13.09.2017 03:30 | Holger Vonhof

Experten-Diksussion über Volkskrankheit der Deutschen: 13. Kamingespräch in Höchst: „Ich habe Rücken“ – und dann?

Höchst 85 Prozent der Deutschen leiden unter Rückenschmerzen, viele von ihnen dauerhaft. Die Fallzahlen an Rückenerkrankungen werden drastisch steigen, auch bei Jüngeren. Über das Thema Rücken diskutierten Experten beim 13. Höchster Kamingespräch.

Höchster Kamingespräche
Thema Rückenschmerzen 
Hotel Lindner 
im Podium von links nach rechts

Dr. med. Stephan Mildenberger, Oberarzt der Klinik für Orthopädie, Klinikum Frankfurt Höchst.
Priv. Doz. Dr. med. Martin Barth, stellv. Klinikdirektor Neurochirurgische Universitätsklinik Bochum.
Priv. Doz. Dr. med. Michael Grube, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie – Psychosomatik, Klinikum Frankfurt Höchs
Durch den Abend führt der freie Rundfunkjournalist Klaus Reichert.
  Prof. Dr. med. Wolfgang Daecke, Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Klinikum Frankfurt Höchst.
  t.
Dr. med. Franziska Gladisch, Schmerzzentrum Taunus, Königstein.
Auf dem Podium im Lindner Congress Hotel diskutierten (von links) Dr. Stephan Mildenberger, Prof. Dr. Martin Barth, Dr. Michael Grube, Moderator Klaus Reichert, Prof. Wolfgang Daecke und Dr. Franziska Gladisch. Bild: Maik Reuß

„Ich habe Rücken“ – der von Hape Kerkelings Kunstfigur Horst Schlämmer geprägte Satz ist längst so etwas wie ein geflügeltes Wort geworden. Immer mehr Menschen klagen über Rückenprobleme. Rund 85 Prozent aller deutschen haben oder hatten es mit dem Rücken zu tun; 18 Prozent aller Frühberentungen gehen auf Rückenprobleme zurück und 15 Prozent aller Krankheitstage in deutschen Firmen, Betrieben und Amtsstuben.

<span></span> Foto: Maik Reuß

Doch neue Therapie-Optionen für die gleiche Erkrankung und immer mehr Wissen über die Ursachen treiben die interdisziplinäre medizinische Versorgung weiter voran. Grund genug, für dieses Thema zum 13. Höchster Kamingespräch Experten verschiedener Fachrichtungen aufs Podium zu bitten. Es diskutierten:

  Dr. med. Franziska Gladisch vom Schmerzzentrum Taunus, Königstein.

  Prof. Dr. med. Wolfgang Daecke, Chefarzt der Klinik für Orthopädie am Klinikum Höchst.

  Priv. Doz. Dr. med. Michael Grube, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie – Psychosomatik am Klinikum Höchst.

  Priv. Doz. Dr. med. Martin Barth, stellv. Klinikdirektor Neurochirurgische Universitätsklinik Bochum und ab 1. Oktober neuer Chefarzt der Neurochirurgie in Höchst.

  Dr. med. Stephan Mildenberger, Oberarzt der Klinik für Orthopädie am Klinikum Höchst.

Das Gespräch moderierte Klaus Reichert, freier Radiomoderator und gebürtiger Höchster. Und Reichert konnte aus eigener Erfahrung berichten, zwackte es den Zwei-Meter-Mann doch unlängst selbst im Rücken. Doch wen trifft es am ehesten? Die besonders Großen, die einen langen Rücken haben, oder die Stämmigen, die vielleicht ein paar Kilo zu viel herumtragen? „Es sind nicht nur die kräftigen Patienten, bei denen man denkt, dass sie mehr Bandscheibenvorfälle haben – es sind oft die schlanken“, berichtete Prof. Daecke. Doch müsse nicht jeder Rückenschmerz gleich ein Bandscheibenvorfall sein. Oft sei eine interdisziplinäre Diagnostik notwendig, um die Ursache der Schmerzen zu ergründen. Denn: Dinge, die uns „belasten“, wirken sich auch auf den Rücken aus; die seelische Last kann genau so schwer wiegen wie die Säcke, die etwa ein körperlich schwer arbeitender Mensch herumwuchten muss.

