09.11.2017 03:00 | Thomas Remlein

Jahrestag des Mauerfalls: Wie ein Frankfurter in die DDR zog, um bei seiner großen Liebe zu sein

Frankfurt Der Jahrestag des Mauerfalls am 9. November bleibt für Karin und Peter Appel stets ein besonderer Tag. Der Frankfurter Bub und die Erzgebirglerin führten 15 Jahre lang in der ehemaligen DDR eine deutsch-deutsche Ehe.

Schöne Erinnerungen an die Vergangenheit: Peter und Karin Appel zeigen ihr Fotoalbum. Fotos/Repro: Michael Faust Bilder >
Schöne Erinnerungen an die Vergangenheit: Peter und Karin Appel zeigen ihr Fotoalbum. Fotos/Repro: Michael Faust Bild: Michael Faust

Diese Liebe kannte weder Mauern noch Grenzen: Am 13. Oktober 1962 heiratete der Sachsenhäuser Peter Appel seine Karin (geborene Lötzsch) in Crottendorf, Erzgebirgskreis.

Für die damals 18-Jährige verließ der 20-jährige Peter die Vaterstadt am Main und wanderte in die DDR aus. Dabei stand schon die ab 13. August 1961 errichtete Mauer, die aus Deutschland zwei von einander abgeriegelte Staaten machte. Hätte nicht auch Karin nach Frankfurt kommen können? „Ich war ja erst 18 Jahre alt“, sagt die heute 75-Jährige. „Und die Mutter war dagegen.“ Ihre Familie betrieb im Erzgebirge eine Metallwarenfabrik, die Reißzwecken und Schlösser herstellte. Und Peter? Hätte der nicht auch von seiner Karin lassen können? „Mir ist nichts anderes übrig geblieben“, sagt Peter trocken. Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Politische Gründe für einen Wechsel in die DDR hatte er nicht. Nach seinen Angaben gehörte er nie einer Partei an.

Kennengelernt hatten sich die beiden im Juli 1958 bei einem Zeltlager am Werbellinsee. Peter war mit dem Deutschen Jugendring dort, Karin mit ihrer Berufschule. Danach schrieben sich die beiden Briefe. 1960 besuchte Peter erstmals seine Karin in Crottendorf. Ein Jahr später, noch vor dem Mauerbau, besprachen sie die Hochzeit. Auch nach dem Mauerbau stand Peter zu der Verlobung: Im Oktober 1961 übersiedelte er nach Crottendorf und zog bei den Schwiegereltern ein – nach kurzem Zwischenstopp im Aufnahmelager in Eisenach.

Am 13. Oktober 1962 heirateten die beiden. Zur Hochzeit kam die ganze Familie, auch die Frankfurter Verwandtschaft. Noch in selben Jahr stellte Peter einen Ausreiseantrag nach Frankfurt. Der wurde abgelehnt, Jahr für Jahr, bis 1976.

Die junge Familie ließ sich davon nicht beeindrucken. 1967 kam Tochter Dagmar zur Welt, 1971 Sohn Heiko. Überlegungen, die Faliengründung zu verzögern, gab es nicht: „Was soll man da noch warten?“, sagt Peter, der Entschlossene.

Peter hatte in Frankfurt in einer Holzgroßhandlung Kaufmann gelernt. Auch im Erzgebirge blieb Peter zunächst beim Holz. Er arbeitete im volkseigenen Betrieb (VEB) Möbelfabrik Walthersdorf, zunächst im Büro. Doch weil ihm die mangelhafte Büroausstattung auf die Nerven ging („Die Schreibmaschine war vom Alten Fritz“), ließ er sich in die Produktion versetzen. „Ich habe bis 1964 die Kanten des Schlafzimmers ,Modell Gabi’ furniert“, erinnert er sich. Dass der Arbeiter- und Bauernstaat kein Paradies für die Werktätigen war, merkte er rasch. „In der Möbelfabrik haben wir die Produktionskosten gesenkt, aber die Arbeiter hatten nichts davon“, sagt er. Das kritisierte er auch öffentlich.

Mitarbeit am Fernsehturm

Aus Holz wurde Stein: Peter wechselte von der Möbelfabrik zum VEB Kalkwerke Oberscheibe. Dort war er im Versand tätig, später als Absatzleiter für das gesamte Gebiet der DDR verantwortlich. Die Kalkwerke lieferten Baustoffe, darunter Marmor, für viele Staatsbauten. Unter anderem für den Berliner Fernsehturm im Ostteil der Stadt. Die vom Ostberliner Oberbürgermeister Herbert Fechner unterzeichnete Ehrenplakette „Erbauer des Stadtzentrums, verliehen an Absatzleiter Peter Appel“ samt Urkunde, bewahrt der Geehrte bis heute auf.

