23.07.2013 03:00 |

„Die Luft ist nicht sauber“


Der emeritierte Professor Rafael Dudziak leitete von 1973 bis 2003 die Klinik für Anästhesiologie der Goethe-Uni. Der Mediziner wertete die einjährige Luftmess-Kampagne auf dem Lerchesberg aus und kommt - anders als das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie - zu dem Schluss, dass die Schadstoffe der dort verkehrenden Flugzeuge gesundheitsschädlich sind. Über seine Studie und deren Ergebnisse sprach Dudziak mit FNP-Mitarbeiter Mirco Overländer.
Seit Eröffnung der Nordwest-Landebahn im Oktober 2011 sitzt Prof.Rafael Dudziak nur noch ungerne in seinem Garten am Sachsenhäuser Lerchesberg, da ihm die Luft dort nicht mehr rein genug ist.	Foto: Salome Roessler
Seit Eröffnung der Nordwest-Landebahn im Oktober 2011 sitzt Prof.Rafael Dudziak nur noch ungerne in seinem Garten am Sachsenhäuser Lerchesberg, da ihm die Luft dort nicht mehr rein genug ist. Foto: Salome Roessler

Herr Prof. Dudziak, Sie haben unabhängig vom Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG) die Luftmess-Kampagne am Sachsenhäuser Lerchesberg ausgewertet. Wie sind Sie vorgegangen?

PROF. RAFAEL DUDZIAK: Ich habe ein Jahr lang die täglich im Internet veröffentlichten halbstündigen Messdaten gesammelt und statistisch bearbeitet. Anhand dieser 16 701 Einzelwerte habe ich sodann versucht, die folgenden Fragen zu beantworten: Wie hoch ist die mittlere Tages-/Monats-/Jahres-Konzentration des Stickstoffdioxids (NO2) und des PM10. Wie oft wird die NO2-Konzentration von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten. Gibt es eine Abhängigkeit zwischen der NO2-Konzentration auf dem Lerchesberg und der Anzahl auf dieser Route verkehrender Flugzeuge. Wie beeinflussen verschiedene Variablen wie etwa Windgeschwindigkeit oder Temperatur die NO2-Konzentration auf dem Lerchesberg.

Zu welchem Schluss sind Sie gelangt?

DUDZIAK: Im Gegensatz zum Meteorologen Prof. Stefan Jacobi vom HLUG muss ich feststellen, dass die Luft auf dem Lerchesberg nicht als sauber bezeichnet werden kann. Der Jahresmittelwert liegt nach den Ergebnissen der Messungen etwas höher als 25 Mikrogramm pro Kubikmeter. Den Betroffenen ist allerdings verschwiegen worden, dass sich in diesem Wert auch wesentlich höhere NO2-Konzentrationen „verstecken“. Im Messjahr 2012/2013 lag die NO2-Konzentration an 1399 Stunden, das entspricht 28 vollen Tagen, über 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. An manchen Tagen mussten die Menschen auf dem Lerchesberg stundenlang NO2-Konzentrationen zwischen 60 und 120 Mikrogramm pro Kubikmeter einatmen. Das ist sehr bedenklich.

Weshalb halten Sie die Luftverschmutzung der neuen Landebahn für gesundheitsschädlich, die Landesregierung jedoch nicht?

DUDZIAK: Die Landesregierung hält sich an das Bundesimmissionsschutzgesetz und Beschlüsse der EG. Diese besagen, dass der Jahresmittelwert des NO2 nicht über 40 Mikrogramm pro Kubikmeter liegen darf. Das ist zwar richtig, aber mit dem aktuellen medizinischen Wissen nicht mehr vereinbar. Die kurzfristigen NO2-Anstiege werden dabei nicht berücksichtigt. Hinzu kommt, dass die Anwohner auch PM10, also Feinstaub, und viele andere Stoffe, die von Flugzeugtriebwerken ausgestoßen werden, einatmen müssen. Bei der Messkampagne wurde lediglich das Gewicht des PM10 gemessen, nicht aber dessen Inhalt. Dabei ist bekannt, dass bereits 1998 Dipl.-Ing. Walter Eickhoff die aus den Flugzeugtriebwerken geschleuderten Substanzen gemessen und festgestellt hat, dass es exakt 256 verschiedene chemische Stoffe sind. Was genau über dem Lerchesberg an Schadstoffen niedergeht, wissen wir nicht, weil nur wenige gemessen worden sind.

Welche Gesundheitsschäden befürchten Sie konkret?