Beste Therapie finden

Das Wirbelsäulenzentrum im Klinikum Höchst ist ein hoch spezialisiertes Kompetenzzentrum, in dem ein Expertenteam gemeinsam über die individuell beste Therapieoption entscheidet. Die Idee dieser Versorgungsform basiert auf einer stärkeren Vernetzung der verschiedenen Fachdisziplinen, um die Qualität der Versorgung zu verbessern. Und das mit Erfolg: Psychotherapeut Dr. Grube berichtete von einer Patientin, deren chronischer Rückenschmerz nicht erklärbar war. Doch die Frau hatte ihre Tochter und ihren Mann durch schwere Krankheiten verloren und war selbst an Brustkrebs erkrankt. Dort, so Grube, musste angesetzt werden: „Erst als die Trauer möglich wurde, als die Tränen flossen, wurden auch die Rückenschmerzen besser.“

Oft wollten sich Patienten nicht eingestehen, dass psychische Probleme der Grund für Rückenschmerzen sein könnten, berichtete auch Dr. Franziska Gladisch vom Schmerzzentrum Taunus: „Viele Menschen klammern ihre Seele aus, weil sie denken, sonst kommt gleich einer mit der Zwangsjacke. Ich höre immer den Satz ,Ich hab’ aber keinen an der Klatsche‘.“ Man müsse jedoch Körper und Seele behandeln. In 80 Prozent aller Fälle, so Daecke, sei es „ein Wechselspiel von Körper und Geist“.

Ein Grund für die massive Zunahme von Rückenproblemen seien auch die Veränderungen in der Arbeitswelt: „Viele arbeiten mittlerweile am PC, bewegen sich zu wenig“, so Gladisch. Der Bandscheibenvorfall, darin stimmten die Ärzte überein, sei in den wenigsten Fällen die Ursache; am häufigsten handele es sich um einen harmlosen Schmerz, der zum Beispiel auf muskuläre Ursachen zurückzuführen sei. „Manchmal, wenn ich ein bisschen Rücken habe, sage ich mir: Dann geh’ lieber nicht zum Fußball spielen“, erzählte Moderator Reichert, „und manchmal gehe ich doch, und es wird nicht schlechter, sondern besser.“

Es müsse nicht immer gleich operiert werden, so Daecke. Doch dafür bedürfe es der entsprechenden Expertise: „Wenn der Operateur auch über Handwerkszeug verfügt, das eine Nicht-OP inkludiert, wägt er ab. Hat er aber nur sein Messer in der Hand, ist die Entscheidung leicht.“ Der Neurochirurg Barth, der in einigen Tagen die Nachfolge von Prof. Hans-Georg Höllerhage am Klinikum Höchst antreten wird, setzt auf die interdisziplinäre Herangehensweise: „Vier Augen sehen mehr als zwei.“ Manchmal sei der – in diesem Falle eher zufällige – Befund des Radiologen nicht entscheidend: „Viele haben etwas am Rücken, ohne überhaupt je etwas davon zu bemerken.“ Ohne Schmerz keine OP.

Immer mehr Operationen

Der drastische Anstieg der Rücken-Operationen sei auch dem immer höheren Alter der Patienten geschuldet – und der oft weniger guten Versorgungslage auf dem Land, wo aufgrund fehlender Zweit-Meinungen häufiger operiert werde, sagte Barth. Oft würden Physiotherapie, klassische Rückenschule, Schwimmen oder auch der Gang ins Fitnessstudio helfen.

Dauert der Schmerz ein halbes Jahr lang an, ist er chronisch. Dann helfe es nicht, sich in Schonhaltung zu bewegen. „Das macht es nur noch schlimmer“, bekräftigte Gladisch. Und Barth empfahl: „Nach Monaten klassischer Therapie sollte man auf ein bildgebendes Verfahren pochen.“ Grundsätzlich, das betonten alle Mediziner, sei zu mehr Bewegung zu raten, und das nicht nur bei körperlich bedingten Rückenschmerzen: „Man kann aufgestaute Energie wie Wut oder Trauer über Bewegung ableiten“, empfahl Grube. Und Kollege Daecke konstatierte: „Die wichtigste Prävention ist die Bewegung, die einem Spaß macht.“

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