17.03.2017 03:00 | Marcus Hladek

Paul Auster im Frankfurter Schauspiel: "Amerikas Fundamente werden geschleift"

Frankfurt Paul Auster las im ausverkauften Schauspiel Frankfurt in Kooperation mit dem Literaturhaus und dem US-Generalkonsulat aus seinem gerade erschienen Roman "4 3 2 1".

Paul Auster.
Paul Auster. Bild: epa efe Bertral (EFE)

Eigentlich bewies der Frankfurter Literaturhaus-Chef Hauke Hückstädt guten Instinkt, als er sich einleitend auf Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“ bezog, bevor Auster (70) und der „Zeit“-Kritiker Daniel Haas übernahmen. Bradbury passte ziemlich gut, dies aber nicht, weil mit US-Präsident Donald Trump die große Bücherverbrennung droht, wie Hückstädt meinte, und nur die verschworene Leser-Gemeinschaft ihm den Schneid abkaufen könnte.

Das Elend mit Trump ist ja weniger, dass er Bücher verbrennen könnte, sondern dass der Milliardär, Lügner und großsprecherische Machtmensch womöglich zu selbstverliebt, zu sehr kulturloser Narzisst ist, um überhaupt den Wunsch zu verspüren, irgendetwas mit Büchern und Wissen anzufangen. Wozu auch, solange es den Sender „Fox“, Twitter, maximalflexible Pressesprecher und frustrierte Wähler im Inneren des Landes gibt, die in Trump einen Helden gegen das Establishment sehen? Dem anwesenden US-Generalkonsul in Frankfurt zollte Hückstädt jedenfalls Lob und Dank.

Ziemlich viel Sex

Weil Bradbury von der Science-Fiction und zugleich der ernsten Belletristik reklamiert wird, traf Hückstädt dennoch ins Ziel. An Austers neuem Roman „4 3 2 1“ fällt ja auf, dass das Leben des Helden Archie Ferguson in SciFi-Manier erzählt wird: Alternativgeschichte in vier Versionen. Sieben Kapitelzyklen handeln fortschreitend von den Archies #1 bis #4, immer in der Reihenfolge 1.1, 1.2, 1.3, 1.4, 2.1, 2.2. etc, eingebettet in amerikanische Zeitgeschichte. Berichtet wird von seinem fünften Lebensjahr bis in die Zwanziger. Die Lebenswege verlaufen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt (SciFi-Autoren nennen es den „Jonbar hinge“) identisch, dann verzweigen sie sich. Ein Buch also aus vier Romanen? Immerhin hat es 1300 Seiten.

Dem Roman galt nur eine Lese-Session aus Kapitel 1.3: auf Deutsch vom Schauspieler Christoph Pütthoff, auf Englisch besorgt vom Autor. Der Ausschnitt aus den Jahren 1952 bis 1954 behandelte den Tod von Archies Vater, der Archie #3 mitsamt Mutter Rose finanziell gesichert von Newark nach New York katapultiert. Des Vaters Tod folgt aus dem Koreakrieg und dem liederlichen Charakter seines Bruders. Dieser wird aus Trauer zum Säufer und Wettspieler, verschuldet sich und treibt Archies Vater in den Tod, als er einen Versicherungsbetrug mit Brandstiftung anleiert. Ein arger Genre-Plot, der noch wenig von der raffinierten Gesamtanlage ahnen lässt.

Diese auszuloten, versuchte Daniel Haas im Dialog mit Auster. Donald Trump tauchte nur noch einmal auf, als Haas einen Bogen vom Mangel an Klassenbewusstsein zur Zeit des Vietnamkriegs bis in die Gegenwart schlug. „Das gilt heute mehr denn je“, bestätigte Auster und zergliederte, wie Archie #1 „an die Sache“ glaube und sie doch chancenlos befinde. Auster: „Wir versuchen das Land davor zu retten, dass es von der Regierung zerstört wird.“ Dass Trump die simpelsten Fundamente schleife, werde heute hingenommen. Er sehe verblüffende Parallen zur Zeit vor fünfzig Jahren (McCarthy?). Das Amerika gemeinsamer Grundannahmen sei dahin.

Sein Buch charakterisierte Auster als Entwicklungsbericht eines Menschen, von dem es vier gebe. Konstanten wie das Gehirn ließen außer bei extremen Einflüssen eben nur begrenzte Variationen durch schicksalhafte Zufälle zu. Darum würden alle vier Archies zu Schreibenden: in wechselnder Ausprägung. Auch ihre sexuellen Unterschiede spielten sich in solchen Binnengrenzen ab. „4 3 2 1“ sei wirklich „voller Sex“ (Haas), aber dieser sei ja auch unbestreitbar wichtig. Ein One Night Stand sei das 1300-Seiten-Buch gleichwohl nicht. Das Geburtsdatum teile er mit seiner Figur, so Auster, sonst sei fast nichts seinem Leben entnommen; Bücherschreiben sei die Erinnerung an Dinge, die niemals stattfanden.

Damit und mit dem Elefanten im Porzellanladen Trump hatte die geradlinige Bestandsaufnahme des labyrinthischen Werkes ihr Bewenden.

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