Personalmangel

Wie das Rind’sche Bürgerstift gegen den Notstand im Pflegebereich vorgeht

Von Sabine Münstermann
Finden ihren Beruf wunderbar: Die aus Bosnien stammenden Pflegefachkraft-Auszubildenden Sandra Alukic und Ervin Gerzic.
Jochen Reichwein/FNP

104 Jahre alt war der Mann, der seit Jahren im Rind’schen Bürgerstift in der Gymnasiumstraße lebte. Sein Steckenpferd war ein bisschen die französische Sprache – weswegen er sich so gut mit seinem Pfleger Dapa Diaban verstand. Der stammt von der Elfenbeinküste – und dort ist Französisch die Amtssprache. „Wir kamen gut miteinander aus“, erinnert sich Diaban. Eines Tages hatte der 45-Jährige Spätschicht und bereitete den Senior fürs Zubettgehen vor, als der ihn bat, ihn zu rasieren. „Normalerweise passiert das ja morgens, aber ich dachte, warum eigentlich nicht?“ Der Senior war glücklich, sagte vor dem Einschlafen „Merci beaucoup“ – vielen Dank –, und schlief ein. Tags drauf, als Diaban wieder zum Dienst erschien, erfuhr er, dass er in der Nacht gestorben war.

„Das hat mich berührt, denn ich habe ihn über viele Jahre gepflegt“, sagt Diaban. „Aber der Gedanke, dass ich ihn für seine letzte Reise rasiert habe, gibt mir ein Gefühl des Friedens.“

Der „Vorzeige-Pfleger“

Dapa Diaban ist 1995 von der Elfenbeinküste nach Deutschland gekommen. Sechs Jahre später lernte er seine Frau kennen, die ebenfalls in der Altenpflege tätig ist. Zunächst fand der gelernte Verkäufer hier keine Arbeit. Seine Frau habe ihm dann geraten, sich in der Altenpflege bewerben.

Diaban fand in Frankfurt sofort eine Stelle als Hilfskraft. In gleicher Funktion heuerte er dann im Jahr 2010 beim Rind’schen Bürgerstift an. Jahrelang umsorgte er die Bewohner dort im Rahmen dessen, was ihm als Ungelerntem erlaubt war. „Irgendwann kam mein Chef, der Direktor den Rind’schen Bürgerstifts, Klaus Wimbert, zu mir und ermutigte mich, mich doch ausbilden zu lassen.“ Mehr noch, Wimbert gab ihm, der zwar auf Anhieb die praktische und die mündliche Prüfung schaffte, den entscheidenden „Schubs“, damit ihm auch die schriftliche Prüfung gelang. „Er sorgte dafür, dass ich einen Deutschkurs belegte.“

Dass Wimbert sich so für die Qualifikation Diabans einsetzte, hängt vor allem an dessen Händchen für die Bewohner. „Diaban ist sensibel, nimmt sich Zeit, baut Bindungen auf, weiß aber auch, dass das Loslassen Teil des Jobs ist. Abgesehen davon kann er auch mal anpacken, wenn’s schnell gehen muss und gerade keine Hilfsmittel zur Verfügung stehen“, sagt Wimbert und: „Er ist ein Vorzeige-Pfleger.“

Markt ist leergefegt

Vor allem ist er einer, der dem Haus seit acht Jahren treu ist – und in einer Zeit, in der der Pflegemarkt laut Wimbert „absolut leergefegt“ ist, könne es sich keine Einrichtung erlauben, Pflegefachkräfte zu verlieren. Weswegen das Rind’sche Kurstift auch ausbildet.

Weil es aber auch kaum Auszubildende gibt, schaut sich Wimbert auch in anderen Ländern um. Kontakte hat er derzeit durch Unterstützung seiner Personalsachbearbeiterin Marina Bajalovic, die serbisch spricht, nach Serbien und Bosnien. Aus Bosnien stammen etwa die beiden Pflegefachkraft-Auszubildenden Sandra Alukic (20, zweites Lehrjahr) und Ervin Gerzic (22, erstes Lehrjahr). Das Pärchen hatte sich per E-Mail beworben und war zu einem Gespräch eingeladen worden. Die beiden gefielen Wimbert und seinen Pflegedienstleitern Soraya Saim und Rainer Hüter auf Anhieb. „Der Rest ist sozusagen Geschichte“, sagt Wimbert, auch wenn die bürokratischen Hürden zur Einstellung der beiden Bosnier „nicht ganz ohne“ waren.

Der Einsatz habe sich gelohnt, sagt Wimbert, denn „Alukic und Gerzic sind motiviert, diszipliniert, fleißig“. Und bereits als Auszubildende gut geschult. Alukic sagt: „Es ist schon eine Herausforderung, etwa mit dementen Menschen zu arbeiten. Da kommt man dann zu einer Bewohnerin und will sie zum Spaziergang abholen und sie freut sich auch. Aber bis man den Rollator geholt hat, weiß sie nicht mehr, wer man ist.“ Aber: „Wir kennen die Biografie unserer Bewohner und können uns auf sie einstellen“, betont Alukic und fügt hinzu: „Das ist auch wichtig. Denn wir betreuen Menschen während der letzten Station ihres Lebens. Unsere Aufgabe ist es, ihnen diese Zeit schön zu machen.“ Gerzic sagt: „Natürlich kann man die Bewohner von Altenheimen pflegen und dafür sorgen dass sie gut aussehen. Aber seinen Job gut hat man nur dann gut gemacht, wenn sie auch glücklich sind.“

Sabine Münstermann