10.11.2017 03:30 |

Reichspogromnacht: Als die Synagogen brannten

KREIS GROß-GERAU Die Reichspogromnacht liegt 79 Jahre zurück. Dass ihnen das Erinnern an die Verbrechen von damals noch immer wichtig ist, haben viele Menschen am Donnerstagabend bewiesen.

Am Gedenkstein für die ehemalige Synagoge in der Adolf-Göbel-Straße schilderten Schüler der Oberstufe des Prälat-Diehl-Gymnasiums bei der Gedenkfeier am Donnerstagabend, wie die Synagogen im Starkenburger Raum brannten.
Am Gedenkstein für die ehemalige Synagoge in der Adolf-Göbel-Straße schilderten Schüler der Oberstufe des Prälat-Diehl-Gymnasiums bei der Gedenkfeier am Donnerstagabend, wie die Synagogen im Starkenburger Raum brannten.

Es war neblig und kalt. Trotzdem waren am Donnerstagabend 300 Menschen in Groß-Gerau dabei: Nach einem Schweigemarsch durch die Darmstädter und Frankfurter Straße wurde vor dem Denkmal für die ehemalige Synagoge an die Reichspogromnacht 1938 erinnert, in der das Unrecht an der jüdischen Bevölkerung einen vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Der Pfarrer für Ökumene im Dekanat, Jürgen Prawitz, zitierte den Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, erinnerte daran, dass 79 Jahre vergangen seien, seitdem die Synagogen brannten. Gleichwohl dürfe dem vergessen kein Ende gesetzt werden.

Die Oberstufenschüler des Prälat-Diehl-Gymnasiums, die sich engagiert der Erforschung des Nazi-Unrechtes widmen, schilderten dann eindringlich, wie die Meldungen über die Zerstörung der Synagogen im Starkenburger Land beim Gauleiter eingingen.

Von der Bergstraße über den Odenwald und Darmstadt bis Groß-Gerau brannten in jener unheilvollen Nacht 35 Synagogen, oder die Inneneinrichtung der Gotteshäuser wurde zertrümmert.

Weil die Feuerwehren keine Hand rührten, um die von der SA angezündeten Synagogen zu löschen, brannten viele noch am nächsten Tag, auch die in Groß-Gerau. Damit aber nicht genug: Dekanin Birgitt Schlegel erinnerte daran, dass an diesem Tag auch der Genozid gegen die jüdischen Mitbürger begann. „Zuerst verloren sie ihre Würde, dann ihre Rechte und schließlich auch ihr Leben,“ sagte sie,.

Konzert in Bischofsheim

Die Tatsache, dass der Geist aus dieser Zeit noch immer wach sei, müsse erschrecken. Birgit Schlegel ging dabei auf das neue Erstarken von Nationalismus und rechtem Gedankengut in Europa ein. Auch in Deutschland erfahre völkisches Denken wieder eine Auferstehung. Dahinter verberge sich aber nichts anderes als neuer Hass und Ausgrenzung.

Eine etwas andere Art des Gedenkens gab es im Bischofsheimer Heimatmuseum. Dort gab der jüdische Musiker Daniel Kempin ein Konzert zum Besten, dass die etwa 30 Gäste mitnahm auf eine Reise durch die jüdische Geschichte.

Die Lieder sang Kempin auf jiddisch und hebräisch, dazu spielte er virtuos Gitarre. „Wenn Sie etwas verstehen, ist es jiddisch“, spielte Kempin humorvoll auf die deutschen Elemente der Sprache an. Kempins Texte handeln von Exil und Integration, behandelt werden unter anderem die Unterdrückung der Juden im russischen Zarenreich und der Genozid an ihnen im Nationalsozialismus.

Trotz der ernsten Themen und des mit einer dunklen Geschichte behafteten Datums, gelang es Kempin, beim Publikum Begeisterung für seine Musik hervorzurufen. Da wurde sowohl mitgeklatscht als auch mitgesungen, etwa als Bürgermeister Ingo Kalweit (CDU) und eine Konzertbesucherin ein Plakat mit jiddischem Text hoch hielten, an dessen Aussprache sich die Gäste dann wagten.

Zuvor hatte die Landtagsabgeordnete Sabine Bächle-Scholz eine Rede gehalten, in der sie das Gedenken am 9. November vehement verteidigte. Damals erlitt auch die Synagoge in der Frankfurter Straße schwere Schäden. 57 Menschen jüdischen Glaubens wurden damals aus Bischofsheim vertrieben. In jedem Jahr werde sie gefragt, so Bächle-Scholz, ob das Gedenken heute noch nötig sei. „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“, antwortete Bächle-Scholz am Donnerstagabend mit einem Zitat des US-Amerikanischen Philosophen und Schriftstellers George Santayana. Gerade in der heutigen Zeit, wo rechtes Gedankengut wieder aufkomme, sei das aktuell.

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