11.11.2017 03:30 | Alexander Schneider

Flucht aus der Vergessenheit: Wie der Bund der Vertriebenen auch ohne Zeitzeugen die Erinnerung bewahren will

Bad Homburg Der Bund der Vertriebenen feierte am Sonntag den „Tag der Heimat“. Er will verhindern, dass die Erinnerung an die Kultur der ehemaligen deutschen Ostgebiete „im Keller der Geschichte“ verschwindet, weiß aber, dass ihm die Zeit davonläuft . . .

1946: Ankunft von Flüchtlingen auf dem Bahnhof von Bebra. Rund 635 000 Vertriebene fanden nach dem Zweiten Weltkrieg in Hessen eine neue Heimat.
1946: Ankunft von Flüchtlingen auf dem Bahnhof von Bebra. Rund 635 000 Vertriebene fanden nach dem Zweiten Weltkrieg in Hessen eine neue Heimat. Bild: Archiv

Der „Tag der Heimat“ ist einer der höchsten Festtage beim Bund der Vertriebenen (BDV) und wird von den Kreisverbänden im Oktober mit einer Feier begangen, so auch am Sonntag im Vereinsheim Gonzenheim in Bad Homburg, wo der Landesvorsitzende der Landsmannschaft Ostpreußen im BDV, Wolfgang Thüne, zum Thema „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte und Verständigung“ sprach.

Knapp 120 Mitglieder zählt der Kreisverband heute noch, wie Vorsitzender Frank Dittrich in Bezug auf die „biologische Uhr“, die ein Verband wie der BDV zwangsläufig im Blick haben muss, sagt. Er, sein Stellvertreter Gerd-Helmut Schäfer sowie die Vorstandsmitglieder Friedebert Volk und Patricia Ehl, wissen natürlich, dass die meisten Mitglieder „längst die Sieben vorne stehen haben“. Neumitglieder, die die Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten selbst erlebt haben, stoßen schon lange nicht mehr zum BDV, und auch der Zu-strom aus der nächsten Generation hält sich in sehr engen Grenzen.

Kontakt zu Gymnasien

Volk, der als elfjähriger Kriegswaise aus seinem Dorf bei Pilsen vertrieben wurde, schätzt, dass noch 80 der heute 120 Mitglieder die Vertreibung selbst miterlebt haben. Beim BDV stellt man sich der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass etwas bleibt. Schäfer, selbst ein Mann der zweiten Generation, dessen Familie aus der Nähe von Tilsit stammte, sagt: „Wir müssen die Erinnerung an die Kultur der ehemaligen deutschen Ostgebiete wachhalten, sie darf nicht im Keller der Geschichte verschwinden.“ Deshalb bemüht sich der BDV auf allen Ebenen, zu erreichen, dass das Schicksal der Vertriebenen Teil des Geschichtsunterrichts wird. Im Hochtaunus ist man auf gutem Weg, es gibt gute Kontakte zu Bad Homburger Gymnasien. Der BDV will so Interesse an diesem Teil der europäischen Geschichte wecken. „Unsere Ausstellungen und Vorträge sind gut besucht“, sagt Dittrich.

„Kontakte zu den Heimatverbliebenen sind schwer zu knüpfen“, sagt Frank Dittrich.
„Kontakte zu den Heimatverbliebenen sind schwer zu knüpfen“, sagt Frank Dittrich.

Zu den Traditionsveranstaltungen des BDV gehört neben dem regelmäßig im Oktober stattfindenden „Tag der Heimat“ jährlich am 4. März, dem „Tag der Selbstbestimmung“, eine Gedenkfeier am Denkmal der Sudetendeutschen Landsmannschaft im Jubiläumspark. Dort wird der Niederschlagung einer Demonstration für die Unabhängigkeit des Sudetenlandes 1919 gedacht, bei der 54 Menschen erschossen worden waren. Weit weniger frequentiert als früher, aber immer noch im Programm, ist der jährliche Ausflug zu Pfingsten zum „Tag der Sudetendeutschen“ in Bayern. „Früher fuhren wir mit sechs Bussen, heute noch mit sechs Pkw“, sagt Volk.

„Heimweh ist das nicht“

An Rückkehr in die Heimat dächten trotz der heute geltenden Freizügigkeit nur die wenigsten Mitglieder, sagt Dittrich. Er selbst reist öfters zum Wandern nach Tschechien und spürt bei der Kontaktaufnahme immer wieder Ressentiments. Auch Patricia Ehl will nicht in ihre Heimatstadt zurück: „Ich war einmal dort, das Haus meiner Eltern steht nicht mehr, wozu also?“ Friedebert Volk, inzwischen 82, sagt: „Je älter man wird, desto häufiger denkt man zurück, ich komme zwar nicht davon los, Heimweh ist das aber nicht.“

Sieht der BDV eine Parallele zur aktuellen Situation der Flüchtlinge oder gar eine Zukunftsaufgabe? „Eher nicht“, meint Patricia Ehl: „Das ist eine andere Ausgangssituation, damals sind Deutsche nach Deutschland geflohen, sie sprachen dieselbe Sprache und hatten die selbe Religion. Die Flüchtlinge von damals waren, anders als die heutigen, jedoch allein auf sich selbst gestellt und mussten allein zurechtkommen.“ Friedebert Volk sieht das ähnlich. Anders als heute, wo Flüchtlinge nach Wegfall der Fluchtursachen wieder in ihre Heimat zurückkehren dürften, hätten Flüchtlinge aus dem Osten diese Möglichkeit lange Zeit nie gehabt.

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