09.11.2017 03:30 |

Medizinische Versorgung: Kliniken könnten Praxen übernehmen

KREIS GROSS-GERAU Eine Studie beleuchtet die Situation der ärztlichen Versorgung im Kreis. Auch Defizite werden deutlich.

Die Kreisklinik Groß-Gerau will dem Praxensterben auf dem Land entgegenwirken.
Die Kreisklinik Groß-Gerau will dem Praxensterben auf dem Land entgegenwirken. Bild: Matthias Hoffmann

Die Kelsterbacher haben es gut; Sie gehören zum Mittelbereich Frankfurt, in dem die ärztliche Versorgung überdurchschnittlich gewährleistet ist. Auch der mittlere Teil des Kreises, der Darmstadt zugerechnet wird, ist mit 108 Prozent noch gut dabei. Doch der Raum Rüsselsheim weist mit 98 Prozent bereits leichte Defizite auf. Dies ist das Ergebnis einer 45-seitigen Studie der Goethe-Universität Frankfurt. Deren Inhalt: Die Situation der ärztlichen Versorgung im Kreis Groß-Gerau.

Die Ausarbeitung hat der Kreisausschuss in Auftrag gegeben, um Handlungsansätze für eine künftige sichere medizinische Versorgung der Bevölkerung zu gewinnen. Am Dienstagabend lag sie den Mitgliedern des Sozialausschusses zu einer ersten Diskussionsrunde vor. Dr. Antje Erler und Bernhard Faller von der Goethe-Uni erläuterten das Papier. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Versorgung der Bevölkerung durch Hausärzte augenblicklich gesichert sei.

Alarmglocken schrillen

Doch die Alarmglocken schrillen bereits: Im Süden und in der Mitte werden in Kürze Arztpraxen verwaist sein, weil die derzeitigen Inhaber die Altersgrenze erreichen. Hierbei gilt: Entlang der Mainschiene ist die Situation noch etwas besser. Doch dies dürfe nirgendwo auf die leichte Schulter genommen werden. Denn: Es ist außerordentlich schwierig, für den ländlichen Raum, junge Mediziner zu gewinnen, die bereit sind, die hohen Hürden einer eigenen Praxis auf sich zu nehmen.

Die beiden Referenten schilderten übereinstimmend, wie sich die Situation verändert hat: Die jungen Ärzte ziehen ein Angestellten-Verhältnis vor, das ihnen hohe Schulden, Abrechnungsprobleme mit ihrer eigenen Standesvertretung der Kassenärztlichen Vereinigung, lange Arbeitszeiten sowie Hausbesuche erspare. Außerdem seien sie unabhängig und nicht für ein Leben lang an einen Ort gebunden.

„Früher,“ so Erler, „führte der Hausarzt die Praxis, während sich die Frau um Haushalt und Kinder gekümmert hat. Heute ist dies anders: Auch die Arztgattin ist berufstätig, man sucht sich eine Stadt, in der beide Partner Arbeitsplätze finden.“ Dies ist der eine Grund. Der Zweite: Die allgemeine Medizin habe an Attraktivität verloren – der Facharztbereich biete höhere finanzielle Anreize. Nicht zuletzt mache die Konzentration auch vor dem medizinischen Sektor nicht halt. Der Trend gehe zu ärztlichen Gemeinschaftspraxen, Ärztehäusern und medizinischen Zentren.

Kooperationen möglich

Auf diesen Zug, so deuteten die Referenten an, könne der Kreis aufspringen. Sie regten an, eine Steuerungsgruppe zu bilden, der Vertreter des Kreises, Bürgermeister und Vertreter der Gesundheitsdienstleister – etwa Haus- und Fachärzte sowie Klinikmitarbeiter – angehören sollten. Ziel ist es, Fragen zu erörtern, wie die medizinische Versorgung auf Dauer gesichert werden kann.

Weiter schlugen die Experten vor, nach einer Analyse der Gegebenheiten die Vernetzung von Arztpraxen und medizinischen Einrichtungen vorzubereiten. Als mögliche Standorte für künftige Gesundheitszentren werden Rüsselsheim, Groß-Gerau, Mörfelden-Walldorf, Riedstadt und Gernsheim genannt.

Kooperationen mit den vorhandenen Kliniken seien dabei durchaus möglich. So könnten verwaiste Hausarztpraxen durch Klinikpersonal betreut werden. Ein Weg, den das Kreiskrankenhaus und das GPR-Klinikum einschlagen wollen. Die Gründung von Ärztehäusern, in welcher rechtlichen Form auch immer, gehöre ebenfalls dazu.

Es sei nicht Aufgabe der Kommunen, die ärztliche Versorgung sicher zu stellen. Doch hier die Initiative zu ergreifen und die Federführung zu übernehmen, gehöre zu einer vorausschauenden Kommunalpolitik. Dem Kreistag obliegt es nun, entsprechende Weichenstellungen vorzunehmen.

 

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