Theodor-W.-Adorno-Preis

Ein großes Leben und sein Preis

Von Enrico Sauda
Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig hat gestern der Filmemacherin Margarethe von Trotta (rechts) in der Paulskirche den mit 50 000 Euro dotierten Theodor-W.-Adorno-Preis verliehen. Alle drei Jahre wird er auch in Erinnerung an den Frankfurter Philosophen vergeben.
Bernd Kammerer (Presse- und Wirtschaftsdienst)/FNP

Die Filmemacherin Margarethe von Trotta ist den Tränen nahe. „Ich bin sehr gerührt“, sagt sie in der Paulskirche. Das richtet sich an Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) sowie an den Kinofilm- und Fernsehproduzenten und ehemaligen Präsidenten der Deutschen Filmakademie, Günter Rohrbach .

Sie hatten gestern bei der Übergabe des Theodor-W.-Adorno-Preises, der alle drei Jahre vergeben wird, zu Ehren von Margarethe von Trotta gesprochen. Diese Auszeichnung, sagt sie, „macht mich zu einer Person, die in ihrem Land nun endgültig keine Fremde mehr sein muss. Dafür danke ich der Jury“. Als sie das sagt, gerät die 76-Jährige immer wieder ins Stocken.

Von Trotta kam als uneheliche und staatenlos geborene Tochter einer verarmten baltischen Adligen zur Welt. Der Begriff Heimat spielt in ihrer Dankesrede eine bedeutende Rolle. So erinnert sie auch daran, dass der schwedische Regisseur Ingmar Bergman 1976 hier an selber Stelle die Goethemedaille erhielt. Zuvor war er aus seiner Heimat geflohen, weil ihm Steuerbetrug vorgeworfen wurde. Auch von Trottas Familie musste aus ihrer Heimat flüchten. „Ohne ein Dokument“ – bis sie durch den Nobelpreisträger Fridtjof Nansen den nach ihm benannten Pass erhielt. „Sie gehörten keinem Land an, hatten aber zumindest ein Dokument, auf denen ihr Name stand“, so von Trotta über das Papier, das später in Deutschland Fremdenpass hieß, den sie auch hatte.

Der mit 50 000 Euro dotierte Preis wird zum Gedenken an den Philosophen Adorno vergeben und dient der Förderung und Anerkennung hervorragender Leistungen in den Bereichen Philosophie, Musik, Theater und Film. Obwohl, und das betonen alle Sprecher gleich mehrmals, der Namensgeber dem Kino eher distanziert gegenüberstand. „Aus jedem Besuch des Kinos komme ich bei aller Wachsamkeit dümmer und schlechter wieder heraus“, zitiert von Trotta Adorno und sagt, was alle an diesem Abend mehrfach sagen: Dass auch einer wie Adorno sich irren könne.

Doch der Name der Ausgezeichneten, der hätte Adorno imponiert, denn, so meint Günter Rohrbach: Adorno hatte ein Faible für den Adel. Rohrbach gab in seiner Rede einen ausführlichen Überblick über die Filme, das Leben und die Arbeit Margarethe von Trottas, die auch Mimin gewesen ist. Rohrbachs Kommentar dazu: „Von Trotta war keine große Schauspielerin, aber eine interessante.“ An ihre Blicke erinnere sich der Zuschauer, und Rohrbach weiß auch: „Von Trotta liebt die Männer. Auch im richtigen Leben, aber sie durchschaut sie auch.“ Seine Ausführungen schließt er damit, dass von Trotta „in Deutschland geboren, in Europa sozialisiert und in der Welt zu Hause ist“.

Kulturdezernentin Ina Hartwig findet, dass von Trottas Filme von Mut zeugten: zur Tat und zur Kontemplation. Sie habe das Denken visualisiert. Zudem sei sie mit ihrer alterslosen Kinoarbeit eine „herausragende Chronistin der deutschen Geschichte“. Und auch Volker Schlöndorff , Regisseur, Oscarpreisträger und Ex-Mann von Margarethe von Trotta, findet es nicht widersprüchlich, dass eine Filmfrau einen Preis erhält, der nach einem Philosophen benannt ist, der so gar nichts mit dem Medium anfangen konnte. „Sie beide sind denkende Menschen. Und das verbindet sie.

(es)

Enrico Sauda