08.11.2017 03:30 |

Ein Zeitzeuge erinnert sich an das Kriegsende

RAUNHEIM Der Vorsitzende des Heimatvereins Erich Schick erlebte den Zweiten Weltkrieg als Kind. Er erinnert regelmäßig am Stammtisch des Vereins an prägnante Daten. Die Kriegsereignisse Anfang November 1944 und das Kriegsende waren jüngst Gesprächsthema. Auch Zeitzeuge Berthold Schneider erinnert sich.

Zeitzeuge Berthold Schneider Bilder >
Zeitzeuge Berthold Schneider Bild: Rüdiger Koslowski

Am Vormittag des 5. Novembers 1944, der auf einen Sonntag fiel, näherten sich Bomber der US-amerikanischen Luftstreitkräfte der Stadt. Ein starker Verband nahm direkt Kurs auf Raunheim. Die Flugabwehrkanone am damaligen Beinepfad, dort wo sich heute die Pestalozzischule befindet, nahm die Bomber unter Beschuss. Die Flugzeuggruppe wurde unter dem Abwehrfeuer auseinandergerissen und warf Bomben über der gesamten Stadt ab.

Der Angriff forderte glücklicherweise nur zwei Menschenleben. Unter ihnen der NS-Bürgermeister Heinrich Schürmann, er wurde im NSDAP-Parteiheim in der Odenwaldstraße / Ecke Wilhelminenstraße schwer verletzt und verstarb später in einem Mainzer Krankenhaus, berichtet Heimatvereinsvorsitzender Erich Schick. Bei ihm befand sich Kassenverwalter Wilhelm Müller, der ebenfalls starb.

Einen Tag später ereignete sich ein Unglück beim Entschärfen eines Blindgängers auf dem Betriebsgelände der Pomosin-Werke. Dabei kamen 15 Menschen ums Leben. Ein Stück des Blindgängers ist erhalten geblieben. Bei der Umbettung des zu Tode gekommenen belgischen Fremdarbeiters Daniel Delporte wurde nach Ende des Krieges ein Bombensplitter in seinem Sarg gefunden, erzählt Schick.

Absturz über dem Main

Auch der 30. November 1944 ging in die Geschichte des Dorfes ein. An diesem Tag stürzte ein brennendes US-Jagdflugzeug ab. Der Pilot konnte sich mit dem Fallschirm retten, er landete im Main. Ein holländischer Binnenschifffahrtskapitän brachte ihn an das Raunheimer Ufer, wo eine aufgebrachte Menschenmenge wartete. Der Kapitän übergab den Piloten dem sich im Urlaub befindenden Major Heinrich Press. Die Bevölkerung hätte ihn wohl gelyncht, so Schick.

Die Raunheimer erlebten ihr Kriegsende am 26. März 1945. Die US-Armee marschierte ohne Widerstand in das Dorf ein, in dem rund 3000 Menschen lebten. Schick erlebte das Kriegsende als fünfjähriger Bub. Die amerikanischen Soldaten verbrachten drei Tage in Raunheim. Sie brachten im Hof seines Elternhauses ein Geschütz in Stellung, um die Waffen-SS in Flörsheim zu beschießen.

Großmutter, Mutter und Vater hielten sich diese drei Tage im Keller des Hauses auf. Im Schlafzimmer der Oma hatten sich die Amerikaner einquartiert. Sie überließen der Familie Dosenwurst als Dankeschön, als sie weiterzogen. Der Bub Erich erhielt von ihnen das erste Mal in seinem Leben Schokolade, erinnert er sich.

Berthold Schneider war bei Kriegsende 13 Jahre alt. Er kann sich noch an den Bombenangriff vom 5. November erinnern. Der heute 86-Jährige wohnte wie noch heute in seinem Elternhaus in der Heinrichstraße – gar nicht so weit weg von der Flugabwehrkanone, die die Amerikaner ins Visier nahmen. „Es sind etliche Bomben auf Raunheim gefallen“, berichtet er. Die Familie suchte Zuflucht im eigenen Keller. Dann rumste es gewaltig. „Man hat gehört, wie es zischte, als die Bomben herunterfielen“, sagte Schneider.

Panzersperren errichtet

Er weiß noch gut, dass vor dem Einmarsch der Amerikaner an den Ortseingängen Panzersperren errichtet wurden. Die jungen Leute mussten sogenannte Ein-Mann-Löcher für den Abwehrkampf buddeln. Auch seine Schulklasse half mit. Die US-Armee marschierte allerdings ohne Widerstand in das Dorf ein. Die Einwohner waren zu dem Schluss gekommen, dass der Krieg aufhören muss, so Schneider. An vielen Häusern hingen weiße Fahnen.

Schneider wollte erst vor den Amerikanern flüchten, aber die Wehrmacht empfahl ihm, zu Hause zu bleiben. „Es gab keine Plünderungen, die Amis waren friedlich.“ Als die Soldaten in der Stadt waren, hatte Schneider keine Angst mehr. Im Gegenteil, der Junge brachte ihnen Wasser aus dem eigenen Brunnen. Auch er erhielt Schokolade und sah zum ersten Mal in seinem Leben einen Jeep.

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