Bewegte Familiengeschichte

Anne Zegelman und Michael Forst bezaubern Publikum mit musikalischer Lesung

Von Nicole Jost
Harmonieren gut: Anne Zegelman und Michael Forst.
FNP

Es ist ein intimer und bittersüßer Blick hinter die Kulissen einer bewegten Familiengeschichte: Gleich drei Generationen spannender Frauen nimmt Autorin Anne Zegelman mit ihrem Roman „glueckskind“ in den Fokus. Am Dienstagabend las die Redakteurin der Ärzte Zeitung in der Stadtteilbibliothek Gravenbruch aus ihrem jüngsten Buch.

Mief der 50er Jahre

Viele Literaturfreunde in der hübschen Bibliothek, darunter Kulturdezernent Theo Wershoven, der die einleitenden Worte sprach, und Stadtverordnetenvorsteherin Christine Wagner, versüßen sich den lauschigen Spätsommerabend mit Kulturgenuss, Live-Musik und einem Gläschen Sekt. Bibliotheksleiterin Jutta Duchmann muss noch ein paar Stühle ankarren, damit alle Gäste Platz finden.

Anne Zegelman startet ihre Chronik mit Großmutter Martha. Der Mief der 50er Jahre schwebt bei der Beschreibung der Fronleichnamsprozession auf dem Dorf förmlich durch den Raum: Dicke Sonntagsanzüge, kratzende Kleider auf schwitzender Haut und die Empörung über einen jungen Burschen: Der hisst am Fenster, statt der gelb-weißen katholischen Farben, die tschechoslowakische Flagge seiner Heimat. Es sind diese detailverliebten, feinen Beschreibungen, die die Geschichte lebendig und authentisch machen. Martha, zunächst glücklich mit ihrem Rebellen Jakob, erlebt Lieblosigkeit und Gewalt in ihrer Ehe und ertränkt das Leid im Alkohol. Tochter Teresa geht auf in der Bewegung der 68er, entflieht dem spießigen Leben in eine Kommune und verlässt Deutschland sogar in Richtung Indien. Sie kommt erst zurück, als sie schwanger ist.

„Zerbeuteltes Glück“

Das ist wohl die stärkste Szene der Lesung: Mucksmäuschenstill war das Publikum bei der Erzählung der dramatischen Krebsdiagnose von Teresa, der Geburt von Tochter Marie, der sie schließlich ihr eigenes Leben opfert. Im nächsten Zeitsprung begleiten die Zuhörer Marie auf die Reise in die USA, wo die junge Frau auf den Spuren von Mutter Tessa ihrer großen Liebe Jonah begegnet.

„’Glueckskind’ beschreibt vielleicht ein zerbeultes Glück, aber immer mit Hoffnung“, betont die Autorin lächelnd. Mit ihren ausgewählten Szenen weckt sie viel Lust aufs Weiterlesen. Der Roman trage autobiografische Züge, verrät Anne Zegelman, sie habe Erlebnisse aus der eigenen Familie und von Freunden eingearbeitet. „Schreiben ist ein bisschen wie Tetris spielen. Die Geschichte entsteht in meinem Kopf, und wenn alle Teile zusammenpassen, muss ich sie schnell niederschreiben“, erklärt die Schriftstellerin.

Wenn die Stimmung im Bibliotheksraum etwas schwermütig wurde, kam Michael Forst ins Spiel. Der musikalische FNP-Redakteur zauberte den Literaturliebhabern mit seiner Ukulele, der „geschrumpften Version“ seiner Gitarre, ein Lächeln auf die Lippen. Wie der Roman bekommen die selbst geschriebenen Lieder wie „Strohfeuerliebe“ und „Leise, wenn Du gehst“, die ganz eigene Geschichten erzählen, viel Applaus. Das kreative Duo war über die positive Resonanz ihres Auftritts ebenso glücklich wie Bibliotheksleiterin Jutta Duchmann.

Nicole Jost