08.11.2017 03:00 | Nicole Jost

Lehrer hinter Gittern

Dreieich Der Dreieicher Rockenberg-Verein investiert jährlich 40 000 Euro in die Ausbildung junger Straftäter. Die Lerntrainer Marthe Tahmer und Martin Winter begleiten die Jugendlichen intensiv auf ihrem Weg zum Schulabschluss. Unsere Zeitung durfte einen Blick hinter die Gefängnismauern werfen.

Marthe Thamer und Martin Winter sind Lerntrainer im Jugendgefängnis Rockenberg. Dank der finanziellen Unterstützung des Dreieicher Rockenberg-Vereins können sie die jungen Gefangenen zum Hauptschulabschluss oder der Abschlussprüfung ihrer Lehrzeit begleiten.
Marthe Thamer und Martin Winter sind Lerntrainer im Jugendgefängnis Rockenberg. Dank der finanziellen Unterstützung des Dreieicher Rockenberg-Vereins können sie die jungen Gefangenen zum Hauptschulabschluss oder der Abschlussprüfung ihrer Lehrzeit begleiten.

Es ist ein mulmiges Gefühl, wenn die schweren Stahltüren mit lautem Knall schließen. Überall Gitter, alles fest verriegelt. Die Justizbeamtin weist noch darauf hin, den Geldbeutel besser einzuschließen. Auch das Handy darf nicht mit in die Justizvollzugsanstalt Rockenberg hinein. Alle Besucher müssen den Pass an der Pforte hinterlegen, und die Kamera braucht eine Sondergenehmigung, dass sie mit hinter die Gefängnismauern darf.

Der Buchschlager Rockenberg-Verein feiert seinen 40. Geburtstag. Unsere Zeitung durfte mit den jungen Gefangenen darüber sprechen, was ihnen die Hilfestellung für einen Bildungsabschluss bedeutet. Rund 40 000 Euro investiert der Verein jedes Jahr für die Straftäter. Spannend ist es auch, zu hören, wie die Lerntrainer ihre Arbeit in dem Jugendgefängnis beurteilen.

Die Atmosphäre in dem Besprechungsraum der Schule ist entspannt. Kevin (15), Alex (19) und Tom (19) geben uns höflich die Hand, als sie eintreten. Die drei Jungs sind freundlich, der jüngste von ihnen etwas zurückhaltend, aber auch aufgeschlossen. Neben den Gefangenen in den einheitlich weinroten T-Shirts am Tisch sitzen die Germanistin Marthe Thamer und der studierte Hauptschullehrer Martin Winter. Beide kommen schon viele Jahre nach Rockenberg, um die Jungs beim Lernen zu unterstützen. 40 bis 60 Gefangene haben dank des Dreieicher Vereins regelmäßig Nachhilfeunterricht.

Persönlicher Kontakt

„Unsere Gefangenen gehen jeden Tag zur Schule oder machen eine Ausbildung. Aber es sind Jungs, von denen etliche nur während ihrer Grundschulzeit in die Schule gegangen sind, später dann eher nicht mehr“, berichtet Schulleiter Robert Thiel. Obwohl die Klassen mit jeweils zehn Jugendlichen klein sind, ist die Lernatmosphäre wegen der Konzentrationsfähigkeit der Schüler und dem problematischen Sozialverhalten oft nicht so produktiv. „Da ist eine Doppelstunde Nachhilfe in der Eins-zu-Eins-Betreuung oftmals wirkungsvoller als ein ganzer Schultag“, so Thiel. Zudem ist der persönliche Kontakt zu Menschen von „draußen“ ganz wichtig. Die Lernhelfer leisten Beziehungsarbeit auf einer sehr persönlichen Ebene. „Den Jugendlichen bringen diese zwei Stunden ganz viel. Sie erfahren Zugewandtheit und schöpfen daraus Selbstbewusstsein“, erläutert der Pädagoge.

Was Kevin, Alex und Tom ausgefressen haben und nach Rockenberg geführt hat, ist eine Tabufrage. Auch das Elternhaus kommt besser nicht zur Sprache. Tom hat seinen Hauptschulabschluss hinter den Gefängnismauern schon bestanden. Eine glatte 3,0. Dabei hat Marthe Thamer ihm oft zur Seite gestanden. Gemeinsam mit ihr konnte er seine Schwächen in Biologie und Erdkunde ausmerzen. „Schule hat mir draußen nichts bedeutet“, sagt der junge Mann. „Ich war manchmal dort, meistens aber nicht.“ Gekümmert hat das keinen so richtig.

