14.11.2017 03:30 |

Dirigent, Pianist und Grenzüberschreiter: Daniel Barenboim: Wandler zwischen den Welten

Musiker, Macher, Mentor: Daniel Barenboim ist ein Weltstar der Klassik und Wahl-Berliner. Begonnen hat alles mit Fußball und dem Klavier.

Daniel Barenboim, Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und Chefdirigent der Staatskapelle Berlin, wird 75 Jahre alt.
Daniel Barenboim, Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und Chefdirigent der Staatskapelle Berlin, wird 75 Jahre alt. Bild: Maurizio Gambarini (dpa)

Was treibt ihn an? Wie schafft er das, all die Reisen und Konzerte, eine neue Musikakademie, Proben, Interviews? Daniel Barenboim schweigt, Achselzucken, Stille. Er zieht lange an der edlen Zigarre. Dann sagt er: „Ich höre immer wieder, dass ich so viel mache. Aber ich mache das, was mir gefällt.“ Der Mittsiebziger wirkt tiefenentspannt. Um ihn herum formt der Rauch der Cohiba-Zigarre Kringel in der Luft.

Dann erzählt Barenboim vom Vater und der Mutter, zwei Klavierlehrern aus Buenos Aires, die ihm diese guten Anlagen wohl ins Nest gelegt hätten: „Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich so trainiert haben, dass ich mich sofort auf eine Sache konzentrieren kann. Viele Musiker brauchen viel Zeit dafür. Das geht bei mir ohne Vorbereitung.“ Barenboim, 1942 in Argentinien geboren und später in Israel aufgewachsen, ist ein Weltstar, ein Global Player der Musik. Er lebt in Berlin, besitzt vier Pässe – darunter einen palästinensischen, spricht mindestens ein halbes Dutzend Sprachen. Er war Chef der Pariser Bastille-Oper. Er leitete das Chicago Symphony Orchestra. Und er ist einer der größten Klavierinterpreten unserer Zeit. Gerade hat er die renovierte Staatsoper Unter den Linden in der deutschen Hauptstadt wiedereröffnet, die er seit 25 Jahren leitet.

„Den einzigen Weltstar, den Berlin hat“ nannte ihn der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Seine Plattenaufnahmen gehen in die Hunderte. Kürzlich sind die gesamten Einspielungen für Solo-Klavier erschienen, viele Stunden Musik auf 39 CDs. Barenboim, das Musikkraftwerk.

Der Klavierschüler

Sein Werdegang – auf Englisch könnte man ihn als „bigger than life“ bezeichnen, als einen Weg, der das Normalmaß sprengt. Der einflussreiche Kritiker Joachim Kaiser (1928–2017) sah in ihm das „letzte Genie der klassischen Musik“.

Vielleicht liegt der Schlüssel zum Verständnis seines Lebens in der Kindheit zwischen Fußball auf einem Platz im beschaulichen Viertel Belgrano in Buenos Aires und dem Klavier im Elternhaus. Dort, wo Musik so selbstverständlich war wie die regelmäßigen Mahlzeiten. „Ich dachte lange, dass die Welt nur aus Klavierspielern besteht. Immer wenn es klingelte, stand ein Klavierschüler vor der Tür“, erzählt er. Mit 14 Jahren spielt er Artur Rubinstein vor. Der legendäre Pianist habe ihn zu seiner ersten Zigarre verführt: Stundenlang musste er auf Rubinstein in Tel Aviv warten, bis dieser endlich auftauchte. Die Mutter hat später geschimpft. Solche Erlebnisse sprudeln aus Barenboim heraus. In diesen Momenten glänzen die Augen.

Der Aussöhner

Mit dem West-Eastern Divan Orchestra, das er mit dem palästinensisch-amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward Said im Jahr 1999 in Weimar gegründet hat, versucht er, dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern im Kleinen beizukommen.

