10.11.2017 03:30 |

Besuch in der Gedenkstätte: Erinnerung wach halten

Hadamar „Was haben die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 und der Massenmord in Hadamar mit uns zu tun?“ Diese Frage diskutierten gestern Schüler der Fürst-Johann-Ludwig-Schule mit dem Hessischen Kultusminister R. Alexander Lorz.

Die Diskussion geht weiter: Eigentlich sollten Minister R. Alexander Lorz und die Schüler zum Schluss nur noch für ein Foto posieren.
Die Diskussion geht weiter: Eigentlich sollten Minister R. Alexander Lorz und die Schüler zum Schluss nur noch für ein Foto posieren. Bild: Johannes Koenig

„Hier war die Schleifbahn“, deutete der Leiter der Hadamarer Euthanasie-Gedenkstätte, Dr. Jan Erik Schulte, auf die helle Verfärbung im Kellerboden. „Dort wurden die Leichen von der Gaskammer ins Krematorium geschleift.“ Ein Anblick, der noch einmal eine ganz andere Qualität hat, als das aus Büchern erworbene Wissen, räumte später Kultusminister Professor R. Alexander Lorz bei seinem gestrigen Besuch der Gedenkstätte ein. Für ihn war es der erste Besuch in der ehemaligen T4-Tötungsanstalt. Gekommen war er anlässlich des am 9. November begangenen Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus.

 

„Oben war die durchorganisierte Verwaltung mit Ärztezimmer und im Keller stand die provisorisch zusammengezimmerte Tötungsmaschinerie“, verwies Alexander Lorz auf Schein und Realität im Alltag der Tötungsanstalt hin. Ein Provisorium, mit dem aber immer noch 10 000 Menschen umgebracht wurden. „Es ist schon erstaunlich, wie wenig es dazu braucht“, hatte er bereits beim Anblick der engen Krematorien festgestellt.

Seinen Besuch absolvierte der Minister allerdings nicht alleine. Denn nach der Führung stellte er sich Fragen von Schülern der Oberstufe der Fürst-Johann-Ludwig-Schule. Diese hatten die Gedenkstätte bereits vorher im Rahmen ihres Geschichtsunterrichts besucht. Mit dabei waren daher auch Klassenlehrerin Ruth, die auch die Moderation der Runde übernahm, sowie Geschichtslehrerin Anna Emmerich. Wie aber wirkte der Keller und die Ausstellung auf den Minister, wollten die Jugendlichen wissen.

„Wir hatten auch den Nationalsozialismus im Unterricht und ich habe schon viele Fotos gesehen. Das ist aber schon etwas anderes“, erklärte der Jurist, der 1983 sein Abitur gemacht hatte. Zu der damaligen Zeit habe es weniger Gedenkstätten gegeben, die seien auch nicht so gepflegt worden wie heute und auch die Museumspädagogik steckte damals eher in den Kinderschuhen.

„Die Stimmung war schon gedrückt“, erinnert sich Schüler Leon Bärenfänger an den ersten Besuch seiner Klasse. Er suchte danach auch das Gespräch mit Eltern und Freunden. Gemeinsam diskutierten sie, wie es jemals so weit kommen konnte, dass in Hadamar Tausende von Kranken systematisch ermordet wurden. „Ich habe mir selbst meine Gedanken gemacht“, stellte wiederum Emma Schäfer fest. „Ich springe jetzt eher ein, wenn jemand zum Beispiel etwas gegen Behinderte sagt.“ Manche der anwesenden Schüler, wie zum Beispiel Joelle Weuthen, hatten die Gedenkstätte bereits in der 4. Klasse besucht. „Wir sind damals nicht in den Keller gegangen“, erzählt er.

Ist diese Erfahrung aber eigentlich nicht zu viel für einen Viertklässler? „Wir haben da sehr gute Erfahrungen gemacht“, betonte Dr. Schulte. Die Aktion finde aber nur mit ausgesuchten Schulen statt und sei gut vorbereitet. „Kinder haben einen guten Selbstschutz“, ergänzte die pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte, Regina Gabriel. „Wenn’s zu viel wird, stehen sie auf und gehen einfach. Egal, ob man mitten in einem Satz steckt.“ Anders sei der Umgang mit Flüchtlingskindern. Denn da wüsste man vorher nicht, welche verborgenen Traumata möglicherweise angestoßen würden.

„Andere Werte“

„Warum sind Sie ausgerechnet heute nach Hadamar gekommen?“, lautete eine weitere Frage an Alexander Lorz. Zwar hätten die eigentlichen Massenmorde erst während des Zweiten Weltkrieges stattgefunden, die Reichspogromnacht am 9. November 1938 habe aber schon gezeigt, wohin der Weg ging.

„Wir leben in einer anderen Gesellschaft, haben andere Werte“, sagte Klassenlehrerin Ruth Heep.“ Dennoch stellt sich die Frage, was wird konkret getan?“ Eine Antwort lieferte das Stichwort Inklusion. „Ich habe leicht behinderte Freunde, die machen ganz normal im Unterricht mit“, stellte Leon Bärenfänger fest. Unvorstellbar sei daher die Vorstellung, dass in Hadamr Behinderte umgebracht wurden.

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Welche Farbe entsteht, wenn man Rot und Gelb mischt?: 

Weitere Artikel aus Limburg

Basketballmeister Marco Weiss (M.) mit seinen Teamkollegen Jesse Jelas (l.) und Leon Buhrke
Bad Camberg
|
Deutscher Meister und Vize-Meister

Bad Camberger Athleten sind ganz vorne mit dabei

Weitere Artikel aus Limburg

Mit dem Rettungshubschrauber wurde die schwer verletzte Frau abtransportiert.
Elz
|
Nach Beil-Attacke auf Mutter

Jugendlicher (14) wieder auf freiem Fuß

Rubrikenübersicht