Robert-Gernhardt-Preis

Von alten Mädchen und Abenteuern in der Arktis

Von fai
Fürs Familienalbum: Die israelische Sängerin Netta Barzilai mit Bürgermeister Uwe Becker.
BERNDKAMMERER@GMX.NET (Presse- und Wirtschaftsdienst)/FNP

Auch wenn ihre Romane erst im Entwurf vorliegen, so versprechen sie doch großes Potenzial. Strahlend nahmen Julia Wolf und Florian Wacker im Theatersaal des Künstlerhauses Mousonturm den Robert-Gernhardt-Preis entgegen. Die für jeden Preisträger mit 12 000 Euro dotierte Auszeichnung, die nun im zehnten Jahr verliehen wird, soll die Realisierung der Werke unterstützen. Über 100 Bewerbungen von Autoren mit einem Bezug nach Hessen waren diesmal für den angesehenen Literaturpreis eingegangen, so viele wie noch nie. „Sie können sich gar nicht vorstellen, welche einfallsreichen Verrenkungen manche Schriftsteller anstellen, um den notwendigen Hessenbezug vorzuweisen“, scherzte CDU-Wissenschaftsminister Boris Rhein vor den rund 200 Gästen über die enorme Beliebtheit der Ausschreibung. Am Ende setzten sich Julia Wolfs Buchprojekt „Alte Mädchen“ und Florian Wackers historisches Arktisabenteuer „Dikson“ bei der Jury durch.

Anfänger sind beide Autoren nicht, ihre bisherigen Romane fanden respektable Beachtung. Für die Wahl-Leipzigerin Julia Wolf, die im hessischen Ried geboren wurde, regnete es wie für ihren Kollegen in den vergangenen Jahren Literaturpreise und Stipendien, auch war sie 2017 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ihr Verleger Joachim Unseld von der Frankfurter Verlagsanstalt gehörte selbstverständlich auch bei der aktuellen Preisverleihung zu den Gratulanten. Mit humoristischen Gedichten wie „Schwanengesang“ und „Bussard an der Bahnstrecke“, vortragen vom Ensemble „Der Chor“, ließ man im Saal den 2006 verstorbenen Namensgeber der Auszeichnung musikalisch präsent werden. Seine Witwe Almut Gehebe-Gernhardt verfolgte wie jedes Jahr die Preisverleihung in der ersten Reihe.

Ein Lieblingsgedicht von Gernhardt wollte der Geehrten Julia Wolf beim Foyer-Empfang partout nicht einfallen, „das Adrenalin nach meiner Dankesrede ist einfach noch zu hoch“, entschuldigte sie sich. Gerade sei sie von einer Recherchereise aus Litauen und Kaliningrad zurück, die Koffer kaum abgestellt, erzählte die 38-Jährige: „Aus dem früheren Ostpreußen kommen meine ’alten Mädchen’, die ich im Roman behandele, her. Im Alter treffen sie aufeinander. Auch meine eigene Großmutter stammt aus Ostpreußen. Die Frauen in meinem Roman haben sich schuldig gemacht im Nationalsozialismus, sie waren Mitläuferinnen, Nutznießerinnen und Täterinnen – und wurden dann auf der Flucht 1945 selbst zu Opfern, auch von sexualisierter Gewalt.“ Im nächsten Jahr sollen die Romane der beiden Preisträger vorliegen.

(fai)

fai