11.11.2017 03:30 | Alexander Schneider

Erster Rathaussturm: Närrischer Überfall in Weilrod: Kette darf nicht jeder tragen

Usinger Land „Weilrod first“ – während die Rathäuser für gewöhnlich erst an Fastnachtssamstag gestürmt werden, ist das Weilroder bereits heute, am „11.11.“ Ziel des närrischen Überfalls. Vielleicht hoffen die Angreifer ja angesichts der guten Haushaltslage Weilrods auf besonders fette Beute. Doch im Rathaus ist man gerüstet, der Bürgermeister legt sich sogar selbst an die Kette . . .

Passt! Edgar Bargon misst Bürgermeister Götz Esser die Amtskette an, damit sie heute beim ersten offiziellen Ausführen auch gut sitzt. Tut sie. Foto: Schneider
Passt! Edgar Bargon misst Bürgermeister Götz Esser die Amtskette an, damit sie beim ersten offiziellen Ausführen auch gut sitzt. Tut sie. Bild: Schneider

Weilrods Bürgermeister Götz Esser (FWG) ist wahrhaftig kein Kind von Traurigkeit. Er geht zum Lachen auch nicht in den Keller, sondern lacht an Ort und Stelle. Nicht so heute, da tritt er vom Frohsinn getrieben auf den Balkon seines Dienstsitzes am Senner. Nicht um huldvoll dem zu seinen Ehren versammelten Volke zuzuwinken, nein, es geht ums Ganze. Ums ganze Rathaus. Erstmals in der Geschichte Weilrods wird es dort am „11.11. um 11.11 Uhr“ einen Rathaussturm geben.

Halber Kölner

Die Idee Essers kam nicht von ungefähr, denn er ist ein halber Kölner. Sein Vater Fritz-Albert war nämlich ein ganzer. Die Tradition der Rathausstürme durch die Narren – in Weilrod gibt es zwar keine Narrenzünfte, Narren aber schon – kommt nämlich ursprünglich aus dem ehemals preußischen Rheinland, verbreitete sich von dort aus aber über ganz Deutschland. Der Bürgermeister, das ist der Sinn der Aktion, wird „gezwungen“, den Rathausschlüssel an die Narren herauszugeben und damit die gewohnte Ordnung während der „Fünften Jahreszeit“ außer Kraft zu setzen. Bei der Zeremonie, bei der meist auch die Stadtkasse konfisziert wird, wird häufig der Amtsschimmel durch die Rathausflure getrieben.

Für den Fall der Fälle möchte sich Esser aber, wenn’s denn schon sein muss, wenigstens in vollem Ornat in die Fänge des Frohsinns begeben. Und das wäre dann das zweite Novum heute: Um bei den gegen den Trübsinn anstürmenden Fastnachtern Eindruck zu schinden, wird Esser erstmals seine Amtskette mit 13 Ortsteilwappen tragen. In Ermangelung von Krone und Reichsapfel war ihm und seiner Gemahlin diese vom MGV Eintracht Hasselbach zur Hochzeit geschenkt worden.

Oben ohne in Usingen

Den Verwaltungssitz mit Kamelle sturmreif schießen die Narren heute auch in Usingen, wo die Stadtoberen bis zum letzten Knaller die Schatulle gegen närrischen Zugriff verteidigen. Anders als Esser kämpft Usingens Rathauschef Steffen Wernard (CDU) mit blanker Brust.

Nicht dass er keine Amtskette hätte, oh doch – er darf sie aber nicht tragen. Jedenfalls nicht bei so etwas Profanem wie einem Rathaussturm. In Usingen ist genau geregelt, wann die Kette vom bürgermeisterlichen Halse baumelt, sogar per Satzung: Nur wenn’s richtig feierlich ist. Die Fassenacht fällt nicht darunter.

Drüben in Neu-Anspach, wo man sich im Rathaus am 11.11.2015 erstmals gegen marodierende Narrenhorden zur Wehr zu setzen hatte, scheint es keine solch rigide Trageanweisung zu geben. Der damalige Rathausverteidiger Klaus Hoffmann (CDU) kämpfte hochdekoriert mit Amtskette gegen die Invasion der Spaßvögel.

Kollege Gregor Sommer (CDU) erwehrt sich des Narrensturms aufs Wehrheimer Rathaus ohne Kette. Weil er keine hat und, ganz bescheidener Landbürgermeister, auch keine braucht. Offenbar nimmt man ihm die Würde auch ohne Kette ab.

Weder Amtskette, noch Rathaussturm gibt es in Schmitten. „Eine Amtskette für den Bürgermeister war bei uns nie ein Thema“, sagt Büroleiter Heinz-Otto Freiling. Und der letzte Rathaussturm, angezettelt von den Arnoldshainer Narren, liegt auch schon etliche Jahre zurück. Und in Grävenwiesbach wird weder angekettet noch gestürmt.

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