17.03.2017 03:00 | Christian Preußer

Easy Rider des Abgrunds: "Depeche Mode" machen mit "Spirit" endgültig das Licht aus

Kälter geht's nicht: "Depeche Mode" haben ein neues Album aufgenommen. Es ist das sperrigste Album ihrer Karriere. Und vielleicht auch das wichtigste.

Alles schwarz: Martin Gore, Andrew Fletcher und Dave Gahan sind „Depeche Mode“.
Alles schwarz: Martin Gore, Andrew Fletcher und Dave Gahan sind „Depeche Mode“.

Auch die „Beatles“ hatten ja so ihre Probleme mit der Revolution. „Ja, ja, wir alle wollen die Welt verändern“, sang John Lennon 1968. Aber wer übernimmt den Job? Wer haut zuerst mit der Faust auf den Tisch? Dieselbe Frage stellen sich nun auch „Depeche Mode“, die ihrem neuen Album „Spirit“ die Single „Where’s The Revolution“ voranstellen.

Dave Gahan singt mit empörter Stimme: „Where’s the revolution / Come on, people / You’re letting me down“ („Wo ist die Revolution? Kommt schon, Leute / Ihr lasst mich hängen“). Dazu fiept ein Keyboard, Voodoo-Trommeln geben den Takt vor, und auch Sidekick Martin Gore spuckt Gift und Galle. „Spirit“ ist das 17. Album von „Depeche Mode“. Und es ist kaum zu glauben, aber im 38. Bandjahr greifen sie noch einmal an, ballen die Fäuste, zeigen Zähne. „Depeche Mode“ wollen keine Champagner-Revoluzzer sein, sie wollen die Trumps, die Wilders, die Le Pens nerven.

Ganz schön rau

Nun gibt es auf diesem Planeten ja kaum eine andere Band, die mit so viel Stilbewusstsein und Eleganz durch die 80er schritt, die schrillen 90er irgendwie überstand und mit erhobenem Haupt im laufenden Jahrtausend angekommen ist, wie „Depeche Mode“. Selbst Sänger Dave Gahan ist irgendwie durchgekommen – und das, obwohl er 1996 nach einer Überdosis Drogen für ein paar Momente sogar klinisch tot war. Vital und fit und gesund steht er heute da, auf den Bühnen der TV-Shows, das schwarze Unterhemd sitzt perfekt. Als hätte er sein gesamtes Leben vegan gelebt und wäre um 21 Uhr ins Bett gegangen. Dave Gahan hat auch mit 55 Jahren noch die Aura eines Dandys. Selbstbewusst reißt er im Video zur aktuellen Single die Faust in die Höhe, alles an ihm schreit: „Guckt her, ich habe den Teufel besiegt. Und sehe dabei noch verdammt gut aus.“

Und von diesem Selbstbewusstsein, vielleicht auch von dieser Arroganz, erzählt „Spirit“: Der Sound der Band ist gewaltig. Das Schlagzeug marschiert düster vorneweg, die Keyboards sorgen für dramatische Atmosphäre, manchmal klingt das schwer nach „Kraftwerk“. Dazu gibt es gewaltigen Krach, großes Getöse, eine Sound-Verdichtung, die an den Nerven reißt. Eine Art industrieller Sound, so brachial wie ein Hammer, der auf einen Amboss schlägt. Sperriger waren „Depeche Mode“ noch nie.

Für die Produktion zeichnet diesmal James Ford verantwortlich. Und er verpasst „Depeche Mode“ einen einigermaßen neuen Anstrich. Man hört schnell heraus, dass sich James Ford schon um die „Arctic Monkeys“ oder „Peaches“ gekümmert hat, denn tatsächlich hat das neue Album von „Depeche Mode“ eine Rauheit, die man von Punkrock-Platten kennt.

Die Songs „Scum“, „Eternal“ oder „Poison Heart“ werden von einem Grummeln und einer Düsternis getrieben, wie man das seit Jahrzehnten bei „Depeche Mode“ gehört hat. Die dunklen Synthie-Nummern ziehen einen so richtig schön runter, da wird einem ganz schwindelig. Dazu gucken Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher mit Sonnenbrillen aus dem Booklet – und man weiß sofort: cooler und arroganter geht’s nicht. Kein Wunder, dass „Depeche Mode“ bei all diesen unzähligen Synthie-Bands, die da draußen derzeit herumgeistern, einen Legendenstatus innehat. Sie wissen, dass sie an diese Abgeklärtheit und diese Bitterkeit niemals herankommen werden.

Klirrend kalt

Der Höhepunkt der kräftezehrenden Platte ist der Song „Cover Me“, eine Monster-Ballade, klirrend kalt. Das muss man ein paar Mal hören, bevor man diesen Synthie-Schocker verarbeiten kann.

Klar und deutlich schält sich hier die Grundstimmung von „Depeche Mode“ heraus. Die Motivation, die sie dieses Album hat aufnehmen lassen: „Ich würde es nicht Zorn nennen, sondern eher Enttäuschung“, sagte Martine Gore neulich in einem Interview. Und da bleibt natürlich viel Platz zum Spekulieren: Ist das jetzt politisch gemeint? Oder doch privat? Meint er den Zustand der Band?

Hinweise liefern die Texte. Im getragenen „No More (This Is The Last Time)“ heißt es an einer Stelle: „Call it what you want / You don’t mean a thing to me no more“ („Nenn es wie Du willst / Du bedeutest mir nichts mehr“). Mehr Schmerz, mehr persönliche Ablehnung geht nicht mehr. „Depeche Mode“ zeigen der Welt die kalte Schulter. Sie haben „Spirit“ aus einem Eisbrocken heraus geschnitzt. Die Band hat genug von den Menschen, vielleicht auch von sich selbst. Bitterkalt ist das.

„Depeche Mode“ machen auf ihrer anstehenden Welt-Tournee auch in Frankfurt Halt. Die Band spielt am 20. Juni in der Commerzbank-Arena. Das Konzert ist bereits ausverkauft.

Kommentare

  • Grammatik lässt zu wünschen übrig
    geschrieben von Kickersbuss (1 Beiträge) am 19.06.2017 06:44

    Liest bei Euch keiner Korrektur? Wenn u.a. auch der Name von Martin Gore falsch geschrieben wird (Martine Gore), dann ist das mehr als peinlich.



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