DUDZIAK: Atem- und Kreislauferkrankungen und die dazugehörigen Beschwerden. Die Behörden sind verpflichtet, den Bürgern dieser Stadt und der umliegenden Gemeinden die Wahrheit über die Belastung durch Flugzeug-Abgase mitzuteilen. Das tun sie aber nicht. Viele Menschen, die im Bereich der Einflugschneise wohnen, haben sich im Vorjahr wegen Atemnot oder Bronchitis behandeln lassen, in der falschen Überzeugung eine Erkältung zu haben. Dabei ist in Dutzenden wissenschaftlichen Publikationen längst nachgewiesen worden, dass bereits kurzfristige, nur einige Stunden andauernde Anstiege der Schadstoffkonzentrationen in der vorher genannten Höhe zur Entstehung von Asthmaanfällen, Schlaganfällen und Herzinfarkten führen. Als ich seinerzeit die hessische Umweltministerin Frau Lucia Puttrich darauf hingewiesen habe, warf sie mir schriftlich vor, ich würde die Bevölkerung verunsichern.

Warum sind die von Ihnen ins Feld geführten Immission-Spitzen denn rechtlich unbedenklich?

DUDZIAK: Das Bundesimmissionsschutzgesetz nimmt zu Spitzenwerten keine Stellung. Inzwischen ist jedoch bekannt, dass ein Jahresmittelwert von 40µg/m3 viel zu viel ist. Bereits 2004 haben deutsche Wissenschaftler wie Prof. Thomas Eikmann in einer Publikation ausgeführt, dass bei langfristiger Belastung zum Schutz der Bevölkerung ein Jahresmittelwert des NO2 von 20µg/m3 anstrebenswert ist. Auch das EU-Parlament hat 2008 niedrigere Höchstwerte empfohlen. Die WHO veröffentlichte am 28. Januar 2013 ein Dokument, in dem angekündigt wird, dass die bisherigen Grenzwerte revidiert werden müssen. Wir müssen abwarten, auf welchen Jahresmittelwert man sich in Brüssel einigen wird.

Es herrscht also eine Diskrepanz zwischen gesetzlichen Höchstwerten und medizinischen Erkenntnissen?

DUDZIAK: Das ist korrekt.

Was folgt aus dieser Diskrepanz?

DUDZIAK: Daraus folgt, dass man bei der künftigen Festlegung der Jahresmittelwerte befürchten muss, dass nicht die gesundheitlichen Aspekte, sondern vielmehr ökonomische und politische Interessen eine wichtigere Rolle spielen werden.

Sie waren jahrzehntelang im Wissenschaftsbetrieb tätig. Ärgern Sie sich über diese Tatsache?

DUDZIAK: Das ist eine sehr interessante Frage, die einer längeren Erklärung bedarf. In der gebotenen Kürze möchte ich sagen, dass bei der Genehmigung der neuen Landebahn die Luftverschmutzung eine eher geringere Rolle spielte. Zu diesem Thema wurde zuerst 1999 von einem angesehenen Toxikologen aus Kiel, Herrn Dr. Kruse, ein Gutachten verfasst. Er kam zu dem Ergebnis, dass es durch den Betrieb der neuen Landebahn zu erheblicher Gesundheitsgefährdung durch erhöhte Stickstoffdioxid-Konzentrationen kommen wird. Im Planfeststellungsverfahren wurde dieses Gutachten dann nicht mehr berücksichtigt. Dafür wurden zwei weitere Gutachten herangezogen, die ausschließlich auf Computersimulationen beruhten und sehr viel günstigere Prognosen erarbeitet haben. Nun zeigt sich, dass die Messergebnisse auf dem Lerchesberg mit den Simulationsergebnissen nicht in Einklang zu bringen sind. Die aktuellen Werte liegen zum Teil um Faktor 5 bis 10 höher als vorausgesagt. Dass diese Angelegenheit überhaupt nicht thematisiert wird, ärgert mich sehr.

Die Landesregierung hat ihre Mess-Station jetzt abgebaut. Ein Fehler oder Geschichtsklitterung?

DUDZIAK: Dass die Station stillgelegt wurde, ist außerordentlich bedauernswert. Unter der Annahme, dass die gelieferten Werte nach dem Gesetz der guten Laborpraxis als valide betrachtet werden dürfen, hätte diese Station weiter messen sollen. Umso mehr, als es sich um weltweit erste derartige Messungen im Bereich einer bewohnten Einflugschneise einer sehr frequentierten Landebahn handelt. Und es hätten noch weitere Stationen in Oberrad und Niederrad errichtet werden sollen. Das wären zusätzliche Kosten von etwa 200 000 Euro, im Vergleich zu den zehn Millionen, die für die Norah-Studie ausgegeben werden, geradezu Peanuts. Man muss zudem bedenken, dass es ab jetzt wieder keine Vergleichswerte mehr geben wird. Das zeigt, dass dem gesamten Messprojekt von Schadstoffen kein größeres Interesse entgegengebracht wird.

Was machen Sie jetzt mit Ihren Messergebnissen?

DUDZIAK: Ich werde sie als wissenschaftliche Publikation in einer entsprechenden Zeitschrift veröffentlichen und Vorträge zu diesem Thema, etwa im Umweltbundesamt in Dessau und auch in Frankfurt halten. Die Ergebnisse müssen entsprechend gewürdigt werden, damit diese einen Beitrag zur Senkung der geltenden Jahresmittelwerte leisten können.

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