Die Aktion „mieten? Ja wat denn?!“ sei ganz klar auch ein politisches Statement, sagt Fatma. Die Studierendenvertretung kritisiert, die Stadt Frankfurt sei zu zögerlich in der Regulation des Wohnungsmarktes.

„Wir Helfen, wo wir können“, sagt Fatma Keser. „Aber wir können den Studierenden keine Häuser bauen.“ Als die Studentin der vergleichenden Literaturwissenschaften vor sechs Jahren von Düsseldorf nach Frankfurt zog, hatte sie selbst noch auf einem der Feldbetten im Studierendenhaus schlafen müssen. Der Startschuss für ihr politisches Engagement. Mit der AStA steht sie für einen ganzen Maßnahmenkatalog gegen die für sie „untragbare“ Wohnsituation in Frankfurt ein: Darin plädieren die Studierenden an die Stadt, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, leerstehende Büroräume in Wohnungen umzuwandeln und dem Studentenwerk den Bau von Wohnheimen zu ermöglichen.



Dass sich schnell etwas an der prekären Lage ändert, bezweifelt Fatma – obwohl während des vergangenen Bundestagswahlkampfes alle Parteien Punkte zum sozialen Wohnungsbau im Programm hatten. Sie geht fest davon aus, dass das Indoor-Camp auch im nächsten Jahr notwendig sein wird. Aber wie immer, ist sie auch dieses Jahr zuversichtlich, dass noch bevor das Semester beginnt, jeder Camper ein neues Zuhause gefunden haben wird. Im Fall der Fälle, könnte das Lager aber noch einige Tage weiterbestehen.

Florine wird dann nicht mehr am Campus Bockenheim wohnen, das ist sicher. Unter Druck setzt sie sich deshalb nicht. Wenn das Camp schließt, steht sie schließlich nicht auf der Straße – sie hat ja den Wohnwagen ihrer Eltern. Den hat sie abgestellt in: „Wie heißt das Dorf nochmal?… Ah, Mörfelden“. Sie sorgt sich aber, dass sie von dort aus ewig in die Stadt braucht. Außerdem, habe sie überlegt, dass es ihm Winter kalt werden könnte. „Wenigstens muss ich nicht von Stuttgart aus pendeln“, sagt sie grinsend. Gut gemeinter Galgenhumor. „Ich habe ja einen Ort, an dem ich wohnen kann. Es ist nur nicht der richtige, um erfolgreich zu studieren.“



Text und Fotos von Alexander Gottschalk.

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