10.11.2017 03:00 |

Vergessene Marmorplatte: Rudolf Laux hat ganz alleine den Rentzelstock restauriert

Villmar Vor 50 Jahren reifte in Rudolf Laux ein Wunsch, nun, mit 77, hat er ihn sich erfüllt: Er hat den sogenannten Rentzelstock restauriert – und damit die Schicksale von Menschen aus vier Jahrhunderten miteinander verbunden. Wir erzählen ihre Geschichte.

Rudolf Laux ist stolz auf sein Werk: Er hat einen neuen Standort für den Rentzelstock gefunden und das Erinnerungsmahl dort neu aufgebaut.
Rudolf Laux ist stolz auf sein Werk: Er hat einen neuen Standort für den Rentzelstock gefunden und das Erinnerungsmahl dort neu aufgebaut. Bild: Sarah Bernhard

Es ist eine kalte, stürmische Nacht, als sich Friedrich Rentz am 19. Januar 1735 auf den Weg macht. Er will von Oberbrechen nach Villmar, doch der 27-Jährige wird niemals dort ankommen: Er stirbt in der Nähe der Vogtei-Kapelle, erst einen Tag später wird seine Leiche gefunden. „Es wird geglaubt, dass er von „Erscheinungen“ erschreckt wurde“, wird im Katholischen Kirchenbuch der Gemeinde Oberbrechen notiert. „Erscheinungen“, so nennt man damals Naturphänomene.

Seine Familie errichtet ihm am Weg einen Bildstock. „Stehe Wandersmann, den Orth betracht, wo uns hinwirft des Todes Macht, erfahren ich, 1735, den 19. January, Friterich Rentz von Oberbrechen, im 27. Jahr des Alters. Mein Gott woll uns alle genädig seyn“, steht dort, in grauen Lahnmarmor geritzt. Von nun an werden alle Wanderer an dieser Stelle ihren Hut abnehmen, um dem Toten zu gedenken. Das Waldgebiet bekommt den Namen „Rentze-Stock“, später wird daraus „Rentzelstock“ werden.

In Hauswand gemauert

150 Jahre später. Endlich hat Steinmetz Eisenbach genügend Geld zusammen, um sich ein Haus zu bauen. Er ist bereits mitten im Bau, als er am Wegrand die Reste eines alten Bildstocks mit einer hübschen Tafel aus grauem Marmor findet. Er nimmt die Tafel mit und mauert sie in fünf Meter Höhe in die Außenwand seines neuen Hauses.

20 Jahre später. Steinmetz Eisenbach ist mittlerweile so erfolgreich, dass er nach Diez zieht und dort einen Steinmetzbetrieb eröffnet. Das Haus verkauft er an Jon Fluck, der einige Jahre in Amerika gelebt hat und deshalb „Amerikaner Fluck“ genannt wird. Es ist auch möglich, dass er die Marmortafel fand und einmauerte. Dann bliebe allerdings unklar, warum er das in fünf Metern Höhe tat.

Noch einmal 65 Jahre später. Der kleine Rudolf Laux sitzt mit seinem Vater auf dem Pferdefuhrwerk. Als sie an einem Haufen alter Steine in der Nähe der Vogtei-Kapelle vorbeikommen, nimmt sein Vater die Mütze ab. „Fousfall“ werden Bildstöcke damals genannt, also „Fußfall“. Es ist üblich, dass man vor ihnen knickst oder den Hut zieht. Auch der kleine Rudolf nimmt seine Mütze ab.

Weitere 17 Jahre später. Die Erkenntnis trifft Rudolf Laux wie der Blitz. Er steht auf einem Baugerüst in fünf Metern Höhe und starrt auf die Marmorplatte, die in die Außenwand seines Hauses in der Peter-Paul-Straße eingelassen ist. „Rentz“, denkt er sich, „den Namen kenne ich doch!“ Er denkt an das Waldstück östlich von Villmar und daran, dass auf dem Bildstock, von dem man zu dieser Zeit annimmt, dass er namensgebend war, der Name Katharina Mahlebrein steht.

Während er die kleine Tafel aus der Wand bricht, die in dieser Höhe bisher niemand lesen konnte, nimmt er sich vor, den wahren Rentzelstock wieder aufzubauen. Er klebt die zerbrochene Tafel zusammen, erforscht die Geschichte des unglücklichen Rentz, die seines Hauses – und wird dann vom Alltag eingeholt. Die restaurierte Marmortafel bringt er erst einmal an einem Nebengebäude an, nach einem Umzug verschwindet sie im Keller. Noch einmal 50 Jahre später. Rudolf Laux feiert seinen 77. Geburtstag. Er weiß: Wenn er stirbt, wird der Rentzelstock für immer aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden. „Ich dachte, wenn ich es jetzt nicht mache, mache ich es nie mehr“, sagt er. Also legt er los, streift durch das Gebiet, in dem er früher mit seinem Vater unterwegs war, und auf dem jetzt die Pferde des Marienstätter Hofs weiden. Irgendwann findet Laux die Reste des Fundaments. „Die liegen da wie damals“, sagt er.

Neuer Standort

Doch das Gelände ist in Privatbesitz. Also sucht er gemeinsam mit Bürgermeister, Bauamt und der Unteren Naturschutzbehörde einen neuen Standort aus: keine 200 Meter entfernt, wieder am Weg zur Vogtei-Kapelle gelegen. Mit einem Architekten fertigt er eine Bauzeichnung, schleppt Steine, Mörtel und Beton, mauert den Sockel, gießt eine Styroporschale mit Beton aus, so dass ein kleines, hohles Häuschen entsteht, in das er die Marmortafel einsetzt. In die Rückseite kommt ein Vogelhäuschen. Alles alleine, nur Hund Bobby ist immer dabei. Bemerkenswert findet er das nicht wirklich. „Jetzt hab’ ich Zeit, also habe ich mir den Wunsch erfüllt.“

Mitte September dieses Jahres, 50 Jahre, nachdem die Marmorplatte wieder zum Vorschein kam, ist Rudolf Laux nun fertig. „Ich freue mich, dass mir das noch gelungen ist, das ist doch ein Schmuckstück“, sagt er. Ab und zu geht er jetzt mit Bobby am Bildstock vorbei spazieren. Und manchmal denkt er dabei an Friedrich Rentz, der hier in einer kalten Winternacht vor 282 Jahren starb.

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