08.11.2017 03:00 | Robin Göckes

Regelmäßige Besuche: Zwei Friseurinnen schneiden Haare im Kinderhospiz

Rüsselsheim Im Kinderhospiz Bärenherz in Wiesbaden bekommen schwerstkranke Kinder und Jugendliche die Pflege und Betreuung, die sie benötigen. Und einen neuen Haarschnitt. Dafür sind zwei Rüsselsheimerinnen zuständig.

Elena Minaki lässt die Schere durch Tims Haupthaar sausen.
Elena Minaki lässt die Schere durch Tims Haupthaar sausen.

Sie liegen auf seinen Schultern, seinem Nacken, auf seiner Nase. Und sie pieken ganz fürchterlich. Diese kleinen Härchen, die eben erst der Schere der Friseurin zum Opfer gefallen sind. Der zwölfjährige Tim gibt ein deutliches Grummeln von sich, in Worte verpacken kann er seinen Unmut nicht. Die Botschaft ist trotzdem eindeutig, seine Geduld neigt sich dem Ende entgegen. Helferin Anna Kohl nimmt fürsorglich seine Hand und beruhigt ihn, Friseurin Elena Minaki lässt die Schere durch sein dichtes, braunes Haupthaar sausen.

Im Erinnerungsgarten wird an die Kinder erinnert, die gestorben sind. Foto: Photographer: Jochen Ternes
Im Erinnerungsgarten wird an die Kinder erinnert, die gestorben sind.

Ein paar Minuten später ist der Zwölfjährige frisch frisiert, und auch die lästigen kleinen Haare werden sanft entfernt. Wie die Krankheit genau heißt, die Tim hat, warum er seinen Unmut über die piekenden Härchen nicht mit Worten äußern kann, warum er nicht wie andere Kinder seines Alters einfach auf einem Friseurstuhl Platz nehmen kann, sondern von Anna Kohl gehalten werden muss – Elena Minaki weiß es nicht. „Das geht mich auch nichts an“, sagt sie. Sie weiß nur: Tim ist an diesem Freitag im Kinderhospiz Bärenherz in Wiesbaden. Dort wird er einen Nachmittag lang betreut. Und er brauchte dringend einen Haarschnitt.

Auf Kuschelinseln verbringen die Kinder den Nachmittag im Hospiz.
Auf Kuschelinseln verbringen die Kinder den Nachmittag im Hospiz.

Seit 2013 kommen Elena Minaki und ihre Tochter Marie-Christina Kounatidou regelmäßig in das Hospiz, um Kindern und Jugendlichen die Haare zu schneiden, die schwer erkrankt sind. Die Tochter der Friseurin hat dort ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, war dabei auf die Stiftung, die das Hospiz betreibt, aufmerksam geworden. „So kam der Kontakt zustande. Jetzt kommen wir immer, wenn ein Kind einen Haarschnitt braucht“, sagt die Friseurin aus Rüsselsheim.

„Man muss reinwachsen“

Am Anfang seien ihr die Besuche in dem Kinderhospiz nicht leicht gefallen, gesteht sie. „Man muss da schon reinwachsen.“ Wie die Krankheiten heißen, die in den Akten von Kindern wie Tim vermerkt sind, will sie auch deshalb gar nicht so genau wissen, um noch etwas Abstand zu halten. „Für meine eigene Distanz.“ Und trotzdem: Man lerne die Kinder kennen, ihre Familien. Manche sehen Elena Minaki und ihre Tochter immer mal wieder, alle paar Wochen. Andere dann plötzlich nicht mehr. „Irgendwann geht es zu Ende“, sagt die Friseurin. Auch ihrer Tochter fallen die Besuche im Hospiz nicht leicht. „Ich nehme das schon mit nach Hause. Immer wenn wir hier waren, denke ich den Rest des Tages über diese Eindrücke nach“, erzählt sie.

Im Raum der Stille werden Trauergespräche mit den Eltern geführt.
Im Raum der Stille werden Trauergespräche mit den Eltern geführt.

Freude empfinden Minaki und ihre Tochter nicht, wenn wieder eine Fahrt nach Wiesbaden ansteht. Aber nach den zahlreichen Besuchen sei es mittlerweile doch auch irgendwie schön, in Rüsselsheim Rasierer und Schere einzupacken und in das Hospiz zu fahren.

Einmal im Monat wird der Freitag im Hospiz zum „Frei-Tag“. Kinder, die im Alltag zu Hause ambulant versorgt werden, kommen im großen Gruppenraum des Hauses zusammen und finden dort Geborgenheit. Ihre Eltern haben einen Nachmittag Zeit für sich selbst. Ehrenamtler und Freiwillige sorgen mit den hauptamtlichen Helfern des Hospizes für eine Eins-zu-Eins-Betreuung für jedes Kind. Therapiehunde sorgen für zusätzliche Entspannung bei den Kindern.

