Bildung

Ist eine Stunde Schulsport täglich umsetzbar?

Von Stella Lorenz
Soziale Kompetenz, Motorik und Fitness: Mehr Sportunterricht kann diese Fähigkeiten fördern.
FNP

Beate Thierolf-Seida ist begeistert. „Wunderbar“, ruft die Leiterin der Borngrabenschule aus, als sie vom Vorschlag erfährt, den Sportunterricht in Hessen weiterzuentwickeln und zu verstärken.

Mitte August hatte der Sportausschuss des Hessischen Städtetages genau das vom Land und den Kommunen gefordert, wenig später begrüßte auch der Landessportbund die Idee. Mindestens drei Stunden Sportunterricht sollten laut des Appells pro Woche und Klasse stattfinden.

An zwölf Grundschulen in Hessen gebe es sogar bereits täglich eine Bewegungs- oder Sportstunde. Die regelmäßige körperliche Betätigung wirke sich positiv auf den Lernerfolg aus.

Soziale Kompetenz

„Die Idee finde ich gut“, sagt Thierolf-Seida. Sport habe an der Förderschule ohnehin eine hohen Stellenwert, „weil er die Möglichkeit bietet, soziale Kompetenzen zu erwerben.“ Auch als Gewaltprävention sei er geeignet. Allein, die anderen Fachbereiche würden sich genau so über mehr Wochenstunden freuen, relativiert Thierolf-
Seida.

Das sieht Kristin Becker, Leiterin der Grundschule Königstädten, ähnlich. Dazu käme noch, dass die räumlichen Kapazitäten bei weitem nicht ausreichen würden, eine tägliche Sportstunde für jede Klasse in den Schulalltag zu integrieren. Bei den Erst- und Zweitklässlern ist deshalb eine der drei Sportstunden eine Bewegungsstunde. „In dieser sind die Kinder so lange wie möglich draußen, machen Gruppenspiele“, erklärt Becker.

Dass das immens wichtig ist, hätten viele Lehrkräfte in den letzten Jahren gemerkt. „Viele Kinder sind, wenn sie eingeschult werden, motorisch weniger weit entwickelt als früher“, stellt Becker fest. Einen Ball zu fangen oder zu balancieren sei nicht mehr selbstverständlich. Auch seien in der dritten Klasse, wenn der Schwimmunterricht beginnt, viele Nichtschwimmer. „Wir müssen teilweise bei Null anfangen“, sagt sie.

Das merken auch die weiterführenden Schulen. „Ich als Sportlehrer kann heute weniger mit meinen Sportklassen machen als vor 20 Jahren“, erzählt Marc Rhein, Schulleiter der Max-Planck-Schule. Sein Fachkollege Frank Krones von der Immanuel-Kant-Schule stimmt ihm zu: „Wir stellen fest, dass das Fähigkeitsniveau immer mehr abnimmt“, sagt er.

Anderes Freizeitverhalten

Die Gründe dafür seien vielfältig. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung – viele Eltern können und wollen sportliche Aktivitäten nicht unterstützen, die digitalen Versuchungen für Kinder sind groß, die Infrastruktur schwindet“, zählt Marc Rhein auf. Schwimmbäder würden geschlossen, Sportplätze müssten der Wohnraumverdichtung weichen. Damit fielen auch Grünflächen zum Spielen weg.

Mit einer täglichen Sportstunde in der Schule könnte dem zwar entgegengewirkt werden, aber „es ist zu kurz gedacht, zu sagen, die Schulen können das alles auffangen“, so Rhein weiter. Krones plädiert für die aktivere Bewerbung von Vereinsangeboten, weiß aber auch, dass dort Übungsleitermangel herrscht.

Außerdem herrsche an vielen Schulen Raumknappheit, zusätzlich sei die Realisierung so vieler Stunden eine Kosten- und Personalfrage. „Man bräuchte ein Mehr an Ressourcen mit der richtigen Kompetenz“, sagt Beate Thierolf-Seida.

Einig sind sich die Pädagogen, dass sich die Jugend mehr bewegen muss – auch außerhalb der Schule. „Bei der Einschulung versuche ich den Eltern zu vermitteln, wie wichtig es ist, dass die Kinder draußen spielen und an die frische Luft kommen“, erklärt Kristin Becker. „Die Schule kann nur eine Hilfe sein, aber nicht korrigieren, was den restlichen Tag lang schief läuft“, so Marc Rhein. Die tägliche Sportstunde sei eine gute Idee, „aber es scheitert an den Rahmenbedingungen.“

Stella Lorenz