08.11.2017 03:00 |

Krebsbachtal: Als an der Mühle das Ausland begann

Nidderau In goldgelber Pracht stehen die Bäume bis hinauf zur Naumburg. Das Meer der bereits abgefallenen Blätter beginnt am Fuß der Anhöhe und leuchtet in satten Herbstfarben. Einen Teil hat der Wind bis auf die Wiese des Römergrundes geweht. Es ist schön zu dieser Jahreszeit im romantischen Krebsbachtal. Da, wo der Weg von Kaichen kommend im Wald verschwindet, direkt am Bachufer, steht die Hainmühle. Seit Menschengedenken eingebettet in die Idylle und in die Geschichte der Landschaft, ranken sich einige Legenden um die Mühle.

Der bewachsene Streifen vor der Mühle ist die heutige Kreisgrenze.
Der bewachsene Streifen vor der Mühle ist die heutige Kreisgrenze.

Spaziergänger und Radfahrer kommen oft durch diese Gegend. Sie folgen dem Weg am Krebsbach entlang, der zwischen der Hainmühle und Erbstadt im Schutz des Waldes verläuft. Manch einem werden dabei bestimmt schon die von Menschenhand geformten Steine aufgefallen sein, die am Bach aus dem Erdreich herauslugen. Es handelt sich um alte Grenzsteine. Sie stammen aus einer Zeit, als auf der jeweils anderen Seite das Ausland begann. „KP“ und „GH“ – die eingeschlagenen Buchstaben deuten es an: Das Gebiet zum Wald hin gehörte einst zum Königreich Preußen (bis 1866 Kurfürstentum Hessen), die gegenüberliegende Seite zum Großherzogtum Hessen.

Selbst wenn der Krebsbach heutzutage keine Länder mehr voneinander trennt, dient er in dieser Gegend doch immer noch als Kreisgrenze zwischen dem Main-Kinzig-Kreis und dem Wetteraukreis. Die Hainmühle liegt in der Nidderauer Gemarkung und gehört folglich zum Main-Kinzig-Kreis. Gerade so, könnte man auch sagen. Das Gebäude steht fast auf der Grenzlinie. Wie sehr dieses Kuriosum bis heute nachwirkt, davon kann auch Besitzerin Gabriele Hilß Anekdoten erzählen.

Strenge Vorschriften

„Unsere Garagen auf der anderen Seite des Weges liegen im Wetteraukreis“, erklärt sie. „Das Gelände hat die Stadt Niddatal an uns verkauft. Vom Postbezirk her gehört die Hainmühle zu Erbstadt. Früher kam der Postbote von dort zu Fuß durch den Wald gelaufen. Heute haben wir unseren Briefkasten am Kaichener Friedhof in der Hainmühlenstraße hängen. Die Adresse lautet Niddatal, nicht Nidderau. Wir sind schon immer eher mit Kaichen verbunden.“

Die Hainmühle in den 1930er-Jahren – nicht nur die Kindermode hat sich seitdem verändert. Fotos/Repro: Jürgen Schenk
Die Hainmühle in den 1930er-Jahren – nicht nur die Kindermode hat sich seitdem verändert. Fotos/Repro: Jürgen Schenk

Das Leben an der Grenze ist also nicht ganz unkompliziert. Früher, als es im Krebsbachtal noch um Landeshoheiten ging, herrschten zudem strengere Vorschriften. Forstläufer patrouillierten den Grenzverlauf und gaben Acht, dass nicht geschmuggelt wurde. Entlang der 1638 erstmals als „Naumburgische Mühle im Römergrund“ erwähnten Hainmühle verlief eine Poststraße. Die Mühle war Poststation, in der Scheune wurden die Pferde gewechselt. Man kann sich gut vorstellen, dass in dieser Zeit vielerlei Menschen vorbeikamen – lichtscheues Gesindel, Vagabunden und Deserteure inklusive. Um das Jahr 1800, so die Legende, soll sich auch Räuberhauptmann Johannes Bückler, der Schinderhannes, hier versteckt haben.

Bis Ende der 60er Jahre war die Familie Faulstich Erbbeständer auf der ehemaligen Getreidemühle. In Dokumenten aus dem Jahr 1788, die sich im Staatsarchiv Darmstadt befinden, taucht der Name des Pächters Conrad Faulstich auf. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts betrieb dessen Nachkomme Ernst Faulstich in der Mühle eine Zahnarztpraxis, an die sich ältere Kaichener mit Graus erinnern. Die Behandlungsmethoden sollen sehr laienhaft gewesen sein. Gemahlen wird schon seit 1920 nicht mehr. Mühlrad und Mahlwerk sind längst verschwunden.

„Früher wurde der Bach an der Rückseite der Mühle vorbeigeleitet“, erinnert sich Gabriele Hilß. „Nachdem der Mahlbetrieb aufgegeben wurde, verschwand dieser Graben. Der Krebsbach führte früher mehr Wasser und konnte so das Mühlrad antreiben.“

Inspiration für Volkslied

Ihre Schwiegereltern waren es, die das Anwesen vor 50 Jahren kauften. Gegenwärtig leben sechs Familienmitglieder in dem Gebäude. Es gibt mit Sicherheit schlechtere Wohnplätze. Die Ruhe des Krebsbachtales hat ihren ganz besonderen Charme, der Ausblick von der Mühle auf die reizvolle Landschaft erst recht. Wilhelm Ganzhorn soll 1850 davon zu seinem Volkslied „Im schönsten Wiesengrunde“ inspiriert worden sein.

Ein Grenzstein von 1781 im Krebsbachtal unweit der Mühle.
Ein Grenzstein von 1781 im Krebsbachtal unweit der Mühle.

Einzug in die Literatur nahm die Hainmühle als Schauplatz der Fabel „Von einem Müller und einem Esel“. Der in Bruchenbrücken geborene Pfarrer und Lutherfreund Erasmus Alberus nimmt in diesem Werk persiflierend das ausschweifende Leben der Naumburger Mönche aufs Korn.

Noch einmal zurück zur Grenze: Sie verläuft übrigens nicht genau weiter am Hang entlang, wie man vermuten könnte, sondern 150 Meter von der Hainmühle entfernt quasi in einer Zick-Zack-Linie. Ein altes Messtischblatt aus dem 19. Jahrhundert macht dies deutlich. Zwei zugewucherte Grenzsteine stehen an der Bachseite der Mühle und ein Zweimärker am Ende des nach Kaichen zulaufenden Quergrabens.

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