Stadtteil-Serie (Teil 9)

Westend, ein teures Pflaster

Das in den Jahren 1904 - 1907 errichtete Gebäude liegt nicht wie vielfach behauptet in Bockenheim, sondern im Westend.
Michael Faust/FNP
Klassizistische Vorstadtvillen, ausladende Grünflächen und Wissenschaftszentrum: Das Westend hat finanzstarken Frankfurtern eine Menge zu bieten. Neben dem Nordend und Sachsenhausen steht das Quartier für Lebensqualität und Urbanität. Im späten Mittelalter war von Urbanität allerdings noch nicht viel zu sehen. Das heutige Westend war früher landwirtschaftlich geprägt. Innerhalb der Frankfurter Landwehr befanden sich größtenteils Ackerland und Heiden. Gutshöfe wie der Kettenhof standen Jahrhunderte später Pate für Straßenbenennungen.

Mit dem beginnenden 19. Jahrhundert wurde die alte Frankfurter Stadtbefestigung geschleift. Es dauerte nicht lange, dass sich wohlhabende Frankfurter ab Mitte des 19. Jahrhunderts prachtvolle Residenzen errichteten, die auch heute noch maßgeblich zur hohen Attraktivität des Viertels beitragen. Diese lässt sich auch in Zahlen messen.

„Innerhalb der vergangenen zehn Jahre konnten wir eine Preissteigerung der Immobilien von bis zu 100 Prozent beobachten“, betont Benedetto Catania, Geschäftsführer der Grüneburg Immobilien GmbH und richtet seinen Blick auch gleich in die Zukunft: „Derzeit liegen wir bei bis zu 9000 Euro pro Quadratmeter, aber wenn auch nur ein Bruchteil der Finanzbranche von London nach dem Brexit Richtung Frankfurt zieht, werden wir wohl die Marke von 14 000 erreichen.“

Die angespannte Lage auf dem Immobilienmarkt ist nicht das einzige Problem des Viertels. Vor allem die Verkehrssituation in dem sehr dicht besiedelten Stadtteil mit nur wenigen Tiefgaragen ist ein ständiges Ärgernis. FNP-Reporter Michael Faust hat den Stadtteil mit seiner Kamera erkundet.

Beliebtes Fotomotiv

Auch das Senckenberg Naturmuseum wird des Öfteren falsch verortet. Das in den Jahren 1904 bis 1907 errichtete Gebäude liegt nicht wie oft behauptet in Bockenheim, sondern im Westend. Das Museum besitzt eine der wichtigsten naturkundlichen Sammlungen Europas, viele Exponate sind einzigartig. Ungefähr 400 000 Besucher werden pro Jahr gezählt. Auch der in der Senckenberganlage aufgestellte Tyrannosaurus Rex ist ein beliebtes Fotomotiv.

Gefragtes Ausflugsziel


1871 öffnete der Palmengarten als Initiative von Privatleuten erstmals seine Pforten. Großzügige Freiflächen und klimatisierte Gewächshäuser sind die Heimat vieler, zum Teil auch exotischer Pflanzen und machen den 22 Hektar großen Garten zu einem beliebten Ausflugsziel. Auch junge Familien kommen gerne. Denn die Anlage ist sehr gepflegt und an heißen Tagen freuen sich die Kleinen über den Wasserspielplatz.

Sie wollen nur spielen



Das Westend ist nicht nur ein begehrtes Wohnviertel. Auch die Software-Branche hat sich hier niedergelassen. Der Computerspiele-Entwickler Crytek hat seinen Hauptsitz im Grüneburgweg. Mit „Far Cry 1“ oder der „Crysis“-Reihe wurden Unternehmensgründer Avni, Cevat & Faruk Yerli auch internationale bekannt. Aktuell arbeiten rund 400 Mitarbeiter am Standort Frankfurt.

Pferdestall entging dem Abriss



Auch der um 1880 erbaute „Livingstonesche Pferdestall“ entging nur knapp dem Abriss und wird heute unter anderem als Sitz der Aktionsgemeinschaft Westend, Bürgertreff sowie Restaurant genutzt.

Eine Grenzfrage



Die Grenzen des Viertels decken sich nur bedingt mit den Vorstellungen vieler Bürger. Selbst alteingesessene Frankfurter verorten den Messeturm, den Hammering Man und die Festhalle fälschlicherweise nicht im Westend, sondern eher im Europaviertel. Offiziell gehört auch ein Teil des Messegeländes zum Quartier, das durch die S-Bahn-Strecke an der Emser Brücke begrenzt wird.

Ort der Gegensätze


Das Westend ist geprägt von großbürgerlicher Gründerzeitarchitektur. Unübersehbar sind aber auch die 1950er-Jahre-Wohngebäude und Bürobauten der 1970er-Jahre, wobei insbesondere letztere ohne Rücksicht auf die umgebende Bebauung errichtet wurden. Im „Frankfurter Häuserkampf“ der frühen 70er-Jahre richteten sich die Proteste in erster Linie gegen die Grundstücksspekulationen und die damit verbundene Verdrängung der Wohnbevölkerung.

Grüneburgweg ist zweigeteilt


Der Grüneburgweg ist zweigeteilt: Der östliche Teil ist geprägt von Einzelhändlern und -ketten. Im westlichen Teil verändert sich die Charakteristik in Richtung Wohngebiet. Das Haus Nummer 113 war im Herbst 1970 das erste nur von Studenten besetzte Gebäude.

Geistliches Zentrum


Die Westend-Synagoge ist das geistliche Zentrum jüdischen Gemeindelebens in der Stadt. Als einzige von einst vier großen Synagogen überstand sie die Novemberpogrome 1938 und die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieges. Die Wiedereinweihung erfolgte 1950. Rabbiner Avichai Apel freut sich über den positiven Dialog zwischen Stadtgesellschaft und jüdischer Gemeinde.

Drittgrößter Park in Frankfurt


Der Grüneburgpark ist mit knapp 30 Hektar der drittgrößte Park in Frankfurt. Freiflächen und ein teils mehr als 100 Jahre alter Baumbestand machen den Park zum beliebten Ausflugsziel. Zum Grüneburgpark gehört auch der Koreanische Garten. In der Nacht auf den 1. Juni entzündeten Unbekannte einen der zwei Pavillons und zerstörten das koreanische Geschenk zur Buchmesse. Auch der Pflaumenlaube-Pavillon ist derzeit nicht zugänglich.

Studentische Tradition fehlt noch


Seit 2001 beherbergt das einstige IG-Farben-Haus und seit 2009 in Poelzig-Bau umbenannte Gebäude einen Teil der Goethe-Universität. Die Soziologie- und Skandinavistik-Studentin Susann (re.) begann ihr Studium noch am alten Standort Campus Bockenheim: „Hier ist es moderner, aber es fehlt die studentische Tradition, wie sie früher im AfE-Turm zu spüren war.“ Verena (li.) lobt die Geschichtsaufarbeitung der Rolle der IG-Farben im Nationalsozialismus.