12.09.2017 08:47 | Ben Kilb

Stadtteil-Serie (Teil 14): Sossenheim: Verkannt am Rand

Sossenheim In unserer Stadtteil-Serie haben wir in dieser Woche Sossenheim unter die Lupe genommen. Der Stadtteil ist dicht besiedelt, aber mehr als nur ein "Wohnkaff". Eine Fotoreportage.

Deutschland, Sossenheim, 8.9.2017: Jene Ansicht von der Kurmainzer Straße beschreibt den Charakter Sossenheims am besten: Das einstige Dorf wurde in den letzten Jahrzehnten fast vollkommen mit Siedlungen umbaut. Der Stadtteil wird zudem umgeben von Autobahnen, Höchst und dem Landschaftsschutzgebiet des Sossenheimer Unterfelds. Weil der Stadtteil kaum noch weiter bebaut werden kann, hält sich der Zuzug in Grenzen, ganz im Gegenteil zu anderen Frankfurter Stadtteilen.
Jene Ansicht von der Kurmainzer Straße beschreibt den Charakter Sossenheims am besten. Bild: Ben Kilb

Die sechs Hochhaussiedlungen, die den Stadtteil Sossenheim in drei Himmelsrichtungen begrenzen, mögen den Eindruck erwecken, dass es unschön sei, dort zu leben. Doch der noch vor Jahren als „Brennpunkt“ verschrieene Stadtteil ist dank Gegensteuerung solider geworden, auch wenn noch immer ein hoher Anteil Migranten im hochverdichteten Quartier wohnt.

Das im April 1928 zu Frankfurt eingemeindete Dorf Sossenheim wurde mit Siedlungen umbaut. Darum kann der Stadtteil kaum wachsen. Der Zuzug nach Sossenheim hält sich daher im Gegensatz zu anderen Stadtteilen stark in Grenzen. Was dem Stadtteil zwar eine gute Anbindung, gleichzeitig ein hohes Verkehrsaufkommen beschert, ist die Nähe zu den Autobahnen A 5, A 66 und A 648. Dafür hält in Sossenheim bereits seit 1997 keine S-Bahn mehr. Auch keine Straßen- oder U-Bahnen verkehren dort.

Nahe geht den Sossenheimern der Verlust einiger ortstypischer Traditionen. Das Unterfeld im Süden beheimatet zwar zahlreiche seltene Speierlinge, doch wird hier kaum noch gewerblich gekeltert. Dafür dürften im kommenden Jahr zahllose Schoppen kredenzt werden, wenn Sossenheim das 800-jährige Bestehen feiert. Dazu hat sich eigens ein Förderverein gegründet, der die Feiern und Aktionen von April bis November vorbereitet. Wer Sossenheim verstehen will, muss seine bekanntesten „Gewächse“ kennen: Als da wären der hier geborene Fußball-Weltmeister Andy Möller, der Cartoonist Chlodwig Poth (Titanic), der mit „Last Exit Sossenheim“ alles und jeden im Quartier aufs bissigste zu karikieren wusste – und natürlich die Fahrradfanatiker Brüder Hermann und Erwin Moos.

Deren Großvater Wilhelm Klein gründete den RV 1895, die Enkel organisierten ab 1962 das berühmte und heute längst international renommierte Radrennen „Rund um den Henninger Turm“. FNP-Reporter Ben Kilb hat sich im Stadtteil umgeschaut.

Die Kurmainzer

Die Kurmainzer Straße charakterisiert Sossenheim durchaus: Ein Quartier, dicht mit Siedlungen umbaut, deren Bebauungsstil-Mischmasch sich zwischen A 648, A 66 und Höchst presst. Weil der Stadtteil daher kaum noch bebaut werden kann, hält sich der Zuzug im Gegenteil zu anderen Frankfurter Stadtteilen stark in Grenzen. In dem einstigen schmucklosen Dorf lebten überwiegend Kleinbauern, Handwerker, Ziegelbrenner und Tagelöhner der Fabriken. Der berühmte Cartoonist Chlodwig Poth (Titanic) titulierte es als „Wohnkaff“ – zog aber nie weg.

Der Faulbrunnen

Deutschland, Sossenheim, 8.9.2017: Der Faulbrunnen im Sossenheimer Unterort. Im Jahr 1925 ließen die Sossenheimer die versiegende Quelle neu bohren, in der Hoffnung, dass ihr Dorf zu einem Kurort werden könnte. Jedoch stellte sich es damals schnell heraus, dass es sich nur um ein bekömmliches, schwefelstoffhaltiges Trink- und nicht um ein Heilwasser handelte. Nachdem die Quelle lange vergessen war, sprudelt nun das deutlich faulig riechende Wasser wieder aus einem schönen Brunnen
Eines der raren Wahrzeichen ist der Faulbrunnen: Und ja, nomen est omen; das Wasser müffelt. Als 1925 die Quelle neu gebohrt wurde, sprudelte das schwefelhaltige Wasser spektakulär in die Höhe und hegten die Sossenheimer den kurzen Traum, ein Kurbad werden zu können. Doch stellte sich bald heraus, dass es sich nur um bekömmliches, schwefelstoffhaltiges Trink-, jedoch nicht um Heilwasser handelte. Egal: Hier wird durchaus Wasser gezapft, um es zu genießen.

