10.11.2017 03:30 | Sven Westbrock

Kaffee-Fahrt: Bei Einstieg droht Betrug

KREIS GROSS-GERAU Hatten Sie auch eine Einladung im Briefkasten? Zu einer „Ausflugsfahrt in eines der schönsten Naherholungsgebiete Deutschlands“? Hier lesen Sie, warum Sie Kaffee-Fahrten besser meiden sollten.

Kaffeefahrt
Kaffeefahrt

Als er den Brief öffnete, staunte Jiyan Akgül nicht schlecht. Eine „Ausflugsfahrt in eines der schönsten Naherholungsgebiete Deutschlands“ soll er gewonnen haben. Dem Schreiben zufolge beginnt die angeblich kostenlose Fahrt am Mittwoch, 22. November, um 7.55 Uhr am Flörsheimer S-Bahnhof, anschließend werden an den Bahnhöfen in Rüsselsheim, Ginsheim, Bischofsheim und Hochheim weitere Teilnehmer eingesammelt. Wo genau es danach hingeht, bleibt unerwähnt. Als Veranstalter der Reise wird lediglich eine „Reservierungs-Zentrale“ mit einem Postfach in Bremen genannt. Wer sich dahinter verbirgt, bleibt unklar.

 

Einladung zur Kaffee-Fahrt im Briefkasten: Der Student Jiyan Akgül.
Einladung zur Kaffee-Fahrt im Briefkasten: Der Student Jiyan Akgül.

Dafür ist in dem Brief die Rede von einem ersten Preis, der auf der Fahrt ausbezahlt werde. Ein Präsentkorb, ein Werkzeugset und kostenlose Verpflegung werden den Teilnehmern der Fahrt ebenfalls versprochen. „Ich musste erst lachen, weil das unseriös klingt“, erzählt Akgül, der in Rüsselsheim lebt und in Darmstadt Informatik studiert. Bald sei ihm aber klar geworden, dass manche Menschen, zum Beispiel Senioren, den Schwindel möglicherweise nicht durchschauen. Deshalb habe er sich an die Zeitung gewandt.

Warnung aus Nordhessen

Das Geschäftsmodell solcher umgangssprachlich als „Kaffee- Fahrt“ bezeichneten Reisen ist oft dubios. Meist werden die Teilnehmer mit Preisen gelockt oder mit vermeintlich hochwertigen Waren, die ihnen bei der Fahrt zu einem angeblich günstigen Preis angeboten werden.

Die Anbieter der „Ausflugsfahrt in eines der schönsten Naherholungsgebiete Deutschlands“ sind bereits im nordhessischen Lahn-Dill-Kreis aufgefallen. Der dortige Kreisausschuss hat eigens eine dreiseitige Warnung ob des zweifelhaften Angebots herausgegeben. Die von den Veranstaltern gemachten Versprechungen seien ein untrügliches Zeichen für eine unseriöse Kaffeefahrt, an deren Ende es „die Gewinne niemals gibt, aber Abzocke immer erfolgt“. Das Bremer Postfach sei als unseriös bekannt. In den Jahren 2015 und 2016 seien damit eine ganze Reihe ähnlicher „Gewinnmitteilungen“ versehen worden.

Dem Juristen Peter Lassek zufolge ist es extrem schwierig, die Veranstalter solcher Fahrten ausfindig zu machen. „Eigentlich nahezu unmöglich“, meint der Jurist, der als Referent für Rechtsfragen bei der Verbraucherzentrale tätig ist. Sein Rat: Wer auf eine Kaffee-Fahrt aufmerksam wird, soll am besten die Polizei informieren. Auch, weil bei solchen Veranstaltungen oftmals Druck ausgeübt werde, dort angebotene Produkte zu kaufen. „Geschultes Personal drängt die Teilnehmer dazu“, berichtet Lassek. Dabei seien die Waren oft überteuert und die Qualität gering.

Teilnehmer eingesperrt

Die Polizei rät dringend von der Teilnahme an Kaffee-Fahrten ab. „Die Leute werden da übervorteilt“, sagt Bernd Hochstädter von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Südhessen. Aus Nordrhein-Westfalen seien sogar Fälle bekannt, bei denen die Teilnehmer in einem Verkaufsraum eingesperrt wurden. „Das fällt dann definitiv in den strafrechtlichen relevanten Bereich“, betont er.

Mitunter werden bei Kaffee-Fahrten nicht nur die Teilnehmer übers Ohr gehauen, sondern auch die Menschen, die mit den Veranstaltern zusammenarbeiten. „Ich sollte eine fotorealistische Kaffeemaschine zeichnen, die als Mitfahrprämie herhalten sollte. Ausgegeben wurden jedoch nur diese Handpresskannen mit Stahlfilter. Bezahlt wurde meine Arbeit nicht“, berichtet der Rüsselsheimer Künstler Pierre Dietz. Ein Druckhaus sei damals von einem Veranstalter in den Ruin getrieben worden, als es für diesen Werbekarten druckte. „Dieser Mann wusste, dass er betrügt und hat darin kein Unrecht gesehen. Seiner Meinung nach wollen die Menschen betrogen werden“, blickt Dietz zurück.

Der Informatikstudent Jiyan Akgül wundert sich indes noch immer, wie der Brief mit der Einladung zur Kaffee-Fahrt in seinem Briefkasten gelandet ist. „Vielleicht haben sie meine Adresse aus dem Gewerberegister. Vor einigen Jahren habe ich mal eine Firma angemeldet“, erzählt er. Davor, bei der Fahrt mitzumachen, warnt der junge Mann auch deshalb so eindringlich, weil mehrere Mitglieder seiner Familie schon auf dubiose Gewinnspiele hereingefallen sind. Indem er jetzt vor der Kaffee-Fahrt warnt, will er andere davor bewahren, zum Betrugsopfer zu werden.

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