Für seine Bildung und persönliche Entwicklung sei das Gefängnis eine Chance gewesen. „Wenn ich nicht hierhergekommen wäre, hätte ich keinen Schulabschluss, wahrscheinlich wäre alles nur noch schlimmer geworden. Ich wollte und konnte diese Chance nutzen“, erklärt Tom. Die Nachhilfestunden mit Marthe Thamer hätten ihm dabei sehr geholfen. „Da kommt schon mal ein sehr persönliches Gespräch auf. Das ist etwas anderes als mit den Mitgefangenen oder den Beamten zu sprechen“, sagt der junge Mann. Jetzt zählt er schon die Tage, in dreieinhalb Wochen darf Tom wieder „raus“: „Ich möchte meine Ausbildung zu Ende machen, arbeiten und eben mein Leben auf die Reihe kriegen.“

Ein Glücksfall

Auch Alex betont, dass er die Nachhilfe sehr gerne in Anspruch genommen und dabei sehr profitiert hat. Er hat seinen Hauptschulabschluss nach einem Jahr sogar mit einem Schnitt von 2,75 erreicht. „Ich habe eine fünf in Erdkunde in der Prüfung geschrieben. Sonst wäre die Gesamtnote noch besser“, ärgert sich Alex. „Ich bin aber auch früher schon gerne und regelmäßig zur Schule gegangen. Auch wenn ich jetzt die Ausbildung zum Schlosser angefangen habe, will ich, wenn ich draußen bin, auf jeden Fall noch einen Realschulabschluss machen“, kündigt der 19-Jährige an. Danach würde er gerne Koch oder Kfz-Mechatroniker lernen. Auch Alex hat es fast geschafft, in acht Wochen darf er Rockenberg verlassen.

Kevin hat dort noch eine Weile vor sich. Ein Jahr und sieben Monate muss der 15-Jährige noch bleiben. „Ich bin früher nur mal für zwei Stunden in die Schule gegangen, manchmal gar nicht. Wie ich eben Bock hatte“, erzählt der Teenager. Im Augenblick besucht er einen Aufbaukurs, um möglichst viele Wissenslücken aufzufüllen. „Die Nachhilfe ist ein Glück für mich. Frau Thamer hat Geduld“, erzählt der Junge. Sein Traum ist es ebenfalls, die Zeit für sich zu nutzen und das Gefängnis mit einem Hauptschulabschluss zu verlassen. „Alleine draußen schaffe ich das nicht. Ich muss es jetzt hier schaffen, hier habe ich die Unterstützung.“

Für Marthe Thamer und Martin Winter ist die Zeit im Gefängnis eine Bereicherung. „Mein Mann fand das zuerst nicht so gut, inzwischen hat er sich daran gewöhnt“, erzählt Thamer lächelnd. Angst habe sie nie gehabt. „Ich muss damit klarkommen, dass ich möglicherweise einem Mörder gegenübersitze. Ich lehne die Tat ab, aber nicht den Menschen“, sagt die Mutter eines Sohnes. Es entstehe eine sehr persönliche Ebene, es gebe viele persönliche Gespräche. Die Jungs erzählen von sich, manche auch von ihrer Tat oder von ihrem Zuhause. Einige von ihnen seien auch einfach überrascht, dass sie nett und freundlich behandelt werden. Dass man ihnen zuhört und ihre Probleme ernst nimmt.

Martin Winter weiß, dass er auch immer wieder Abstand zu „seinen Jungs“ bekommen muss. „Man muss sich von einem Helfersyndrom freimachen. Und ich muss mir immer wieder klarmachen, dass es nicht alle schaffen. Manch einen der Jungs habe ich hier auch wiedergetroffen“, erzählt der Lehrer. Er sei sich immer bewusst, dass er nur eine Stufe auf der Lebensleiter der jungen Gefangenen ist. „Auf den Rest habe ich leider keinen Einfluss.“

Schulleiter Robert Thiel und die beiden Lernhelfer sind sich absolut einig, dass der Rockenberg-Verein für das Jugendgefängnis unverzichtbar ist. „Diese Arbeit ist so sinnvoll und hilfreich. Ohne diese Unterstützung wäre die Arbeit an der Schule sehr viel schwieriger“, betont Robert Thiel.

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