11.11.2017 03:30 |

Aktion: Künstler verlegt weitere Stolpersteine in Nauheim

Nauheim Zum dritten Mal werden in Nauheim Stolpersteine verlegt. Die Initiative geht vom Heimat- und Museumsverein aus. Nach Recherchen wird deutlich: Hilfe bekamen Juden in Nauheim nur von Einzelnen.

Gunter Demnig war zuletzt 2014 zur Verlegung von Stolpersteinen in Nauheim. Am Samstag ist er wieder da.
Gunter Demnig war zuletzt 2014 zur Verlegung von Stolpersteinen in Nauheim. Am Samstag ist er wieder da.

In der Hintergasse 13 werden am Samstag, 11. November, Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Bürger jüdischen Glaubens, die unter den Nazis gelitten haben. Chronist Karl-Heinz Pilz hat den Werdegang der betroffenen Familie Strauss recherchiert. Er übt Kritik am Verhalten der damals schweigenden Mehrheit.

Wer war die Familie Strauss? Das Familienoberhaupt Ludwig Strauss wurde am 6. Januar 1879 in Astheim geboren, seine Frau Auguste, geborene Marx, erblickte am 26. März 1885 in Reichelsheim (Odenwald) das Licht der Welt. 1920 sei das Paar in die Hintergasse 13 gezogen. In der Rathausstraße 12 habe Ludwig Strauss mit seinem Vater Abraham ein Viehhandels- und Landesproduktgeschäft gegründet, berichtet Pilz, der sich vor einigen Jahren über die Geschichte der Nauheimer Juden ein Buch veröffentlicht hat.

Opfer der Pogrome

Ludwig Strauss sei der letzte Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Nauheim gewesen, berichtet er. Durch nationalsozialistischen Boykottaufrufe hätten sich seine Geschäfte zusehends verschlechtert. Strauss und seine Frau Auguste seien Opfer des November-Pogroms im Jahre 1938 geworden. Das werde durch ein Schreiben vom 8. Juni 1947 aus Amerika bestätigt. Walter Strauss, der Sohn von Ludwig und Auguste, bittet darin, rechtlich gegen die Übeltäter vorzugehen.

Wörtlich heißt es: „Am 10. November 1938 drangen Schulkinder in das Haus ein, haben Mutter Auguste herausgezerrt und sie auf der Straße misshandelt. Der damalige Bürgermeister Ruckes und andere Gemeindebedienstete haben nichts dagegen unternommen. Vater Ludwig Strauss kam sogar ins Nauheimer Gefängnis, wurde aber nach einer Nacht wieder freigelassen, weil er schon die Ausreisepapiere nach Amerika hatte.“ Josef Ruckes war von 1935 bis 1945 in Nauheim Bürgermeister. Bürgermeister Heinrich Kaul IV., erster, von den Alliierten eingesetzter Bürgermeister in Nauheim nach dem Zweiten Weltkrieg, habe den Brief am 17. Juni 1947 an seine vorgesetzte Dienststelle weiter gegeben, aber nie etwas darüber gehört, erfuhr Pilz.

Die Kinder von Ludwig und Auguste Strauss seien eigene Wege gegangen. Erna-Betty Strauss, geboren am 11. November 1910 in Nauheim, sei 1934 im Februar nach Eckertshausen und am 13. August nach Bad Kreuznach gezogen. 1935 ist die Tochter nach Pilz’ Recherchen in die USA ausgewandert. Im Juni 1964 habe sie in Detroit, Michigan, gewohnt.

Von Walter Strauss (geboren am 27. Oktober 1911) sei bekannt, dass er bei der Firma B. Mayer & Co., einem Papiergroßhändler in Mainz, ausgebildet und dann als kaufmännischer Angestellter übernommen worden sei, bevor er sich 1932 in der Papierbranche selbstständig gemacht habe.

Helfer wurden beschimpft

Pilz schildert Strauss’ Kontakt zu Wendel Voltz, der in Nauheim eine Maschinen- und Eisenwarenhandlung betrieben und öfters das Fahrrad von Walter Strauss repariert habe, aber ebenso anderen Juden geholfen habe. Er sei deshalb auf Anschlagtafeln als „Judenknecht“ angeprangert worden. „Als er seine Hilfeleistungen nicht einstellte, wurde er zu 18 Wochen Schutzhaft im damaligen Militärgefängnis in Darmstadt verurteilt“, erinnert Pilz.

Der Chronist macht darauf aufmerksam, dass es in Nauheim durchaus Menschen gegeben habe, die mit dem Schicksal der Juden nicht einverstanden gewesen sei. Gleichzeitig sei nicht zu übersehen, „dass es eine schweigende Mehrheit gab, die die Vorgehensweise der Nazis geduldet hat“, so Pilz.

Walter Strauss sei im April 1936 seiner Schwester Erna Betty in die USA gefolgt. Ab November 1933 sei das Haus der Familie Strauss in der Hintergasse 13 von einem deutschen Käufer bezogen worden. Die Familie habe dann bei den Schwestern von Ludwig Strauss in der Rathausstraße 12 gelebt. Dieses Haus sei 1936 von der Bezirkssparkasse Groß-Gerau an einen deutschen Käufer übergegangen. Die Familie habe nun in dem Haus manche Drangsal erlitten.

1938 habe die Familie Deutschland verlassen und sei nach New York ausgewandert. Ludwig Strauss habe auf dem Sinai-Friedhof von St. Louis für ein geringes Einkommen gearbeitet. Am 9. Januar 1947 sei er auf dem Weg zur Arbeit von einem Auto angefahren und tödlich verletzt worden. Seine Frau Auguste sei am 26. Mai 1953 in St. Louis, ihr Sohn Walter am 4. Juli 2002 gestorben.

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Wie viele Tage hat eine Woche?: 

Weitere Artikel aus Rüsselsheim

Jeder Teilnehmer ist ein Bücherwurm und erhält von Christian Nold und Nina Finkernagel vom Fachbereich Soziales und Kultur eine Medaille, hier Betül Polat.
Raunheim
|
Lesewettbewerb „Raunheimer Bücherwurm“

Lesewettbewerb „Raunheimer Bücherwurm“ in Raunheim

Weitere Artikel aus Rüsselsheim

Gerda Lerner war Pionierin der Frauengeschichtsschreibung.
Rüsselsheim
|
Ausstellung in Rüsselsheim

Gerda Lerner - Pionierin der Frauengeschichtsschreibung

Human Feel
Rüsselsheim
|
Konzert in Rüsselsheim

„Schwanengesänge“ aus dem Saxofon

Rubrikenübersicht