Stadtteil-Serie (Teil 14)

Sossenheim: Verkannt am Rand

Von Ben Kilb
Jene Ansicht von der Kurmainzer Straße beschreibt den Charakter Sossenheims am besten.
Ben Kilb/FNP
Die sechs Hochhaussiedlungen, die den Stadtteil Sossenheim in drei Himmelsrichtungen begrenzen, mögen den Eindruck erwecken, dass es unschön sei, dort zu leben. Doch der noch vor Jahren als „Brennpunkt“ verschrieene Stadtteil ist dank Gegensteuerung solider geworden, auch wenn noch immer ein hoher Anteil Migranten im hochverdichteten Quartier wohnt.

Das im April 1928 zu Frankfurt eingemeindete Dorf Sossenheim wurde mit Siedlungen umbaut. Darum kann der Stadtteil kaum wachsen. Der Zuzug nach Sossenheim hält sich daher im Gegensatz zu anderen Stadtteilen stark in Grenzen. Was dem Stadtteil zwar eine gute Anbindung, gleichzeitig ein hohes Verkehrsaufkommen beschert, ist die Nähe zu den Autobahnen A 5, A 66 und A 648. Dafür hält in Sossenheim bereits seit 1997 keine S-Bahn mehr. Auch keine Straßen- oder U-Bahnen verkehren dort.

Nahe geht den Sossenheimern der Verlust einiger ortstypischer Traditionen. Das Unterfeld im Süden beheimatet zwar zahlreiche seltene Speierlinge, doch wird hier kaum noch gewerblich gekeltert. Dafür dürften im kommenden Jahr zahllose Schoppen kredenzt werden, wenn Sossenheim das 800-jährige Bestehen feiert. Dazu hat sich eigens ein Förderverein gegründet, der die Feiern und Aktionen von April bis November vorbereitet. Wer Sossenheim verstehen will, muss seine bekanntesten „Gewächse“ kennen: Als da wären der hier geborene Fußball-Weltmeister Andy Möller, der Cartoonist Chlodwig Poth (Titanic), der mit „Last Exit Sossenheim“ alles und jeden im Quartier aufs bissigste zu karikieren wusste – und natürlich die Fahrradfanatiker Brüder Hermann und Erwin Moos.

Deren Großvater Wilhelm Klein gründete den RV 1895, die Enkel organisierten ab 1962 das berühmte und heute längst international renommierte Radrennen „Rund um den Henninger Turm“. FNP-Reporter Ben Kilb hat sich im Stadtteil umgeschaut.

Die Kurmainzer

Die Kurmainzer Straße charakterisiert Sossenheim durchaus: Ein Quartier, dicht mit Siedlungen umbaut, deren Bebauungsstil-Mischmasch sich zwischen A 648, A 66 und Höchst presst. Weil der Stadtteil daher kaum noch bebaut werden kann, hält sich der Zuzug im Gegenteil zu anderen Frankfurter Stadtteilen stark in Grenzen. In dem einstigen schmucklosen Dorf lebten überwiegend Kleinbauern, Handwerker, Ziegelbrenner und Tagelöhner der Fabriken. Der berühmte Cartoonist Chlodwig Poth (Titanic) titulierte es als „Wohnkaff“ – zog aber nie weg.

Der Faulbrunnen


Eines der raren Wahrzeichen ist der Faulbrunnen: Und ja, nomen est omen; das Wasser müffelt. Als 1925 die Quelle neu gebohrt wurde, sprudelte das schwefelhaltige Wasser spektakulär in die Höhe und hegten die Sossenheimer den kurzen Traum, ein Kurbad werden zu können. Doch stellte sich bald heraus, dass es sich nur um bekömmliches, schwefelstoffhaltiges Trink-, jedoch nicht um Heilwasser handelte. Egal: Hier wird durchaus Wasser gezapft, um es zu genießen.

Zeitreise im Café Kitzel


Der Chic im Café Kitzel in der Kurmainzer Straße hat Seltenheitswert: Die Einrichtung hat größtenteils über 60 Jahre auf dem Buckel. Peter Kitzels Eltern eröffneten das Kaffeehaus anno 1948. Die Sammlung an Kaffeekannen ist treuen Kunden zu verdanken: Dutzende Exemplare schleppten sie im Lauf der Jahrzehnte hierher. Der Kanonenofen in der Ecke, die plüschige Wohnzimmeratmosphäre nach Großmutters Vorbild erinnert an die Kaffeehausromantik der Zwanziger Jahre. Das Beste aber: Peter Kitzel backt alles noch selbst.

Ein Macher der 800-Jahr-Feier


Uwe Serke, im echten Leben CDU-Landtagsabgeordneter, steht auf dem Kerbeplatz in der Kurmainzer Straße. 2018 soll hier die 800-Jahr-Feier des Stadtteils steigen – und dafür hat Serke eigens einen Förderverein mitbegründet. Das Fest möchte er jedoch ausdrücklich nicht als Politiker organisieren, sondern als echter Sossenheimer.

Das Unterfeld und seine Speierlinge


Bis Ende des 19. Jahrhunderts war das Unterfeld ein Teil des sumpfigen Niddatals. Nach der Trockenlegung und der Flurbereinigung von 1881 entstand hier eine Streuobstwiesenlandschaft, wo bis heute viele seltene Speierlinge stehen. Beliebtes Ausflugsziel ist die Chlodwig-Poth-Anlage mit Karikaturen des Meisters.

Der „Riwweler“


Michael Sperlings Gaststätte „Riwweler“ (Zur Krone) in Alt-Sosenheim ist zwar die zweitälteste in Frankfurt am Main, wegen der hohen Auflagen für gewerbliche Kelterer wird hier jedoch schon lange kein Apfelwein mehr produziert. Vor Jahrzehnten war Sossenheim noch aufgrund seiner Kelterei-Kultur bekannt. Die meisten Gaststätten im Stadtteil beziehen ihren Schoppen aber inzwischen aus anderen Frankfurter Stadtteilen oder von Keltereien aus der Region.

Parkplatz? Mangelware!


Die größten Probleme sind die Verkehrsdichte und der Parkdruck. Mitverursacher sind Pendler, die in Sossenheim parken – und im benachbarten Eschborn arbeiten. Das Problem ließe sich vermutlich lösen, wäre der Stadtteil besser an den Öffentlichen Personennahverkehr angebunden, denn hierher fahren weder S- noch U- oder Straßenbahnen, sondern nur Busse. Immerhin soll die Regionaltangente West (RTW) im kommenden Jahrzehnt Abhilfe schaffen . . .
Ben Kilb