Am Haingraben

Die Straße der Schmuckkästchen

Von Frank Weiner
Johann Gerbig, Eberhard Merkel und Uwe Kröger (von links) vor den Häusern Haingraben 3 und 5, die aufwendig saniert wurden.
FNP

Aktuell ist Liederbach das Mekka für Freunde historischer Bauten. Das liegt daran, dass der Förderkreis Denkmalpflege im Rathaus hier eine Ausstellung mit prämierten Projekten im Main-Taunus-Kreis präsentiert. Zum anderen auch daran, dass es eine schmucke Straße mit vielen Vorzeigeprojekten gibt – den Haingraben. Und zwei dieser Projekte sind auch auf den 26 Schautafeln verewigt.

Scheune wird Wohnhaus

Ein Trio kann dazu profunde Auskunft geben – Johann Gerbig, Uwe Kröger und Eberhard Merkel. Sie sind nicht nur Nachbarn am Haingraben, sie haben auch ein Faible für die Sanierung alter Häuser. Allen voran Gerbig, der aktuell an der Straße schon sein viertes Projekt, eine alte Scheune, in Angriff nimmt. 1980 fing das bei ihm an. Das Anwesen des Großonkels, Hausnummer 3, früher wie fast alle Höfe hier landwirtschaftlich genutzt, baute er um. Ein Wohnhaus in der alten Scheune – das war damals schon etwas Besonderes. Und Gerbig durchaus ein Pionier mit solchen Sanierungen, denn erst 1980 wurde der Verein Förderkreis Denkmalpflege im Kreis ins Leben gerufen (siehe Text rechts). Fünf Jahre lief Projekt eins, 2003 ging der Liederbacher die Sanierung des Bauernhauses an. Heute kann er sagen: „Der Zufriedenheitsgrad ist ganz hoch.“ Es sei nicht nur angenehm, in diesen Häusern zu wohnen, es könne sich auch lohnen, eine Sanierung mit dem Denkmalschutz anzugehen – vor allem steuerlich. „Es ist erst mal mühsam“, sagt Gerbig. „Man bekommt in sein Eigentum reingeredet“, weiß Merkel, der als Architekt für seinen Nachbarn fungierte.

Denn der Hofheimer hatte damals das alte Schäferhaus gleich nebenan entdeckt. „Das war total verputzt mit schweren Schäden“, sagt Merkel. Eine Wand sei „fast eingebrochen“, ein Deckenbalken habe auf dem Küchenschrank gelegen. „Ich habe mich erst erschreckt und dann verliebt.“ 1984 erwarb Merkel das Haus mit dem früheren Bollesje, der Arrestzelle, machte viel selbst und zog drei Jahre später ein. Auch Merkel kann nur zu solchen Vorhaben raten – er war in seinem Büro darauf spezialisiert, hat die Ostzeile am Frankfurter Römerberg saniert und ist nun in Ruhestand.

Motiviert von den Initiativen seiner Nachbarn, legte Uwe Kröger 2008 mit dem Umbau im Vorderhaus Haingraben 5 los. Die sanierte alte Scheune dahinter hatte er bereits gekauft. Kröger weiß: „Es hilft einem nicht, in den nächsten Baumarkt zu gehen.“ Wichtig seien ein guter Architekt, der eine Bestandsaufnahme mache, und ein enger Kontakt zum Denkmalschutz, auch wenn es da Hemmschwellen gebe. „Man spart sich aber eine Reihe von Enttäuschungen“, sagt Kröger.

Ein Markt entwickelt

Die drei Bauherrn wissen aber: Vieles ist inzwischen leichter, während es in den 80er Jahren den Markt kaum gab. „Baumaterialien gab es nicht zu kaufen“, sagt Merkel. Er habe in Deutschland Ziegeleien angeschrieben, um Biberschwanz-Ziegel zu bekommen. Gerbig holte sich den notwendigen Lehm aus der Baugrube, heute gibt es längst passende Steine und andere Materialien. Als er mal in den Lehmputz kleine Strohelemente einzog, erlebte Gerbig ein blaues Wunder: Der Weizen keimte und wucherte aus der fertigen Wand. „Richtig gelacht habe ich nicht“, sagt er. Zufrieden sind die drei aber mit ihren Ergebnissen am Haingraben. Der vordere Teil ist auf der einen Seite historisch. Er steht unter Ensembleschutz, einige Einzelbauten direkt unter Denkmalschutz. An anderen Stellen seien damals die Gebäude abgerissen worden, bedauern sie. Gerbig wünscht sich mehr Bewusstsein für solche Sanierungen in Liederbach. Es gebe im Ort viele Möglichkeiten, weiß Merkel und muss nur den alten Ortskern von Oberliederbach nennen.

Burg, Forsthaus, Villen

Vielleicht motiviert ja die Ausstellung Interessenten zu neuen Vorhaben. In der Schau sind die Projekte von Gerbig und Kröger mittendrin, zudem einige andere besondere Bauten im Main-Taunus-Kreis. Sie alle haben vom Förderkreis Denkmalpflege die Ehrenplakette bekommen – zuletzt 2016 die Villa Stosch in Bad Soden. Mit dabei sind unter anderem noch die Eppsteiner Burg, das alte Forsthaus Hofheim, der Alte Wasserspeicher Neuenhain, das Herrenhaus in Sulzbach, der „Pflasterschisser“ in Eppstein von 1459 (das älteste Haus im Kreis) und die Villen Rothschild und Rheingold in Bad Soden.

Bis 26. September geöffnet

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. September im Rathaus, Villebon-Platz, zu sehen – montags, dienstags und freitags von 8 bis 12 Uhr, mittwochs von 9 bis 12 und 15 bis 19 Uhr.

(wein)

Frank Weiner