Virtueller Streifzeug

Heimatforscher Bernhard Thomas erstellt historisches Computermodell der Altstadt

Von Manfred Becht
Heimatforschung im digitalen Zeitalter: Bernhard Thomas hat am PC ein virtuelles Modell entwickelt, das einen Eindruck davon vermittelt, wie die Flörsheimer Altstadt im Jahr 1656 ausgesehen hat. Foto; Hans Nietner
Hans Nietner/FNP

Flörsheim im Jahre 1656. Das klingt wie der Anfang eines historischen Romans, aber ein solcher folgt hier nicht. Wer aber einen solchen schreiben will, der sollte sich an Bernhard Thomas wenden. Der gehört dem Historischen Arbeitskreis Flörsheim an und hat am Computer ein dreidimensionales Modell der Altstadt im Jahre 1656 erarbeitet.

Das wäre ein gutes Hilfsmittel, würde man eine Romanhandlung authentisch in der Altstadt spielen lassen wollen. Man kann aus der Fußgängerperspektive durch die Gassen gehen, man kann sich auch aus der Luft ein Bild von den Straßen und Häusern machen. Man stößt auf allerlei Details, vom Wassereimer bis zum Leiterwagen, vom Weinfass bis zum Gemüsebeet. Alles ist umschlossen von der Stadtmauer mit ihren Wehrtürmen.

Seit Generationen

Bernhard Thomas hat nicht zufällig ein Modell ausgerechnet der Flörsheimer Altstadt gemacht. Seine Familie lebte über viele Generationen in Flörsheim, und er fühlt sich der Stadt noch verbunden, auch wenn er jetzt in Rüsselsheim wohnt. Der erste Schritt war, sich aus einzelnen Komponenten einen Computer zusammenzubauen, der diese Animation überhaupt schafft.

„Die Rechenleistung, die man braucht, ist enorm“, sagt er. Aus drei Millionen einzelnen Flächen besteht die Animation, schildert Thomas den Umfang des Projekts. Das ist gar nicht so viel, wenn man sich klar macht, dass jedes Blatt an jedem der Bäume eine eigene Fläche ist. Klar, dass der Rechner einen Moment braucht, um nach jeder Drehung des Modells die einzelnen Flächen wieder auszubilden.

Deshalb hat Thomas auch darauf verzichtet, auch noch den Schattenwurf aller Objekte anzeigen zu lassen. Dies würde noch einmal eine erheblich höhere Rechenleistung notwendig machen. Die riesige Datenmenge macht es auch unmöglich, die Animation auf die Internetseite des Arbeitskreises einzustellen. Immerhin kann man sich dort – unter der Adresse www.flörsheim-1656.de – durch viele Abbildungen einen guten Eindruck verschaffen.

Warum das Jahr 1656?

Warum nun ausgerechnet das Jahr 1656 ausgesucht wurde? Aus diesem Jahr stammt das älteste Grundbuch der Gemeinde, das zu dieser Zeit noch Stockbuch genannt wurde. Daraus konnten sämtliche Gebäudegrundrisse rekonstruiert werden, unter Zuhilfenahme natürlich späterer Stadtpläne, aber auch noch bestehender Gebäude. „Wenn man einen Grundriss gemacht hat, dann möchte man irgendwann auch ein dreidimensionales Modell haben“, war die Animation dann für Thomas der nächste folgende Schritt.

Aber wie kommt man vom Grundriss der Häuser zu einer dreidimensionalen Vorstellung? Über 90 Inventarlisten aus der Zeit nach 1656 hat Thomas ausgewertet – damals war es üblich, bei Kauf oder Erbschaft ganz genaue Listen anzufertigen, bis zu jedem Nagel und jedem Messer. Aus diesen Listen kann man schon erkennen, ob es sich um ein Haus ärmerer oder reicherer Leute handelt, und vieles andere mehr. „Man gewinnt schon eine ziemlich genaue Vorstellung, wie die Häuser aussahen“, sagt Thomas.

Drei Monate hat er für das virtuelle Modell gebraucht. Viel anderes habe er in der Zeit nicht gemacht, räumt er ein. Zuletzt hat er viele Stunden mit virtuellen Spaziergängen durch das historische Flörsheim verbracht. Immer wieder gibt es noch Fehler zu finden, und die sollen alle verschwinden. Inzwischen ist er fast fertig damit.

Kein sichtbarerer Verfall

Und was stört den Betrachter instinktiv, wenn er das Modell betrachtet? Alle Häuser sehen aus, als seine sie gerade saniert worden, es gibt keinen Verfall. So etwas lasse sich aus den Unterlagen nicht herauslesen, sagt Bernhard Thomas. Spekulieren aber will er nicht, und so ist das Modell in diesem Punkt idealisiert.

Ob nun ein solches Modell für einen anderen historischen Zeitpunkt ansteht? Dazu gebe es nicht genügend Informationen, winkt Thomas ab. Zumal der Heimatforscher sich auch wider anderen Themen zuwenden wollen. Zurzeit beschäftigt er sich mit der Geschichte der vier Flörsheimer Mühlen. Ob das Thema der virtuellen Altstadt aber tatsächlich ganz abgeschlossen ist, bleibt noch offen.

Manfred Becht