Der zwölfjährige Tim lässt den Haarschnitt geduldig über sich ergehen. Nur die abgeschnittenen Härchen stören ihn.
Der zwölfjährige Tim lässt den Haarschnitt geduldig über sich ergehen. Nur die abgeschnittenen Härchen stören ihn.

Für Elena Minaki und Marie-Christina Kounatidou bedeutet der „Frei-Tag“ hingegen Hochbetrieb. Kommen sie sonst auch mal nur für einen einzelnen Haarschnitt in das Hospiz, stehen diesmal vier an. Tim ist der erste, dem es ans Haupthaar geht. „Wichtig ist das Tempo“, weiß Elena Minaki aus Erfahrung. Nicht immer fällt es den Kindern leicht, sich von ein oder zwei Helfern entspannt halten zu lassen.

Große Erleichterung

Für die Eltern ist der Haarschnitt während des Nachmittags eine echte Erleichterung. Friseurbesuche mit schwer kranken Kindern, die oft nicht alleine sitzen können, sind für sie Strapazen, die im Alltag kaum zu meistern sind. Die Mutter der kleinen Nina, die nach Tim an die Reihe kommt, hat sich deshalb selbst versucht. Mit der Lockenpracht ihres Nachwuchses kam sie jedoch nicht zurecht. „Einfach ein bisschen in Form bringen“, lautet die Anweisung an das Mutter-Tochter-Gespann aus Rüsselsheim.

Mohammed ist von der Harfe fasziniert.
Mohammed ist von der Harfe fasziniert.

Das Angebot von Elena Minaki und ihrer Tochter sei ein unschätzbarer Gewinn für die Familien und das Hospiz, sagt Nina Rücker, Sprecherin der Bärenherz-Stiftung. „Für die Familien ist das eine wahnsinnig große Hilfe.“ Zum Konzept des Hospizes und der Stiftung gehöre es, nicht alleine die kranken Kinder zu versorgen, sondern sich auch um deren Familien und Angehörige zu kümmern. Für Eltern, die ihrem stationär aufgenommenen Kind möglichst lange nah sein wollen, hält das Hospiz fünf Appartements bereit. Das Einzugsgebiet lässt sich kaum eingrenzen, da das Haus in Wiesbaden das einzige seiner Art in ganz Hessen ist.

Auch wenn das Sterben im Hospiz viel offensichtlicher zum Leben gehört als anderswo – einfach nur ein Ort der Traurigkeit soll es nicht sein. Ein meterlanges Kunstwerk dominiert die Wand eines Flures auf der Etage, auf der die Zimmer der stationär aufgenommenen Kinder liegen. Handschriftlich hat der Vater eines Kindes, das in dem Hospiz bis zum Tod versorgt wurde, jede einzelne Sekunde eines Tages aufgeschrieben, um deren Wert zu dokumentieren. „Für uns ist das ein tolles Sinnbild, wie kostbar jede Sekunde ist“, sagt Rücker. Der „Raum der Stille“ ein paar Ecken weiter ist lichtdurchflutet und geschmackvoll dekoriert für den Abend. „Dann finden hier die Trauergespräche mit den Eltern und Angehörigen statt. Und hier bemalen wir auch die Särge der Kinder, wenn das gewünscht ist.“ Dem Gedenken und der Trauer wird im Hospiz Raum gegeben. Ein Steingarten erinnert an jene Kinder, die in dem Haus ihre letzten Stunden verbracht haben. In einem Lebenswäldchen können die Familien einen Baum oder einen Rosenbusch als Symbol für den Anfang des Lebens nach dem Tod pflanzen.

Therapiehund Emma darf beim „Frei-Tag“ nicht fehlen. Das Tier sorgt für Entspannung bei den Kindern.
Therapiehund Emma darf beim „Frei-Tag“ nicht fehlen. Das Tier sorgt für Entspannung bei den Kindern.

Für die musikalische Untermalung dieser Zeremonien sorgt Musikpädagogin Heidi Schock-Corall, die auch an diesem Freitagnachmittag gerade dabei ist, die passende Musik für die nächste Baumpflanzung herauszusuchen. Kurz danach geht es für sie – mit Harfe und Gitarre im Gepäck – dann auch in den großen Gruppenraum, in dem Elena Minaki und ihre Tochter bereits mit dem Haareschneiden beschäftigt sind.

Als nächstes soll der sechsjährige Mohammed unter die Schere kommen. Doch der lauscht viel lieber dem Harfenspiel von Schock-Corall. Die Haare lässt er sich an diesem Nachmittag nicht schneiden, egal wie lange die Helferinnen ihn auch versuchen zu überzeugen. „Nicht so schlimm“, meint die Friseurin. Der Nachmittag im Hospiz neigt sich für sie dem Ende entgegen. Elena Minaki und ihre Tochter packen Schere und Rasierer zusammen und fahren zurück nach Rüsselsheim. Spätestens in vier Wochen kommen sie wieder.

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