Im Orchester spielen junge arabische und israelische Musiker. Es ist ein Versuchslabor der Aussöhnung. In Berlin hat Barenboim eine Akademie für das Orchester ins Leben gerufen. Die Musiker seien gezwungen, sich zuzuhören und für einen kurzen Moment politische und religiöse Gegensätze zu vergessen – im Dienst der Musik. So lautet die Barenboim-Formel, die er immer wieder verkündet. Diese Utopie zerschellt zuweilen an der Realität. Seit Jahren spielt das Divan Orchestra nicht mehr in arabischen Ländern. Auch die Pläne, dass Barenboim mit der Staatskapelle Berlin unter deutscher Schirmherrschaft in Teheran auftritt, haben sich zerschlagen. Barenboim sei Jude und damit für die Iraner nicht akzeptabel, hieß es in Teheran. Als er 2001 Richard Wagner in Israel aufführt, löst er einen Eklat aus. Holocaust-Überlebende verbinden Wagners Musik mit den Selektionsrampen von Auschwitz. „Das ist die Musik aus den KZ“, befindet ein Mann aus dem Publikum. „Wagner war antisemitisch, seine Musik nicht“, sagt Barenboim.

Dem Enkel russischer Einwanderer ist es wohl früh klar geworden, dass er mehrere Rollen zugleich spielen müsse. „Ich bin weder nur Jude, Argentinier oder in Deutschland lebender Musiker – ein moderner Mensch definiert sich vor allem durch die Möglichkeit, mehrere Identitäten zu haben“, sagt er. „Wenn ich eine Bruckner-Sinfonie dirigiere, werde ich bewusst oder unbewusst zum Mitteleuropäer. Und wenn ich Tango am Klavier spiele, bin ich Argentinier.“ Mit sechs Jahren lernt er in einem Salon in Buenos Aires beim Versteckspiel unter dem Flügel die etwas ältere Martha Argerich kennen – heute 76. Die beiden werden Freunde fürs Leben, auch die Pianistin macht später in Europa Karriere. Seit einigen Jahren sind sie enge Musikpartner.

Das Wunderkind

Aber bald wird Buenos Aires zu eng für das Wunderkind. Die Eltern suchen neue Chancen, die Familie zieht nach Israel. Eine Begegnung mit dem deutschen Musiker Wilhelm Furtwängler (1886–1954) wird zum Schlüsselerlebnis. Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker lässt den Jungen vorspielen. Mozart, Bach, Beethoven, Prokofjew – Furtwängler reagiert erst verhalten. In einem Empfehlungsschreiben heißt es schließlich: Barenboim sei „ein Phänomen“. Furtwänglers Einladung, mit den Philharmonikern aufzutreten, schlägt der Vater aber ab. Für einen Juden sei es noch zu früh, zehn Jahre nach dem Holocaust in Deutschland zu spielen. Erst 1964, zum 10. Todestag Furtwänglers, führt er in Berlin dessen Klavierkonzert auf.

In den 50er und 60er Jahren reist Barenboim als Pianist durch die Welt, spielt mit Otto Klemperer Beethovens Klavierkonzerte ein und stellt die Weichen für seine zweite Karriere als Dirigent.

Der Wahl-Berliner

Und so ist Barenboim seit einem Vierteljahrhundert auch Berliner. Er lebt in einer Villa in Berlin-Dahlem. In der Stadt wolle er auch begraben werden, sagt er. Die Musiker der Staatskapelle kommen schnell ins Schwärmen, wenn sie zu Barenboim befragt werden. Die, die schon länger dabei sind, sprechen ehrfürchtig vom „Chef“. Der Maestro fordere viel, treibe sie zu Spitzenleistungen an. Und er könne sehr scharf schauen. Eine Zukunft ohne Barenboim kann sich die Staatskapelle schwer vorstellen. Sie hat ihn zum Ehrendirigenten auf Lebenszeit ernannt. „Und darüber hinaus“, wie er im Scherz sagt.

Am 15. November wird Daniel Barenboim 75 Jahre alt. An diesem Abend geht er arbeiten, oder besser: Er beschenkt sich mit einem Konzert in der Berliner Philharmonie. Was sonst?

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