09.11.2017 03:30 | Sabine Kinner

Krimi "Suburbicon": Auch ein Biedermann kann zum Mörder werden

George Clooneys 50er-Jahre-Krimi „Suburbicon“ ist mit sichtlicher Drehbuchhilfe der Brüder Coen entstanden.

Gardner Lodge (Matt Damon) ist ein typischer Durchschnittsmann, doch der Blick verrät seine finsteren Gedanken.
Gardner Lodge (Matt Damon) ist ein typischer Durchschnittsmann, doch der Blick verrät seine finsteren Gedanken. Bild: Hilary Bronwyn Gayle (Concorde Filmverleih GmbH)

Jeder Mensch kann zum Verbrecher werden, wusste schon Patricia Highsmith und lieferte Alfred Hitchcock mit ihrem Thriller „Zwei Fremde im Zug“ die passende Romanvorlage für seinen Film. Dass es nur eine Frage der lockenden Gelegenheit und des besonderen Umstands ist, ob eine bestimmte menschliche Schwäche zum Mord führt, gehört auch für die Filmbrüder Ethan und Joel Coen zu den Grunderkenntnissen ihrer Arbeit. Am besten ist das in ihrer Streaming-TV-Serie „Fargo“ zu sehen, entstanden nach ihrem gleichnamigen Kinowerk. Sie lehrt zudem, dass Gewalt immer neue Gewalt zeugt. „So wie ich das sehe, wird einem Mann, der sich die Nase brechen lässt, das nächste Mal das Genick gebrochen“, sagt Billy Bob Thornton in der Rolle des Auftragskillers Malvo.

Vom Biedermann zum Mörder schafft es nun auch Gardner Lodge (Matt Damon), der kleine Angestellte mit der großen Selbstüberschätzung. Lodge hat sich verschuldet und ist in Verzug mit den Rückzahlungen geraten. Ein Versicherungsbetrug scheint ihm der beste Ausweg. Die höchste Summe würde Lodge wohl erhalten, wenn seine Frau, die bereits einen schweren Unfall erlitten hat und im Rollstuhl sitzt, ums Leben käme. Seiner Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt, obwohl er einen kleinen Sohn hat.

Freundliche Nachbarn

Ein Krimi hebt an, mit einem bitterbösen Drehbuch, das die Coen-Brüder nach einer wahren Begebenheit zusammen mit George Clooney verfasst haben, der auch Regie führt. Nicht weniger interessant als die Handlung ist deren Schauplatz. „Suburbicon“ heißt die Siedlung, die in den 50er Jahren in Kalifornien entstanden ist und der Familie Lodge ein Eigenheim bietet. Hier ist äußerlich alles so traulich, wie man es sich heute im Rückblick vorstellt: saubere Häuser mit gepflegten Rasenflächen, freundliche Nachbarn und Briefträger, behütet spielende Kinder sowie Mütter, die herzhafte Kuchen backen.

Zeitgleich mit dem grotesken Verbrechen, das bei den Lodges ausbricht und immer schrecklichere Ausmaße annimmt, überfällt ein paar Häuser weiter der Rassismus eine schwarze Familie. Die „Neger“, so fürchten die weißen Siedlungsbewohner, könnten Suburbicon in Verruf bringen und die Immobilienpreise drücken. So wird Angst zu Hass, der sich entlädt.

Ebenso perfekt durchgestaltet wie das 50er-Jahre-Setting von „Suburbicon“ sind die hier lebenden Menschen in ihrem Aussehen. Matt Damon als Lodge trägt den geraden Scheitel, das Brillengestell und den grauen Anzug des unauffälligen Mittelständlers. Julianne Moore, in einer Doppelrolle als Lodges Ehefrau und Schwägerin, tritt blitzsauber, mit blonden Locken und Perlenkette auf.

Wenig Fallhöhe

Trotzdem bleibt ein Defizit: die mangelnde Charakterisierung von Lodge. Was treibt ihn zu seinen Taten? Welches ist die entscheidende Schwäche, die aus ihm einen Kriminellen macht? Nicht jeder, der Schulden hat, wird zum Mörder.

Aus Mangel an triftigen Motiven gewinnt George Clooneys Film wenig Fallhöhe. Matt Damons Blick ist von Anfang an undurchdringlich abweisend. Hier muss kein anscheinend fürsorglicher Familienvater eine erstaunliche Wandlung zum Monster durchmachen. Hier zeigt ein Durchschnittsmann, dem man sofort alles zutraut, brave Miene. Der Handlungsverlauf als solcher ist von den Coens allerdings bis ins Kleinste durchdacht. Wie immer bei ihnen gerät dem Täter die Sache aus der Kontrolle, und er wird auf skurrile Art zu seinem eigenen Opfer.

Oft genügen geringe Abstufungen, um aus einem guten Film einen sehr guten oder gar ein Meisterwerk werden zu lassen. Ein paar schauspielerische Nuancen, ein paar kleine Kicks in der Inszenierung können den entscheidenden Unterschied ausmachen. „Suburbicon“ bleibt inhaltlich zu viel schuldig, um richtig zu faszinieren. Aber der Film versetzt zurück in eine vergangene (wie aus einem Werbeprospekt stammende) Welt. Und auch dafür ist das Kino da. Annehmbar

In diesen Kinos

Frankfurt: Eldorado, Harmonie, Metropolis. Sulzbach: Kinopolis. Limburg: Cineplex

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