09.11.2017 03:00 |

Projekt „Cubity“: Studenten: Sieht so die Zukunft des WG-Zusammenlebens aus?

Frankfurt Kinderzimmer müssen in Deutschland mindestens neun Quadratmeter groß sein, Studenten im Frankfurter Projekt „Cubity“ haben weniger Platz. Das Forschungsprojekt ist innovativ – bringt aber im Alltag so manchen Konflikt mit sich.

Bewohner sitzen im überdachten Gemeinschaftsbereich ihres „Cubity“-Quartiers. Jeder hat in einem Würfel sein eigenes Zimmer.
Bewohner sitzen im überdachten Gemeinschaftsbereich ihres „Cubity“-Quartiers. Jeder hat in einem Würfel sein eigenes Zimmer. Bild: Boris Roessler (dpa)

Wenn Helena Lor nach Hause kommt, muss sie abends meist noch die Geschirrspülmaschine ausräumen. „Sonst macht es keiner“, sagt die 20 Jahre alte Jurastudentin. Damit bezieht sie sich auf ihre zehn Mitbewohner, die ihr vom Studentenwerk zugewiesen wurden. Im Frankfurter „Cubity“ im Stadtteil Niederrad probiert sie in einem 16 auf 16 Meter großen Kasten studentisches Wohnen ganz neu aus – ökologisch und sozial.

Das 256 Quadratmeter große gläserne Heim, 2016 nach dem „Haus im Haus“-Prinzip aus Fertigbau-Modulen errichtet, hat zwölf Boxen: In den Würfeln (Cubes) hat jeder 7,2 Quadratmeter zur Verfügung. Eingepasst ist ein Bett (90 auf 200 Zentimeter) – mit Schubfächern und einer Schrankablage. Neben Mini-Bad mit Dusche und WC gehören ein Schreibtisch und Stuhl zu den Einbaumöbeln.

Die auf zwei Geschosse verteilten Kuben sind zugleich um einen großen „Marktplatz“ gruppiert. Dort wird an einem großen Tisch gegessen. Es gibt auch noch eine geräumige Küche. Auf der loftartigen Galerie befindet sich ein weiterer Gemeinschaftsraum zum Fernsehen oder Lesen. Das zunächst auf drei Jahre angelegte Projekt will beweisen, dass heute platzsparend und innovativ gebaut werden kann.

Überall stehen Schuhe

Leben und Schlafen im Cube ist allerdings gewöhnungsbedürftig: „Auf sieben Quadratmetern stößt man schnell an seine Grenzen“, stellt Kai Julian Kemmler (21) fest, ebenfalls Jurastudent. Kein Wunder also, dass alle außerhalb ihrer Kuben ein halb-privates Territorium geschaffen haben. Überall stehen – schwer beladene – Garderobenständer oder Schuhe herum.

Entwickelt wurde „Cubity“ an der Technischen Universität (TU) Darmstadt, gesponsert hat es die Deutsche Fertighaus Holding AG. Bei der energetischen Versorgung haben sich die Darmstädter Architekturstudenten einiges einfallen lassen. Mit Hilfe von Solarenergie über die lichtdurchlässige Fassade und einer Photovoltaikanlage auf dem Dach soll mehr Energie produziert werden, als die Bewohner verbrauchen. Damit gilt „Cubity“ als weltweit erstes Studentenheim im „Plusenergie-Standard“.

Soweit die Theorie: In der Praxis heizen sich die Kuben aber vor allem im Sommer stark auf, wie Kemmler bemängelt. Neben einer Ventilation gibt es Schläuche in Decken und Böden, durch die je nach Jahreszeit kaltes oder warmes Wasser gepumpt wird. Das kann aber manchmal dauern, wie Elisa Stamm einräumt, die das Projekt für die TU Darmstadt wissenschaftlich betreut. „Es kann nicht von Anfang perfekt sein.“

Derzeit wird die Energiequalität des Baus erforscht. Das soziale Zusammenleben der Bewohner – derzeit sind es sieben Frauen und vier Männer – analysiert ein Wissenschaftler. Dort stehen sich derzeit zwei Fronten gegenüber, wie Kemmler sagt. Im „Cubity“ ist die Toleranzschwelle - wie in jeder WG – sehr unterschiedlich.

Wohnkuben sind hellhörig

„Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft“, witzelt Kemmler über die zusammengewürfelte Mannschaft. Es existieren kleinere Freundeskreise, ein Gemeinschaftsleben in der großen Gruppe gibt es aber selten. Daher hat man sich Regeln gesetzt. So darf nach elf Uhr abends nicht mehr gekocht und die lärmende Waschmaschine nicht mehr angeworfen werden. Denn die einzelnen Wohnkuben sind sehr hellhörig.

Die erste Bewohnergeneration hatte keinen Einfluss darauf, wer der Gemeinschaft angehört. Über die Belegung hat das Studentenwerk entschieden. Das soll sich ändern. Nachdem eine Studentin in eine andere Stadt gezogen ist, haben die Bewohner erstmals selbst die neuen Bewerber ausgesucht.

Bisher hat aber keiner seinen Würfel aus Protest verlassen. Auch Julian Kemmler will trotz aller Kritik seinen Platz nicht räumen. „250 Euro Miete sind unschlagbar“, sagt der Jurastudent. Als er davor in Frankfurt über das Studentenwerk eine Bude in einem „normalen“ Wohnheim suchte, war er auf Platz 800.

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