Der Kontakt nach Frankfurt riss nie ab. Am häufigsten besuchte ihn sein älterer Bruder Alfred. Beruflich war Appel in der DDR integriert, was auch seine Akte bei der Staatssicherheit (Stasi) hervorhebt. Wie alle Bürger des kommunistischen Staates wurden auch Appel und seine Familie von der Stasi überwacht. Seine Stasi-Unterlagen hat er sich kurz nach der Wende schicken lassen.

Er stand unter besonderer Beobachtung. Er habe im Zug die Frankfurter Rundschau gelesen, heißt es in den Stasi-Unterlagen. Und es bestehe der Verdacht, dass er die Artikel verbreite. Auch dass er am 7. Oktober, dem DDR-Nationalfeiertag, nie eine Flagge an der Wohnung anbrachte, wurde akribisch vermerkt. „Es war ja nicht meine Wohnung“, sagt er im Rückblick achselzuckend.

Dem zugewanderten Westler zeigte sich das SED-Regime von seiner unbarmherzigen Seite. Zur Beerdigung seines Vater 1966 durfte er nicht ausreisen. Welche Gefühle übermannen einen da? Auch über 50 Jahre später beherrscht sich Appel, sagt nur: „Abgelehnt. Ende der Fahnenstange.“ Auch als seine Mutter schwer krank war und ihr wegen einer Durchblutungsstörung ein Bein amputiert werden musste, durfte er nicht nach Frankfurt reisen. Bitternis deswegen lässt er sich auch Jahre später nicht anmerken.

Im September 1976 kam für die Familie der erlösende Bescheid. Vom Innenminister der DDR wurde der Ausreiseantrag bewilligt. Die Kreisdienststelle Annaberg bescheinigt Appel in ihrem Bericht „eine enorme Hartnäckigkeit“. Der Antragsteller fühle sich „nicht im mindesten als Bürger unseres Staates“, sondern als Bundesbürger. „Eine neuerliche Ablehnung könnte den Antragsteller durchaus zu Demonstrativhandlungen veranlassen“, heißt es in der Akte.

Treffen in Karlsbad

Am 10. September durfte die Familie ausreisen. „Wir durften alles mitnehmen“, sagt Karin Appel. Der in Frankfurt lebende Bruder Alfred hatte für den Hausrat vorübergehend einen Lagerhalle gemietet, die Familie war in Gießen im Aufnahmelager, ehe sie in der Stresemannallee, in der das Ehepaar heute noch lebt, eine Wohnung fand. Die Kinder besuchten die Riedhofschule. Die Kontakte in die DDR-Heimat waren erst einmal unterbunden. Als sogenannter „Abtrünniger“ galt Peter als unerwünschte Person. Fünf Jahre lang galt für ihn ein Einreiseverbot. Briefe und Telefonate mussten den persönlichen Kontakt ersetzen.

Nur im tschechischen Karlsbad konnte sich der Westteil der Familie mit dem aus dem Osten treffen. Denn für DDR-Bürger war eine Reise in die sozialistischen Bruderstaaten erlaubt, und auch Bundesbürger konnten in die Tschechoslowakei einfacher einreisen als in die DDR. Nach Karlsbad fuhren sie im Opel Rekord, dem ersten eigenen Auto der Familie.

Nur wenige Wochen nach der Übersiedlung fand Peter Arbeit in einer Holzhandlung in Bornheim, später wechselte er in die Lohnbuchhaltung einer Druckerei. Karin arbeitete erst bei Neckermann, später bei Karstadt. Seit 17 Jahren ist der Buchhalter im Ruhestand, seine Frau seit 15 Jahren. In dieser Zeit besuchten sie regelmäßig Verwandte und ehemalige Arbeitskollegen. Er ertappt sich dabei, im Osten den Westen zu verteidigen und umgekehrt. „Im Osten konnte man Arbeitsbedingungen viel leichter kritisieren. Wenn Du hier was gesagt hättest, wärest du geflogen“, nennt er einen Vorteil seines Ost-Lebens. Gleichzeitig bemängelt er, dass die Menschen in der ehemaligen DDR bis heute nicht den Kapitalismus begriffen. „Es geht nicht, dass der Staat alles regelt.“

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Aus wie vielen Bundesländern besteht Deutschland?: 

Weitere Artikel aus Frankfurt

Bei der Kollision einer U-Bahn mit einem PKW in Bad Homburg ist am 23.05.2017 eine Autofahrerin getötet worden.
Frankfurt
|
Schlägerei, Hateslam, Internationale Schule

Das hat Frankfurt diese Woche bewegt

Weitere Artikel aus Frankfurt

Frankfurt
|
Geschwindigkeitskontrollen

Achtung, Autofahrer, hier wird in Frankfurt geblitzt!

Rubrikenübersicht