10.11.2017 03:30 | Juliane Schneider

Landgericht: „Eine solche Tat war nicht zu erwarten“

Frankfurt / Kriftel Der Prozess um den Tod der 41 Jahre alten Silke Thielsch wurde gestern am Landgericht fortgesetzt. Drei Gutachter erläuterten die Schwere der Verletzungen des Opfers, gaben Einblicke in die Psyche des 27 Jahre alten Angeklagten und erläuterten, ob der Angeklagte eher hätte bemerken müssen, dass Silke Thielsch von seinem Auto mitgeschleift wurde. Dennoch blieben viele Fragen offen.

Eine Gedenktafel mit der Aufschrift „Silke Thielsch – 1973 - 2015“ erinnert an die Betreuerin der TuS Kriftel an der Stelle, an der der Angeklagte sein Auto stoppte.
Eine Gedenktafel mit der Aufschrift „Silke Thielsch – 1973 - 2015“ erinnert an die Betreuerin der TuS Kriftel an der Stelle, an der der Angeklagte sein Auto stoppte. Bild: Knapp

Gutachter brachten gestern vor dem Frankfurter Landgericht etwas Licht in den schrecklichen Unfall in Kriftel, bei dem vor zwei Jahren die Kriftelerin Silke Thielsch am Zebrastreifen aus den Armen ihres Freundes entrissen und 437 Meter unter dem Auto mitgeschleift worden war. Am Steuer des Autos saß ein heute 27 Jahre alter Student.

Todesursache sei Ersticken durch Kompression des Brustkorbs gewesen, erklärte Gerichtsmedizinerin Dr. Constanze Niess. Man wisse dabei nicht, wie sich im Überlebensfall die schweren Schürfwunden am Rücken ausgewirkt hätten, mit dem sie über den Asphalt gezogen worden war. Auch die Hitze des Fahrzeugbodens habe Spuren hinterlassen. Dazu kommen die Verletzungen des unter dem Radkasten eingeklemmten Beins.

Auf der Suche nach Gründen für die unbegreifliche Tat, konnte der psychiatrische Gutachter keine eindeutigen Antworten geben. Fest steht für den Experten nach Gesprächen und Tests, dass der 27-jährige Student mit hohem Intelligenzquotient, der den Wagen gefahren hat und der inzwischen wieder im Rüsselsheimer Elternhaus lebt, keine psychiatrischen Auffälligkeiten aufweist. „Eine solche Straftat war nicht von ihm zu erwarten.“ Man könne nur von kleinen Akzentuierungen sprechen hin zu einer leicht kränkbaren Persönlichkeit. Auch die Alkoholisierung in Kombination mit dem von ihm und Zeugen geschilderten Verhalten lasse von keiner erheblich verminderten Schuldfähigkeit sprechen. „Er wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass man nicht einfach Leute auf dem Zebrastreifen umfährt.“ Ausschließen könne er, dass der Angeklagte aus eventueller Eifersucht auf ein küssendes Paar drauflosgefahren sei, wie im Vorfeld schon mal vermutet worden sei. Er selbst habe im Gespräch auch gesagt, dass er eher verwundert gewesen sei über das Verhalten der beiden.

In Anbetracht seiner leicht kränkbaren Persönlichkeitsstruktur konnte sich der Gutachter eher vorstellen, dass der Mann verärgert war über die als „Stopp“ gedeutete Handbewegung des Freundes, der ihm damit aber nur klarmachen wollte, dass er vorbeifahren könne. Auch dass er die Aufforderungen der beiden Freunde im Auto, doch anzuhalten, erst ignoriert habe, passe dazu, dass er Dinge leicht als gegen sich gerichtet wahrnehme. Es könne vieles sein, bis hin zu dem Gedanken: „Da hat’s geruckelt, ich habe jemanden wehgetan, schnell weg.“ Das müsse er der juristischen Bewertung überlassen.

Bilder aus der Unfallnacht hatte der technische Gutachter mitgebracht: Nieten und Daunen der Jacke, die sich über eine lange Strecke verteilen. Den Wegbegleitern von Silke Thielsch, die von Beginn an mit Anteilnahme dem Prozess lauschten, lieferte er Erklärungen, wie es möglich sein kann, dass jemand in Sekundenschnelle unter einem Auto verschwindet. „Sie war einfach weg“, dem so oft geäußerten Satz der Zeugen ist er nachgegangen, zeigte mit einer Simulation, wie eine Person innerhalb von weniger als einer Sekunde – je nach Geschwindigkeit – unters Fahrzeug gezogen wird, wenn die Beine durch Anschub abknicken.

Ein Bein habe sich nach Überrollen wohl durch den Stoff der Hose in verhängnisvoller Weise am Rad verhakt. Was der Fahrer von alledem habe merken können, konnte auch er nur bedingt beantworten. Durch die Zugkraft des 279-PS-starken Fahrzeugs und die – bei Wagen der Oberklasse – komfortablere Abkapselung des Unterbodens habe er das Mitschleifen und Bewegungen am Unterboden nicht zwangsläufig wahrnehmen müssen.

Auf Erfahrungswerte könne er hier allerdings nicht zurückgreifen, sagte der Gutachter deutlich. Auch Kollegen aller von ihm befragten Dekra-Stellen mit 400 Mitarbeitern sei ein so gearteter Unfall nicht bekannt. Er denke, dass vor allem bei den Lenkbewegungen einem aufmerksamen Fahrer das zwischen Rad und Radkasten eingeklemmte Bein habe auffallen müssen. Vor allem nach dem, was im Kreisel vorgefallen war und dem vom Angeklagten selbst bestätigten Ruckeln.

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