Zeitreise im Café Kitzel

Deutschland, Sossenheim, 8.9.2017: Der Chic im Café Kitzel in der Kurmainzer Straße in Sossenheim dürfte Seltenheitswert in Frankfurt haben. Die Einrichtung des Cafés ist bereits über 60 Jahre alt. Peter Kitzels Eltern hatten den ort mit Wiener Kaffeehaus-Atmosphäre im Jahr 1948 eröffnet. Die Sammlung am Kaffeekannen haben die Kitzels allerdings ihren Kundern zu verdanken. Dutzende Kannen haben Gäste im Lauf der Jahrzehnte ins Café Kitzel gebracht.
Der Chic im Café Kitzel in der Kurmainzer Straße hat Seltenheitswert: Die Einrichtung hat größtenteils über 60 Jahre auf dem Buckel. Peter Kitzels Eltern eröffneten das Kaffeehaus anno 1948. Die Sammlung an Kaffeekannen ist treuen Kunden zu verdanken: Dutzende Exemplare schleppten sie im Lauf der Jahrzehnte hierher. Der Kanonenofen in der Ecke, die plüschige Wohnzimmeratmosphäre nach Großmutters Vorbild erinnert an die Kaffeehausromantik der Zwanziger Jahre. Das Beste aber: Peter Kitzel backt alles noch selbst.

Ein Macher der 800-Jahr-Feier

Deutschland, Sossenheim, 8.9.2017: Der Sossenheimer Landtagsabgeordnete Uwe Serke von der CDU auf dem Kerbeplatz des Stadtteils in der Kurmainzer Straße. Im kommenden Jahr möchte Serke hier die 800-Jahr-Feier des Stadtteils steigen lassen und hat dafür eigens einen Förderverein mitbegründet. Das Fest möchte er jedoch nicht als Politiker organisieren, sondern als Sossenheimer, daher verzichtet Serke auch bewusst auf seinen roten Schlips.
Uwe Serke, im echten Leben CDU-Landtagsabgeordneter, steht auf dem Kerbeplatz in der Kurmainzer Straße. 2018 soll hier die 800-Jahr-Feier des Stadtteils steigen – und dafür hat Serke eigens einen Förderverein mitbegründet. Das Fest möchte er jedoch ausdrücklich nicht als Politiker organisieren, sondern als echter Sossenheimer.

Das Unterfeld und seine Speierlinge

Deutschland, Sossenheim, 8.9.2017: Grüne Wiesen auf dem Sossenheimer Unterfeld. Auch wenn der Stadtteil wegen seiner dichten Bebauung bekannt ist, findet man drum herum viel Grün. Der Sossenheimer Landtagsabgeordnete Uwe Serke (CDU) sagt sogar, dass Sossenheim zu den Frankfurter Stadtteilen mit dem meisten Grün gehört.
Bis Ende des 19. Jahrhunderts war das Unterfeld ein Teil des sumpfigen Niddatals. Nach der Trockenlegung und der Flurbereinigung von 1881 entstand hier eine Streuobstwiesenlandschaft, wo bis heute viele seltene Speierlinge stehen. Beliebtes Ausflugsziel ist die Chlodwig-Poth-Anlage mit Karikaturen des Meisters.

Der „Riwweler“

Deutschland, Sossenheim, 8.9.2017: Vor Jahrzehnten war Sossenheim noch aufgrund seiner Kelterei-Kultur bekannt. Die meisten Kneipen im Stadtteil beziehen ihren Schoppen inzwischen aus anderen Frankfurter Stadtteilen  oder von anderen Keltereien in der Umgebung. Michael Sperlings Kneipe "Riwweler" ist zwar die zweitälteste Kneipe in ganz Frankfurt. Wegen der hohen Auflagen für gewerbliche Kelterer wird hier jedoch schon lange kein Apfelwein mehr produziert.
Michael Sperlings Gaststätte „Riwweler“ (Zur Krone) in Alt-Sosenheim ist zwar die zweitälteste in Frankfurt am Main, wegen der hohen Auflagen für gewerbliche Kelterer wird hier jedoch schon lange kein Apfelwein mehr produziert. Vor Jahrzehnten war Sossenheim noch aufgrund seiner Kelterei-Kultur bekannt. Die meisten Gaststätten im Stadtteil beziehen ihren Schoppen aber inzwischen aus anderen Frankfurter Stadtteilen oder von Keltereien aus der Region.

Parkplatz? Mangelware!

Deutschland, Sossenheim, 8.9.2017: Eines der größten Probleme in Sossenheim ist die Verkehrsdichte und der Parkdruck im Stadtteil. Die Situation wird zusätzlich durch Pendler verschlimmert, die in Sossenheim parken und im benachbarten Eschborn arbeiten. Manche Probleme ließen sich wohl lösen, wenn der Stadtteil besser an den Öffentlichen Personennahverkehr angebunden würde. Denn nach Sossenheim fahren weder eine S-Bahn noch U-Bahn und auch keine Tram.
Die größten Probleme sind die Verkehrsdichte und der Parkdruck. Mitverursacher sind Pendler, die in Sossenheim parken – und im benachbarten Eschborn arbeiten. Das Problem ließe sich vermutlich lösen, wäre der Stadtteil besser an den Öffentlichen Personennahverkehr angebunden, denn hierher fahren weder S- noch U- oder Straßenbahnen, sondern nur Busse. Immerhin soll die Regionaltangente West (RTW) im kommenden Jahrzehnt Abhilfe schaffen . . .

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